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Suchthilfe : Hilfe durch streng strukturierte Tage

  • -Aktualisiert am

Bild: Zubinski

Ein neues Leben aufbauen fern von Suchtmitteln. Cleantime im Eifelort Mayen versucht, kranken Menschen eine Perspektive zu zeigen.

          Man geht hinaus und landet, wenn man nicht aufpasst, wieder genau an der Stelle, an der man hineingegangen ist. Was bei Kindern des Öfteren zur Erheiterung führt, kann in anderen Bereichen fatale Folgen haben: der Drehtür-Effekt. Für einen Drogen- oder anderweitig Abhängigen heißt dieser dann Rückfall, wieder dort zu landen, wo man angefangen hat: „Rein in die Entgiftung, raus aus der Entgiftung, vier Wochen später wieder dasselbe“, beschreibt Thomas Hoffmann die oftmals bittere Realität. Dies zu verhindern, hat sich die Einrichtung „Cleantime“ in Mayen zum Ziel gesetzt, wie ihr Leiter erklärt. „Wir wollen den Betroffenen die Möglichkeit bieten, in einen geschützten Rahmen zu kommen und nicht zurück in ihr heimisches Setting oder auf die Straße.“ Vor mehr als 20 Jahren ist die Einrichtung in der Eifel entstanden, die 23 Patienten die Möglichkeit bietet, sich mit Hilfe von Sozialarbeitern und -pädagogen ein neues Leben, fern von illegalen Suchtmitteln, Alkohol und Nikotin, aufzubauen. Im Jahre 2017 wurden 187 Patienten aufgenommen, von denen 67 Prozent später an eine weiterführende, stationäre Reha vermittelt werden konnten. Was mit den restlichen 33 Prozent geschieht, erklärt Hoffmann zögerlich: „Also der Rest ... schafft es im Prinzip hier bei uns nicht.“ Das teilt sich dann prozentual auf in Rückfälle und Auffälligkeiten durch Gewalt. Außerdem gab es Fälle, in denen Patienten aufgrund ihrer Vorgeschichte festgenommen werden mussten. Das sei selten, komme aber vor. Ein Vorfall hat Hoffmann besonders mitgenommen: „Da gab es einen Rückfall hier im Haus, bei dem erstmals sogar der Rettungshubschrauber zum Einsatz kommen musste, so massiv war der. Das hätte, wenn wir es nicht frühzeitig entdeckt hätten, auch schiefgehen können.“

          Sie verlieren den Bezug zur Realität

          Nicht nur, um solchen Situationen vorzubeugen, achten sie auf engen Kontakt. „Wir haben sogar sehr engen Kontakt. Das ist im Prinzip unserem Auftrag geschuldet, einen engen Tagesplan einzuhalten.“ Der Tag sei so genau strukturiert, da viele Patienten gar keine Tagesstruktur mehr haben, sei es, dass sie ihnen nie vorgelebt worden sei, sei es, dass sie keine starke Eigendisziplin mehr haben, diese Struktur einzuhalten. „Die Patienten, die hier sind, sind polytox veranlagt. Das bedeutet, sie haben mehrere illegale Suchtmittel plus Alkohol, Nikotin und alles, was dazugehört, konsumiert. Und über diesen Konsum verlieren die meisten dann auch ihren Bezug zur Realität.“ Der Tag ist streng gegliedert: Aufstehen, Morgenhygiene, Zimmerrundgang, Frühstück, Spaziergang, um 8.30 Uhr Morgenplenum, wo der Tag individuell weiter strukturiert wird. Von 9 bis 12 Uhr geht es für die Bewohner in die entsprechenden Arbeits- und Trainingsbereiche, in denen sie zum Beispiel in den Gemüsebeeten arbeiten. Nach dem Mittagessen folgt die Mittagsruhe. Entweder trifft man sich dann in einer der drei Bezugsgruppen, die von drei Fachkräften geleitet werden, oder man schließt sich den Sportangeboten und Gruppenausflügen an, denen ebenfalls Fachpersonal zugeordnet ist. Hierbei handelt es sich um Sozialarbeiter und -pädagogen. „Dadurch, dass wir eine Übergangseinrichtung sind und keine Therapieeinrichtung, haben wir hier keine Therapeuten im Haus. Viele können das oft nicht nachvollziehen, doch wir haben hier sehr viele Klienten, die gar keine Krankenversicherung besitzen. Das heißt, es geht zunächst mal darum, die Menschen in eine Krankenversicherung zu bekommen, damit sie wieder normal zum Arzt gehen können.“

          14 Tage gibt es eine Kontaktsperre

          Die 23 Patienten, die in „Cleantime“ eine vorübergehende Heimat finden, müssen laut Hoffmann mindestens 21 Jahre alt, clean und in Rheinland-Pfalz wohnhaft sein. Es gibt sowohl Einzel-, Doppel- als auch Dreibettzimmer. „Wir nehmen auch Paare hier auf“, erklärt Hoffmann. „Diese müssen jedoch auch schon als Paare hier ankommen. Eine Beziehung hier im Haus einzugehen, wird nicht geduldet. Das hat damit zu tun, dass wir das weibliche Klientel, was in dieser wie in vielen anderen Suchtkranken-Einrichtungen eher in der Minderheit ist, schützen wollen.“ Während des dreimonatigen Aufenthalts in der Einrichtung unterliegen die Patienten in den ersten 14 Tagen einer Kontaktsperre, um sich auf sich selbst besinnen und sich auf die Struktur einlassen zu können. Anschließend können die Bewohner, die noch Kontakt zu Familie und Freunden haben, jeden Sonntag Besuch bekommen. Neben brenzligen Momenten macht Hoffmann auch positive Erfahrungen. „Man muss ja auch sagen, 80 Prozent der Patienten kommen unter justitieller Auflage hierher. Das heißt, irgendein Gericht hat gesagt: Sie müssen jetzt etwas tun. Die kommen meist hier an und haben überhaupt keine Lust, auf gar nichts.“ Mit Wärme in seiner Stimme fährt er fort: „Und bei dem einen oder anderen merkt man dann relativ schnell: ,Oh, da bewegt sich etwas, im Menschen selber.’ Wo dann quasi diese externe Motivation in eine interne umschwingt. Wo man dann irgendwann merkt, der Mensch fängt von sich aus an zu arbeiten. Und das sind für mich solche Momente, wo ich dann denke: ,Okay, da kann etwas draus werden.’“

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