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Tonstudio : Jedes Instrument wird mikrofoniert

  • -Aktualisiert am

Bild: Monika Aichele

Die Rockmusiker von „Reichelts Flug“ spielen im Tonstudio von Daniel Jobst einen Titel ein. Mit ausgefeilter Technik, riesigem Aufwand und viel Gefühl.

          4 Min.

          Konzentriert starrt der große junge Mann mit seinen blauen Augen auf den Bildschirm. Um seinen Hals trägt er Studio-Kopfhörer, seine braunen Locken sind zum Undercut geschnitten. Vor ihm befinden sich 32 Schieberegler, 198 Knöpfe und ein Touchdisplay – ein modernes, digitales Mischpult. Durch die Scheibe, die sich in der Wand hinter seinem Computer befindet, erhascht man einen Blick auf drei Musiker der Rockband „Reichelts Flug“, deren Musik er zur Kontrolle der Aufnahme über Lautsprecher hört. Daniel Jobst ist Inhaber der Firma Bahnhof38 mit Sitz in Steinau an der Straße im südöstlichen Hessen, zu der neben einem Verleih für Veranstaltungstechnik das im Vintage-Flair gestaltete Tonstudio gehört. Dort entstehen neben Musikaufnahmen auch Film- und Musikkompositionen sowie Tonproduktionen im Bereich 360 Grad. Diese Produktionen kommen in Verbindung mit 360-Grad-Videos und VR-Brillen zum Einsatz und vermitteln dem Hörer das Gefühl, Geräusche und Musik aus allen Raumrichtungen wahrzunehmen.

          Stolz erwähnt er Pink Floyd

          Auffälliger als das Mobiliar sind die hängenden und stehenden Absorber und Diffusoren in unterschiedlichen Größen und Formen. Sie verhindern Reflexionen des Schalls, um eine saubere Aufnahme zu gewährleisten. Außerdem sind die Räume durch eine Technik, die sich Raum-in-Raum-Konstruktion nennt, vom restlichen Gebäude isoliert, damit kein Schall von innen nach außen oder andersherum dringt. Damit an diesem Tag alles glattgeht, muss Daniel Jobst schon viel früher mit der Vorbereitung beginnen. Wichtig ist der enge Kontakt zur Band, sich eine Probenversion ihres Liedes anzuhören, eine Liste der Instrumente geben zu lassen und sich künstlerisch mit der Musik auseinanderzusetzen, um nicht nur einen perfekten, sondern auch zu der Band passenden Sound zu bekommen. Jobst benutzt am liebsten alte Mikrofone aus den 60er und 70er Jahren, die er sorgfältig restauriert und pflegt. „Das Faszinierende an ihnen ist, dass sie alle eine Geschichte zu erzählen haben.“ Stolz ergänzt er, dass schon Xavier Naidoo oder Pink Floyd ihre Alben mit Mikrofonen der gleichen Art aufgenommen haben.

          Nach der Begrüßung bauen die Musiker ihre Instrumente auf: ein Schlagzeug, eine Gitarre, einen Bass und einen Synthesizer. Jedes Instrument – beim Schlagzeug sogar jede Trommel und jedes Becken – wird nun mikrofoniert. Der Abstand zwischen Instrument und Mikrofon ist dabei eine Philosophiefrage, da sich je nach Entfernung das jeweilige Instrument anders anhört. Die Mikrofone werden durch Kabel mit dem Mischpult verbunden, wo jedes von ihnen seinen eigenen, mit einem beschrifteten Magneten gekennzeichneten Kanal hat. Diese Kanäle werden auf dem Computer eingestellt. Dort werden die Signale aufgezeichnet und gespeichert. Beim Soundcheck vorverstärkt der Tontechniker die Instrumente mit Hilfe des Mischpults, um alle eingehenden Signale auf einen ähnlichen Level zu bringen.

          Er setzt am liebsten auf die Live-Version

          Er überprüft den Klang der Instrumente auf Unsauberkeiten, damit diese in Zusammenarbeit mit den Musikern beseitigt werden können. Daniel Jobst beherrscht selbst viele Instrumente, darunter Gitarre, Bass und Schlagzeug, und kann schnell Fehler erkennen und beheben. Nach seiner Ausbildung zur Fachkraft für Veranstaltungstechnik studiert er Conception & Production B.A. an der Hochschule RheinMain. Endlich sind alle Instrumente gecheckt, die Musiker bereit, gut drauf und die Aufnahme kann beginnen. Jobst setzt am liebsten auf die Live-Version, das heißt, alle Instrumente werden gemeinsam aufgenommen. Das Gegenstück ist das Overdub-Verfahren, bei dem alle Instrumente einzeln nacheinander aufgenommen werden. Der Tontechniker findet aber: „Das Gefühl rüberzubringen ist wesentlich wichtiger als die mathematische Korrektheit.“ Das komme eher zustande, wenn die Band gemeinsam spielt. Das sieht man an den Musikern von „Reichelts Flug“, die kreisförmig im Raum stehen, sich anschauen und mit Köpfen und Füßen im Takt mitwippen.

          Obwohl sich alle Musiker in einem Raum befinden, werden die Instrumente in verschiedenen Räumen aufgenommen, damit sie sich auf der Aufnahme nicht gegenseitig stören. Das ist möglich, da der E-Bass und die Gitarre Verstärker haben, die man mit Hilfe langer Kabel in einen Nebenraum stellen kann. Während der Aufnahme hören die Musiker sich selbst und ihre Bandkollegen über Kopfhörer. So kann der Tontechniker jedem Musiker seinen eigenen Mix auf die Ohren geben, jeder kann selbst bestimmen, welches Instrument er wie laut hört. Nach der Gruppenaufnahme folgen trotzdem noch Einzelaufnahmen, um fehlerhafte Stellen zu verbessern oder weitere Stimmen in einer anderen Tonlage einzuspielen. Die Musiker betonen hinterher, dass sie „voll im Workflow“ waren und den Hauptinstrumentalpart nur dreimal aufnehmen mussten, obwohl auch zehn Anläufe normal seien. Als Letztes steht das Aufnehmen des Gesangs an, der getrennt aufgenommen wird, da die Zuhörer erfahrungsgemäß am stärksten auf ihn achten und er deshalb „für sich stehen muss“.

          Es folgen Mischen und Mastern

          Jetzt geht die Arbeit für Jobst erst richtig los: Es folgen Mischen und Mastern. Vor dem Mischen sortiert er die bis zu einhundert verschiedenen Spuren und markiert sie farblich. Dann werden sie geschnitten und die Instrumente in bestimmten Frequenzen leiser oder lauter gemacht, um die Frequenzbereiche zu betonen, in denen sie gut klingen. Diese Frequenzbereiche sind für jedes Instrument anders. „Mit der Zeit weiß man, wo die Instrumente ungefähr funktionieren, aber im Endeffekt muss man es hören“, erklärt Jobst. Zwischen den zwei Lautsprechern, aus denen die Musik erklingt, entsteht im Zusammenspiel mit dem menschlichen Gehör ein Klangraum, in dem die einzelnen Instrumente beliebig angeordnet werden können, zum Beispiel am Rand oder in der Mitte, links oder rechts. So kann der Tontechniker beispielsweise entscheiden, ob der Hörer das Gefühl haben soll, selbst am Schlagzeug zu sitzen oder der Musik mit Blick auf die Band von vorne zu lauschen.

          Durch die Verwendung von Effekten wie Hall entsteht beim Hören die Illusion, die Töne würden von nahem oder aus weiterer Entfernung kommen. Das fertig gemischte Lied wird anschließend beim Mastern im Gesamten „veredelt“. Dabei entsteht ein einheitliches Klangbild und eine korrekte Ausgangslautstärke. Das Mastern ist ein elementarer Arbeitsschritt und sorgt dafür, dass sich das fertige Lied auf möglichst allen Wiedergabegeräten in ähnlicher, hoher Qualität abspielen lässt. Jobst sagt: „Nichts von dem, was man aufnimmt, kommt unbearbeitet beim Kunden an.“

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