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Theologische Zoologie : „Wir führen Krieg gegen Tiere“

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Zwei Esel und ein anderer Blick auf die Welt: In Münster gibt es ein Institut für Theologische Zoologie. Ein Besuch.

          Iahh, iahh ... „Jeden Morgen wird Rainer Hagencord lautstark von den beiden Eseln begrüßt. „Manchmal denke ich, die Nachbarn hören mit“, erzählt er mit einem schuldbewussten Schmunzeln. Über einen Schotterweg kommt man zum Zuhause von Freddy und seinem Halbbruder Fridolin, dem kleineren mit hellbraunem Fell. Das eingezäunte Gelände mit einer Holzhütte befindet sich zwischen einem Neubaugebiet, einer Wiese, Bienenstöcken und dem Bildungs- und Tagungshaus Mariengrund. Die haarigen Poitou-Esel sind wesentlicher Bestandteil des Instituts für Theologische Zoologie, ITZ. Es wurde im April 2009 von Anton Rotzetter und Rainer Hagencord gegründet und ist seit September 2009 ein An-Institut der Philosophisch-Theologischen Hochschule Münster. „Ich bin stolz darauf, denn wenn man ,theologische Zoologie‘ googelt, kommt man nur zu uns“, sagt der 57-jährige Priester mit leuchtenden Augen. Das Institut mit der Friedensbotschafterin Dr. Dr. mult. Jane Goodall als Schirmherrin sei einzigartig in Europa.

          Ein anderer Blick auf die Umwelt

          Theologische Zoologie soll naturwissenschaftliche Dimension und Theologie verbinden, „um einen neuen Blick auf die Schöpfung“ zu eröffnen. „Unsere sogenannte Um-Welt wird zur Mit-Welt“, sagt Hagencord. Dabei geht es nicht um menschliche Therapie durch Tiere. Er macht es ganz deutlich: „Wir vernichten unsere Lebensgrundlage. Wir führen Krieg gegen die Tiere.“ Durch den Kontakt zu den haarigen Vierbeinern, die eine starke emotionale und soziale Kompetenz besitzen, soll ein Verhältnis auf gleicher Augenhöhe zum Tier entstehen, um die Würde des Tieres zu wahren und um den Blick auf die Umwelt zu verändern. Aus diesem Grund wird auf den Eseln auch nicht geritten. „Wir wollen nicht diese Herrschaftsattitüde gegenüber den Eseln“, sagt der Tierfreund mit bestimmter Stimme. „Nur gemeinsame Wanderungen stehen auf dem Programm. Das Projekt steht also unter dem Motto ,Der letzte Zweck der anderen Geschöpfe sind nicht wir‘, wie in der Enzyklika Laudato si’ 83, 2015 von Papst Franziskus veröffentlicht, zu lesen ist.“

          Diese Überzeugung will der Dozent auch den Studentinnen und Studenten der Biologie und Theologie näherbringen. Wenn der Eselexperte im Rahmen einer Lehrveranstaltung gemeinsam mit den Studierenden zu seinen beiden „Veranstaltungskollegen“ fährt, stehen die persönliche Begegnung mit den Tieren und die damit einhergehenden Erfahrungen im Mittelpunkt. Hagencord erzählt von einem älteren demenzkranken Herrn, der die Esel regelmäßig besuchte. Dabei war er oft durch die Zuneigung der Esel zu Tränen gerührt.

          Zwei von 600 Poitou-Eseln

          Die zwei „Babys“, wie sie der Theologe und Biologe gerne nennt, sind zwei von den 600 Poitou-Eseln weltweit und stammen aus einem Naturschutzgebiet bei Olfen im Kreis Coesfeld. Sie sind ein kostspieliges Vergnügen. 2600 Euro betragen die Anschaffungskosten eines solchen Artgenossen plus drei Ballen Heu am Tag zu 3,50 Euro und einen regelmäßigen Besuch beim Zoo-Friseur, um die braunen Mähnen in Form zu halten. Es gibt zum Glück ein ehrenamtliches Team, das sich um die tägliche Versorgung der Tiere kümmert, und den Förderverein des Institutes, der finanziell das Projekt unterstützt. Dem Bildungshaus Mariengrund der Schönstätter Schwestern liegt ökologische Nachhaltigkeit am Herzen, so dass der Orden neben einem Waldkindergarten die Esel gerne auf seinem Gelände beherbergt und so die Begegnung zwischen Mensch und Tier ermöglicht.

          Ein Kuratorium, das aus Vertretern der christlichen, jüdischen, islamischen Religion sowie Medizinern, Biologen, Ethikern, Philosophen und Naturschützern besteht, ermöglicht einen thematischen und interreligiösen Austausch im Rahmen des Projektes. Bei regelmäßigen Treffen plant dieses Beratungsgremium Veranstaltungen und Kooperationen, setzt sich mit den Finanzen des Institutes auseinander und entwickelt Vorgehensweisen, um das Projekt weiter voranzubringen. Für Hagencord ist der Eselstall sozusagen sein zweites Zuhause: „Ich habe das Gefühl, angekommen zu sein. Ich habe meine Studienfächer zu meinem Lebensstil und meiner Profession gemacht. Nun muss ich noch 97 werden, da die Esel 40 Jahre alt werden“, erzählt der Priester zufrieden.

          Jeden Abend Heu aus dem Klosterkeller

          An Silvester verbrachte er mit den beiden Eseln den Jahreswechsel. Beim Sturm „Friederike“ hielt er im Stall die Stellung und stand den Tieren zur Seite. Freddy, der größere der Esel, rannte hin und wieder nach draußen, wo der Sturm tobte, und streckte auf dem Hügel neugierig seine Nase in den Himmel, um zu beobachten, was dort vor sich ging. Auf einem Schild steht: „Füttern Sie Freddy und Fridolin bitte nicht. Esel werden sehr schnell krank, wenn sie zu viel Obst oder Gemüse essen!“ Damit sie satt werden und so mollig bleiben, gibt es abends einen Ballen Heu, der von Hagencord aus dem Klosterkeller mit dem Fahrrad zum Gehege gefahren wird. Die Esel sind eine Attraktion. Mit ihrer Sorglosigkeit und Neugierde seien sie Freunde für jeden interessierten Besucher und sorgten für ein besseres Miteinander zwischen Mensch und Natur.

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