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Tibeterin in der Schweiz : Nechung Engelers weiser Rat in der Engelgasse

  • -Aktualisiert am

Bild: Moni Port

Geschwister sterben auf der Flucht nach Indien. Sie gelangt mit sieben Jahren von Tibet in die Schweiz. Heute hilft die kleine Frau mit dem großen Herz anderen.

          3 Min.

          Das Rattern von zwei Nähmaschinen und tibetische, exotisch klingende Musik erfüllen den Raum. Die Sonne scheint durch die Fenster des kleinen Nähzimmers, das sich hinter ihrem Geschäft in der Engelgasse in St. Gallen befindet, und scheint Nechung Engeler ins Gesicht. Sie kneift ihre kastanienbraunen Augen zusammen und lächelt. In den Regalen stehen Kisten mit Bändern und Garn in allen Farben. In ihren feingliedrigen Händen hält sie einen Keks und erklärt, dass diese tibetischen „Guetzli“ aus Tsampa, geröstetem Gerstenmehl, bestehen und dass sie diese mit ihrem Mann bäckt und in der Schneiderei vertreibt. Seit 43 Jahren ist sie mit dem Schweizer, einem pensionierten regionalen Verkaufsleiter von Nahrungsergänzungsmitteln, zusammen.

          Die 63-Jährige streicht sich die kinnlangen, pechschwarzen Haare aus dem Gesicht. Als sie zu erzählen beginnt, wird ihr freundliches Gesicht plötzlich ernst. Sie war drei Jahre alt, als die chinesische Besatzung nach Tibet kam und die neunköpfige Familie durch das eisige Himalaya-Gebirge nach Indien flüchten musste. Vier von ihren sechs Geschwistern starben auf der Flucht, eine ihrer Schwestern musste in Tibet zurückbleiben und lebt seit 1997 in Indien, nachdem Nechung Engeler sie gefunden hat. Nechung ist die Einzige der Kinder, die es bis in die Schweiz in ein Kinderheim im Appenzellerland geschafft hat. Ihr Bruder blieb in einem Kloster in Indien zurück.

          Der Dalai Lama überzeugte sie

          In Nordindien lebten sie zuerst in Notzeltlagern, die Eltern arbeiteten wie viele andere Geflohene im Straßenbau. Der 14. Dalai Lama überzeugte sie, ihre verbliebenen Kinder in eine Einrichtung zur Betreuung und Erziehung zu geben. So kam Nechung in Dharamsala in ein Kinderheim. Kinder wurden ausgewählt, die in die Schweiz kommen sollten, um im Kinderdorf Pestalozzi in Trogen versorgt zu werden. Nechungs Onkel wohnte bereits in Trogen und half ihr, ins Appenzellerland zu gelangen. Das Aufwachsen im Kinderdorf Pestalozzi in Trogen war für die damals Siebenjährige unbeschwert, „uns Kindern fehlte es an nichts“. Jede Nation hatte ein eigenes Haus mit Hauseltern und Lehrern. Tibets Sprache, Essen und Kultur wurden praktiziert, damit die Kinder ihre Kultur nicht vergessen. „Im Pestalozzi-Dorf hatte ich eine sehr gute Kindheit. Dafür bin ich sehr dankbar.“

          Die Tibeterin wischt sich Krümel von der Jeans. „Im Kinderdorf wuchsen wir wie auf einer Insel auf. Geschützt. Wir konnten nur Hochdeutsch sprechen. Als wir die Lehre antraten, mussten wir erstmals Bekanntschaft mit Rassismus machen. Wir konnten kein Schweizerdeutsch, hatten eine eigene Kultur und sahen anders aus. Einmal erhielt mein Mann ein unmoralisches Angebot von einem älteren Herrn, der mich ihm abkaufen wollte. In den Läden wurden wir oft nicht bedient und angefasst, auch wenn wir das klar nicht wollten.“

          „So fremd waren wir uns“

          Ursprünglich wollte sie Erzieherin werden – mit der eventuellen Rückkehr nach Tibet im Hinterkopf wählte sie aber den Beruf der Damenschneiderin. Denn in Tibet waren vor allem Berufe im Pflege- oder handwerklichen Bereich gesucht. Es kam jedoch zu keiner Rückkehr, da es durch die chinesische Besetzung zu gefährlich gewesen wäre. Für ihre Eltern, die ihr Leben auf der Flucht für sie riskierten, fühlt Nechung eine tiefe Dankbarkeit. „Meine Mutter hat nie viel von der Flucht erzählt. Zuvor war mein Vater lange Zeit im Gefängnis; er wurde immer wieder verlegt, und meine Mutter reiste ihm mit uns Kindern nach, sobald sie wieder wusste, wohin mein Vater gebracht worden war.“

          Mit 17 Jahren hatte sie zum ersten Mal die Chance, nach Indien zu fliegen und ihre Eltern wiederzutreffen. „Wir hatten zuvor ausschließlich Briefkontakt. In Indien wurden wir auf einem Dorfplatz ausgeladen, wo die Familien warteten. Ich fühlte mich verloren, weil ich nicht mehr wusste, wie sie aussahen.“ Die Gefühle bei dem Wiedersehen beschreibt sie als Freude, Trauer, Befremdung und Angst. „Auf dem Weg ins Haus der Eltern gingen wir durch ein Maisfeld. Dabei wurden meine Füße schmutzig, und ich habe mich dafür so geschämt. Zu Hause angekommen, setzten wir uns ins Wohnzimmer. Ich traute mich nicht zu fragen, ob ich meine Füße waschen dürfte – so fremd waren wir uns.“

          Sie hofft auf ein gewaltfreies Tibet

          Die anderen verbliebenen Familienmitglieder haben sich erst 1997 nach 30 Jahren Trennung wiedergesehen. Nechung meint, eine solche Entwurzelung und ein Auseinanderreißen von Familien dürfe niemandem passieren. „Als junger Mensch hegte ich vier Wünsche. Drei davon konnte ich mir bisher erfüllen: ein eigenes Nähatelier, eine tibetische Modenschau und ein tibetisches Kochbuch. Mein vierter und wichtigster Wunsch ging leider noch nicht in Erfüllung: ein gewaltfreies Tibet.“ Sie wird ihre Hoffnung nicht aufgeben, doch es brauche einen „weltumspannenden Einsatz“.

          Um zum interkulturellen Austausch beizutragen, übersetzt sie seit 2002 für tibetische Asylsuchende. Nechung übersetzt für Organisationen wie das Evangelische Hilfswerk oder das Justiz- und Polizeidepartement St. Gallen. „Ich lerne immer wieder neue Menschen kennen, stehe mit ihnen im Kontakt und habe die Chance, für sie etwas zu verändern“, sagt die „gute Seele mit Helfersyndrom“, wie Bekannte sie nennen. Tibeter lebten konsequent nach moralischen, ethischen sowie buddhistisch-religiösen Werten. Dazu gehörten ein starkes Gewissen, Menschlichkeit, Glaube, Nächstenliebe und Sorge für Mensch und Natur.

          Die Ladenglocke klingelt. Eine Kundin betritt das Atelier. Ihre rote Hose muss gekürzt werden. Nechung nimmt ein Maßband, das doppelt so lang ist wie die 1,52 Meter große Frau. Sie misst die Länge der Hosenbeine und notiert sich: 68 Zentimeter links, 67 Zentimeter rechts. „Sie können die Hose in fünf Tagen abholen.“ Den Weg in die Engelgasse finden Menschen aus vielen Gründen. Einige haben Schneiderarbeiten, andere wollen ihre hausgemachten tibetischen Süßigkeiten oder ein Kochbuch kaufen, und manche brauchen einfach nur den Rat der weisen Frau.

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