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Tornado : Zehn Minuten ändern alles

  • -Aktualisiert am

Durchs beschauliche Bützow raste ein Tornado. Ein Schock fürs mecklenburgische Städtchen, aber auch Auslöser großer Hilfsbereitschaft. Ein Rückblick.

          2 Min.

          Zunächst sah es wie ein harmloses Gewitter aus. Doch dann verschlimmerte sich die Situation schlagartig: Große Äste brachen von Bäumen, im Sturm wehende Fahnen schienen kurz vorm Zerreißen zu stehen. Plötzlich hoben sich die Dachziegel des gegenüberstehenden Hauses - Szenen, wie man sie sonst nur aus den Vereinigten Staaten oder dem Süden Asiens kennt. Doch sie stammen aus einem Video, das den Tornado dokumentiert, der am Abend des 5. Mai 2015 durch Bützow raste. Unwetter wie dieses in der kleinen Stadt im Landkreis Rostock sind zunehmend in Deutschland zu beobachten.

          Steine trommeln aufs Auto

          „Jegliche Steine und Äste begannen aufs Auto zu trommeln, und auf einmal kam eine schwarze Wand, schwarz wie die Nacht“, so schildert Karl Braun sein Tornadoerlebnis. Er hatte gerade seine Tochter nach Hause gebracht, als ihn das Unwetter erfasste und sein Auto bis zu zwei Meter in die Luft hob. Dass er sich zwei Mal überschlug, ist das Letzte, woran sich Braun noch erinnern kann. Wieder bei Besinnung, gelang es ihm, sich aus dem Auto zu befreien. Braun zog sich eine Rippenfraktur zu, doch es hätte deutlich schlimmer kommen können. Sein Auto war anschließend nämlich „platt wie eine Flunder“.

          Schneise der Verwüstung

          Neben ihm gab es 29 weitere Verletzte. Der Auslöser dieses Unwetters war das Tief „Zoran“. Es hatte zur Folge, dass ein aus mehreren Teilwirbeln bestehender Tornado durch das Zentrum der mecklenburgischen Kleinstadt fegte und innerhalb weniger Minuten eine Schneise der Verwüstung hinterließ. Mit einer Windgeschwindigkeit von bis zu 300 Stundenkilometer verursachte er einen Schaden von rund 40 Millionen Euro. Folglich veränderte sich das Straßenbild drastisch. Auf Bildern und Videoaufnahmen sieht man die zuvor so beschauliche Innenstadt von Ziegelsteinen und Fensterglas übersät. Die Parkanlage im Zentrum glich nach dem Wirbelsturm einem abgeholzten Gelände.

          Sporthallen wurden Notunterkünfte

          Wie erholt sich eine Stadt von so einem Ereignis? „Die erste Hilfe kam ganz spontan von Anwohnern und anderen Leuten, die nicht in der Stadt wohnen“, erinnert sich Braun, dem nach seinem Unfall sofort geholfen wurde. „Feuerwehr und Rettungsdienste sind zunächst gar nicht durchgekommen, da die Brücke, die das Zentrum mit dem Weg zum Krankenhaus verbindet, blockiert war.“ Bis zu 150 Menschen beteiligten sich direkt nach den Geschehnissen daran, Dachtrümmer und Äste zu entfernen, damit die Verletzten versorgt werden konnten. Zudem wurden zwei Sporthallen zu Notunterkünften umfunktioniert, um den Familien, deren Häuser unbewohnbar gemacht wurden, eine Unterkunft zu gewähren.

          Abgedecktes Kirchendach

          Der Tornado löste ein Gefühl von Zusammengehörigkeit aus; jeder versuchte, dort zu helfen, wo er nur konnte, sei es mit einem Besen die Straßen vom Schutt zu befreien oder mit Händen die heruntergefallenen Ziegel zusammenzutragen. Spendengelder und Versicherungen sorgten dafür, dass Dutzende Dachdecker und Handwerker die mehr als 100 beschädigten Gebäude wieder in einen bewohnbaren Zustand versetzen konnten. Dazu gehört auch die frisch restaurierte Stiftskirche, die sich im Herzen der Stadt befindet. Der Tornado hatte große Teile des Dachs abgedeckt und den auf der Kirchturmspitze thronenden Wetterhahn umgeknickt. Auch das Rathaus war in Mitleidenschaft gezogen worden. Doch inzwischen mangelt es beiden zentralen Gebäuden weder an Dachziegeln noch an Fensterglas.

          Stiftungen und Helfer

          Mehr als anderthalb Jahre später sind die Schäden nahezu vollständig behoben. Nur an einigen Stellen zeichnen sich noch die Spuren des Sturms ab. So wird es noch eine Weile dauern, bis sich der Baumbestand erholt hat, da ein paar der abgeknickten Bäume bereits ein Alter von mehr als 100 Jahren erreicht hatten. Doch zum größten Teil ist wieder Normalität in die Kleinstadt eingekehrt. Im Nachgang gibt es auch Positives zu vermerken: „Auf jeden Fall ist der Tornado schrecklich gewesen, er hat viel Schaden angerichtet. Doch durch all die Stiftungen und Helfer ist alles wieder gut repariert worden. Dass nun der Tornado der Auslöser war, ist eine traurige Sache, aber ansonsten hätte der Renovierungsprozess von Bützow ein bisschen länger gedauert.“

          Menschliche und andere Katastrophen

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