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Tierschutzhunde : Die wedelnde 13

  • -Aktualisiert am

Bild: Jörg Mühle

Conny Wilhelmi und ihr Mann haben Tierschutztiere bei sich aufgenommen und werden manchmal komisch angeschaut. Fiese Kommentare ignorieren sie.

          3 Min.

          Die Tür öffnet sich, und sie kommen mit lautem Gebell und schwanzwedelnd auf den Besucher zu. Wirft man einen Blick nach unten, schauen zahlreiche freundliche Augen kleiner Fellknäuel von unten hoch und wollen begrüßt werden. So werden Besucher von der sechzigjährigen Conny Wilhelmi empfangen. Sie wohnt am Feldrand in Taunusstein, einem Ort in der Nähe von Wiesbaden, und ist stolze Besitzerin von 13 Hunden. In Deutschland haben nahezu 11 Millionen Menschen einen Hund als Haustier, nur wenige geben aber an, zwei oder mehrere zu halten. „Wenn es mir schlechtgeht, brauche ich mich nur auf den Boden zu setzen, und schon bin ich von meinen Hunden umzingelt, die mir ihre Schnauze entgegenstrecken und mich trösten wollen. Es ist die beste Therapie.“ Auch während des Interviews kommt immer mal wieder ein Hund und möchte Aufmerksamkeit, will gestreichelt oder auf den Schoß genommen werden.

          Der Erste kam krank aus dem Heim

          Angefangen hat alles, als Conny Wilhelmi mit Ende zwanzig ihren ersten Hund aus dem Tierheim holte. Obwohl der Hund krank und „vorgeschädigt“ durch die vorherigen Lebensumstände war, wusste sie sofort, dass er der Richtige war. Lächelnd erklärt sie: „Man will dem Hund helfen und ihn wieder gesund pflegen, und wenn man das schafft, fühlt man sich wie ein König.“ Damals hätte sie sich nicht im Traum vorstellen können, einmal 13 Hunde aufzunehmen, denn schon einer allein kostet viel Geld und Zeit. Deswegen ging es bei ihr erst mit Anfang 40 richtig los, als sie aufhörte, im Büro als Sachbearbeiterin und Kundenberaterin bei Vacheron Constantin, der ältesten Schweizer Uhrenmanufaktur, zu arbeiten. So viele Hunde zu haben ist ein Vollzeitjob, und seitdem bringt ausschließlich ihr Mann, der ihre Hundeliebe teilt, das Geld nach Hause. Er arbeitete als Vorstandreferent bei der DBV.

          Drei Straßenhunde aus Griechenland

          Mittlerweile sind beide in Rente, was aber nicht heißt, dass es keine Arbeit mehr für sie gibt. Die Hunde kommen entweder aus dem Tierschutz oder aus dem Tierheim. Sie müssen dementsprechend auch häufig erst mal gesund gepflegt werden und Vertrauen aufbauen. Leicht ist das nicht. „Ich habe immer darauf geachtet, dass die Hunde weiblich und klein sind. Allerdings geriet ich ganz schön an meine Grenzen, als mir vom Tierschutz drei Straßenhunde aus Griechenland auf einmal angeboten wurden“, erklärt Conny Wilhelmi mit einem Blick auf ihre drei schlafenden Griechen im Wohnzimmer. Zu diesem Zeitpunkt lebten schon acht Hunde bei ihr. „Ich war mir sehr unsicher, ob ich das schaffen kann, aber mein Mann überzeugte mich und wollte die Hunde aufnehmen.“ Mit einem Schlag waren es elf, und die neuen Hunde waren noch nicht an das Leben im Haus gewöhnt. „Es ist meine Motivation, wenn ich sehe, wie die Hunde langsam aufleben und sich an ihr neues Zuhause gewöhnen. Das ist fast schon wie eine Sucht.“

          Dafür verzichten sie auf viel

          Dafür muss sie allerdings auf viel verzichten. Seit zwanzig Jahren waren sie und ihr Mann, der sie vollkommen unterstützt und dies gerne in Kauf nimmt, nicht mehr im Urlaub. Ihr Tagesablauf richtet sich nach den Hunden. „Vor 1.00 Uhr komme ich nicht ins Bett. Früher habe ich mich auch für Mode interessiert, wollte viel erleben und reisen. Jetzt bin ich zufrieden, wenn ich sagen kann, dass ich 14 bis 15 Hunden das Leben gerettet habe.“ Einmal die Woche nimmt sie sich aber eine Auszeit und geht shoppen. Auch im sozialen Umfeld treten Probleme auf. „Ab meinem fünften Hund bemerkte ich, wie sich die Gesellschaft langsam von mir distanzierte. Menschen sehen mich wegen meiner Tiere herabwürdigend an und haben Vorurteile. Sie denken, dass es bei mir zu Hause dreckig ist und halten mich für verrückt.“ Beim Gassigehen muss sie sich ständig damit auseinandersetzen, dass Leute ihr komische Blicke zuwerfen und sagen: „Also so was würde ich ja nie machen.“ Dazu kann sie nur lächeln: „Soll ja auch nicht jeder machen, schließlich hat jeder Mensch eine andere Aufgabe. Wäre ja schlimm, wenn alle dasselbe machen würden wie ich.“ Um keine Probleme zu verursachen, hält sie sich noch strenger an die „Regeln“ als Hundebesitzer von nur einem Hund. Zum Beispiel achtet sie immer darauf, anderen Spaziergängern im Feld Platz zu machen. „Fiese Kommentare ignoriere ich mittlerweile, denn eine Diskussion, das weiß ich aus Erfahrung, bringt sowieso nichts.“

          Der Star unter den Kindern der Nachbarschaft

          Das war früher anders. Conny hat immer wieder versucht, den Leuten zu erklären, dass ihre Hunde sauber sind und niemanden gefährden oder verletzen. Interessiert habe das die Leute nicht. „Viele halten an ihrer Meinung fest, dass es asozial ist, so viele Tiere zu haben. Da kann man sagen was man will. Heutzutage akzeptiere ich das. Trotzdem verletzt es mich teilweise immer noch.“ Vor einigen Wochen hat sie sich noch einen kleinen Wunsch erfüllt und sich ihren ersten und einzigen Welpen geholt. „Er ist momentan der Star unter den Kindern in der Nachbarschaft“, erklärt sie stolz. Ihre Entscheidung für die Hunde hat Conny bis heute nie bereut. Sie liebt jeden Einzelnen von ihnen und hat ihr persönliches Glück mit ihren Tieren gefunden. Doch nicht nur mit den Hunden. Auf dem Weg zur Haustür kommt man nämlich an einem Zimmer mit einer gläsernen Tür vorbei, in dem auch noch 25 Vögel ein schönes Zuhause gefunden haben.

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