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Stadtarchiv : Auch Australier zieht es in das Ratsarchiv von Görlitz

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Siegfried Hoche leitet das Ratsarchiv von Görlitz, für das sich immer mehr Besucher interessieren. Er empfängt Professoren aus Oxford und Touristen aus Amerika

          3 Min.

          Beschwingt schreitet er durch den langen Flur, der von Bücherregalen umrahmt wird. Seit 1998 ist Siegfried Hoche der Leiter des Ratsarchivs der sächsischen Stadt Görlitz. Obwohl die Betrachtung von Werken aus dem 13. Jahrhundert für ihn fast Routine geworden ist, bleibt sein Blick ehrfurchtsvoll an einem handgeschriebenen Brief von Johann Sebastian Bach hängen. Nicht nur der Brief des Komponisten, sondern auch bedeutende Chroniken von Scultetus und Hass, Görlitzer Bürgermeistern im 16. Jahrhundert, gehören zu seinen Favoriten. Das Ratsarchiv ist aufgrund der lückenlosen Überlieferung von Dokumenten und dank der Schonung während zahlreicher Kriege eines der bedeutendsten Deutschlands. Im Gegensatz zu einem Großstadtarchiv sind die Mitarbeiter weniger spezialisiert. Genau das schätzt Hoche an seinem Archiv: die Flexibilität und der Einblick in die unterschiedlichsten Themen. Er betreut Besucher und berät bei juristischen Fragen, zum Beispiel im Denkmalschutz oder Erbrecht. Der Ratsarchivar erinnert sich an ein Verfahren in Hamburg, das ein Görlitzer Bäcker wegen der Namensrechte für das Agnetenbrot führte, das nach Agnes Fingerin, einer berühmten Görlitzerin aus dem 15. Jahrhundert, benannt werden sollte.

          Nur drei bis fünf Prozent werden aufgenommen

          Täglich trifft Hoche wichtige Entscheidungen. Denn auch Akten, die in den vergangenen Jahren entstanden sind, müssen archiviert werden. Der 50-Jährige muss abschätzen, wie archivwürdig und historisch bedeutsam diese sind, denn nur drei bis fünf Prozent werden ins Archiv aufgenommen. Eine weitere Aufgabe ist die Unterstützung von Ausstellungen, wie die im Kaisertrutz, einem Görlitzer Museum, oder die Ausstellung im Augustum-Annen-Gymnasium anlässlich des 450-Jahre-Jubiläums. Schwere Chroniken, in denen das Gymnasium erwähnt wird, stapeln sich auf einem Tisch. Informationen zur Entstehung des Klosters und zur Übergabe durch den Franziskaner Urban Weißbach an die Stadt sowie die Erlaubnis Kaiser Ferdinands, im aufgelassenen Kloster ein Gymnasium zu gründen, finden sich in diesen Büchern wieder. Hoche schlägt eine Seite auf und hält einen Moment inne. Die kunstvoll geschriebene Seite wirkt wie ein Gemälde. Nach dem Studium unter anderem der Geschichte und Rechtswissenschaften in Leipzig wurde der gebürtige Oschatzer mit seiner Frau 1994 in Görlitz freundlich aufgenommen, denn er sei „wenigstens kein Wessi“, erinnert er sich schmunzelnd. Seine Frau, die als Ärztin im Klinikum Görlitz begann, ist heute Oberärztin in der Neurochirurgie. Görlitz ist zu seiner Heimat geworden.

          Früher waren es viele Rentner, heute sind es Studenten

          Jährlich besuchen mehr als 1000 Menschen das Archiv, die Tendenz ist steigend. Neben Schulgruppen aus der Region und Professoren von deutschen Unis kommen Professoren aus Oxford und vor allem viele Australier und Amerikaner. „Familienforschung ist angesagt“, erklärt der Archivar. Durch das Internet ist es jedem möglich, seine Identität zu ergründen. Waren es früher eher Rentner, sind es heute sogar Studenten, die über ihre Herkunft Bescheid wissen wollen. Das dabei Verbindung bis in frühe 16. Jahrhundert nachvollziehbar sind, ist keine Seltenheit. Ein Vorzeigebeispiel ist dabei Georg Emmerich, der Erbauer des heiligen Grabes in Görlitz, einer Kopie des heiligen Grabes aus Jerusalem, das die genauste Nachbildung in Deutschland ist. Seine Nachkommen leben bis heute.

          Mehr als 1200 Meter Akten

          Das Archiv ist dienstags und donnerstags für Besucher geöffnet und bald auch gegen eine Gebühr digital einsehbar. Für Hoche ist die E-Mail-Korrespondenz fast schon zur Hauptaufgabe geworden. Er könne sich kaum eine Frage denken, die ihm noch nicht gestellt worden sei, weshalb er wahrscheinlich eines Tages zu einer lebenden Enzyklopädie werde, scherzt er. Er wird zu historischen Ereignissen, Vereinsgeschichten, einzelnen Personen bis hin zu Naturschutzthemen befragt.Die Technik erleichtert es, die Übersicht über die mehr als 1200 laufenden Meter Akten zu behalten. Ordnung hat in einem Archiv oberste Priorität. Heute läuft alles über Computer statt über Karteikarten. Werde doch mal ein einziges Dokument falsch eingeordnet, müsse eine Bestandsrevision durchgeführt werden, seufzt Hoche. Und obwohl im Computer alles geordnet wird, sind die Akten in der Wirklichkeit meistens einfach in Kisten verpackt. Dass besondere Dokumente besonders aufbewahrt werden, ist selbstverständlich. Die Faustregel der Bestandserhaltung lautet: „Je älter, desto besser.“ Der Archivar spielt damit auf das Material der Werke an. Früher wurde Kuhhaut und Pergament verwendet. Diese Stoffe sind leichter zu erhalten als bedrucktes Papier, auf dem durch die Säuren die Schrift schnell verbleicht.

          Erinnerung an den 11. September

          Dass Archive in der Gegenwart angekommen sind, wird Siegfried Hoche durch ein besonderes Erlebnis bewusst. Nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 war die ganze Welt in Alarmbereitschaft. Hoche hat dieser Tag persönlich mitgenommen, da er Verwandte in New York hatte. Für Görlitz als Stadt hatte diese Nachricht einiges ins Wanken gebracht. Das Altstadtfest wurde kurzfristig abgesagt, und es wurde nach einem Ersatzprogramm für die angereisten Touristen gesucht. Auch der Archivar wurde angesprochen. Er suchte Kriegstagebücher vom Dreißigjährigen Krieg und Zweiten Weltkrieg zusammen. Während er vor vielen Menschen daraus vorlas, ertönte das Stück „Quatour pour la fin du temps“ von Olivier Messiaen. Der französische Komponist war während des Zweiten Weltkrieges im Kriegsgefangenenlager Stalag VIII A interniert, unweit der Görlitzer Partnerstadt Zgorzelec. Die Menge war zu Tränen gerührt.

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