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Tatjana Patitz : Die Unaufgeregte

Die Natürliche mit den Katzenaugen Bild: Holde Schneider

Für Tatjana Patitz, Supermodel der Neunziger, gibt es Wichtigeres als Mode. Auch daran liegt es wohl, dass die gebürtige Hamburgerin, die auf einer Ranch in Kalifornien lebt, mit über Vierzig wieder gefragt ist.

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          Es gibt nicht viel, was Tatjana Patitz aus der Ruhe bringen kann. Geduldig empfängt sie ihre Gesprächspartner, lässt sich in der Kleidung der italienischen Marke Marina Rinaldi fotografieren, deren Kampagne sie aktuell ihr Gesicht leiht, während im Hintergrund ein Kamerateam herumspringt und sie durch den Tag begleitet. Nun sitzt sie im plüschigen Gesellschaftssalon des Hamburger Hotels Vier Jahreszeiten zwischen Kleiderstange und Kristallleuchtern und wartet auf das Mittagessen, die erste Mahlzeit des Tages. All das ist sie gewohnt, es gehört zu ihrer Arbeit.

          Erst als das Gespräch auf die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko kommt, auf das Versagen von BP und die Folgen für eine ganze Region, greift sie zu ungewohnt drastischem Vokabular. Wenn Patitz etwas wichtig ist, dann ist es die Natur, vor allem die der Vereinigten Staaten. Seit 1988 sind ihr die grünen Hügel Kaliforniens zu einer zweiten Heimat geworden, mit Hunden, Pferden und Sohn lebt sie auf einer kleinen Ranch, sie engagiert sich für Wildpferde, Wölfe und Wale.

          In ihrer Jugend hat die gebürtige Hamburgerin mit ihren Eltern in Schweden gelebt, nah an der Natur, sie ist nach dem Schulabschluss mit dem Rucksack durch Thailand getrampt und später durch Afrika gereist. Unterwegssein fällt ihr leicht. Ihr Privatleben ist denkbar wenig glamourös, Luxus ist angenehm, aber nicht wichtig.

          Aktuell leiht sie der italienischen Marke Marina Rinaldi ihr Gesicht

          In den Neunzigern eine der ganz Großen

          Unter den Supermodels der Neunziger Jahre war sie damals die Natürliche mit den Katzenaugen. Zusammen mit Naomi Campbell, Christy Turlington, Cindy Crawford und Linda Evangelista saß sie 1990 unbekleidet auf dem Titel der britischen Vogue, heute ein legendäres Foto, das den Ruhm der Modelikonen begründete. Mit blonder Lockenperücke räkelte sie sich im Musikvideo zu George Michaels „Freedom 90“ rauchend auf der Chaiselongue. Sie lief für die wichtigsten Designer über den Laufsteg und war eins der Lieblingsmodels des Fotografen Peter Lindbergh. In den Neunzigern war sie eine der ganz Großen. Doch während Naomi Campbell und die anderen nie aus Zeitschriften oder Klatschspalten verschwanden, wurde es um sie ruhig.

          „Es ist komisch, jemand hat gesagt, ich habe ein Comeback“, sagt Patitz jetzt in ihrem leicht amerikanisch gefärbten Deutsch. „Aber ich habe einfach nur ein bisschen weniger gearbeitet. Ich habe meinen Sohn bekommen, und den wollte ich selbst großziehen und nicht einfach einer Nanny überlassen.“

          Jetzt ist der Sohn Jonah in der Schule und aus dem Gröbsten heraus. Dazu kommt, nachdem jahrelang sehr junge und meist auch sehr dünne Modelle verlangt wurden, eine verstärkte Nachfrage nach der Supermodelriege der Neunziger. Seit zwei Jahren werden Naomi Campbell, Linda Evangelista und die anderen Supermodels wieder öfter für Kampagnen gebucht. „Ich glaube, es hat etwas damit zu tun, dass sich Frauen nicht mit einem Bild von einem sechzehnjährigen Mädchen identifizieren können“, glaubt Patitz. „Viele Models, die heute sehr groß sind, sind ja auch schon Ende zwanzig und nicht mehr ganz so jung.“

          „Niemand ist durch Castingshows groß geworden“

          Geduld ist wichtig in diesem vermeintlich schnelllebigen Geschäft. „Niemand wird ein Star über Nacht“, sagt Patitz, auch nicht durch Fernsehshows. „Man muss ja fragen, wer durch diese Castingshows groß geworden ist. Und man bekommt immer die gleiche Antwort: niemand.“ Man muss sich entwickeln, nicht alle Aufträge annehmen, sondern lieber geschickt auswählen, um die eigenen Stärken herauszuarbeiten. Dabei hilft eine gute Agentur, die wichtigste Instanz für junge Modelle. „Es gibt heute sehr viele Mädchen, die gut arbeiten, und es hat zehn Jahre gedauert, bis sie zu diesem Punkt gekommen sind.“

          Bei Patitz waren es rund drei Jahre. Mit siebzehn fing sie an, mit Anfang zwanzig ging es richtig los, das war 1986. „Aber das ist ein langer Weg. Das kommt nicht alles auf einmal, sondern phasenweise.“ Üben, den eigenen Stil finden, da unterscheidet sich das Model nicht vom klassischen Pianisten, findet sie. Am Anfang ist der Beruf zwar hart, die Mädchen leben oft in Wohngemeinschaften zusammen. Aber so schrecklich wie in den Castingshows dargestellt ist es nicht. „Die Auftraggeber sind nett zu einem“, sagt Patitz, und dass sie abnehmen müsse, habe nie jemand verlangt. Essen ist auch kein heikles Thema für sie: „Ich ernähre mich gesund. Kein Fast Food.“ Auch kein Fleisch, dafür lieber ein großer Salatteller und ein Omelett, das nun endlich hereingebracht wird.

          Meist trägt sie Jeans und Turnschuhe

          Der Rest ist Teamwork, und jeder Fotograf ist anders: „Man ist eine leere Leinwand, wenn man auftaucht. Man muss wie ein Chamäleon sein.“ Inzwischen kann sie es sich leisten, sie selbst zu sein, und sich ihre Aufträge auszusuchen. „Solange es mir Spaß macht, mache ich weiter.“

          Wirklich wichtig sind ihr aber andere Dinge. Ihr Sohn Jonah etwa, der so normal wie möglich aufwachsen soll. Modeln ist ein Job, privat hat ihr Leben wenig mit Mode zu tun. „Man kann nicht mit Designerkleidung und hohen Hacken herumlaufen, wenn man auf dem Land wohnt“, sagt Patitz. Meist trägt sie Jeans und Turnschuhe. „Ich kaufe eigentlich gar nicht so viele Zeitschriften und schaue nach Mode. Ich habe andere Sachen zu tun.“ Wildpferde retten zum Beispiel.

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