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Sportinternat : „Du musst immer 110 Prozent bringen“

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Zwischen Traum und Wirklichkeit, Heimweh und hohem Leistungsdruck: Fußballer Jascha Seiche über seine bewegte Zeit auf einem Sportinternat.

          3 Min.

          Montag, 20.30 Uhr. Der 15-jährige 1,80 Meter große fußballbegeisterte Jascha Seiche kommt gerade vom Training. Völlig erschöpft fällt er in sein Bett. Bis 16 Uhr hatte er Schule, danach Fußballtraining. Mittlerweile ist das eine Ausnahme, doch lange Zeit war das sein Alltag. Denn er war zwei Jahre Schüler der Sportschule Frankfurt an der Oder. Er war jahrelang der Beste in seinem Alter. Spielte immer über seiner Altersklasse und beim DFB-Stützpunkt in Löwenberg. Am Ende der 6. Klasse wurde Jascha unter vielen Jungs ausgewählt und an der Sportschule Frankfurt aufgenommen. Das bedeutete für ihn Freude und Tränen zugleich. Er ging jetzt nicht nur auf die ersehnte Sportschule, sondern besuchte gleichzeitig ein Internat, war also von seiner Familie getrennt. „Zu Beginn war es nicht einfach, meine Familie nicht mehr zu sehen. Ich habe sie sehr vermisst. Insgesamt war es eine komplett neue und ungewohnte Situation für mich. Verstärkt wurde mein Heimweh dadurch, dass es zunächst schwierig war, Freundschaften mit den anderen Jungs aufzubauen, da ein sehr großer Konkurrenzkampf herrschte. Teilweise wurde es sogar so schlimm, dass ich viele Nächte nicht durchschlafen konnte und oft mit den Tränen zu kämpfen hatte.“ Das Heimweh sei nach den Ferien immer besonders schlimm gewesen. Erst mit dem Anfang der achten Klasse verbesserte sich die Situation. Vielen anderen Internatsschülern geht es ähnlich.

          Eine ernüchternde Erkenntnis

          Neben der Umstellung, Familie und Freunde nicht mehr jeden Tag zu sehen, gibt es eine starke Veränderung. „Wo Fußball davor eine Leidenschaft und ein Hobby war, wird es hier zum Hochleistungssport. Jeden Tag zweimal, manchmal auch dreimal Training ist Standard, Training einfach ausfallen zu lassen ist keine Option. Wer keine Leistung bringt, darf am Wochenende nicht spielen. Du musst immer 110 Prozent geben“, sagt Jascha, der es wie alle seine Mitschüler gewöhnt war, der Beste zu sein. „Du stichst aus der Masse hervor. Man nimmt es irgendwie als selbstverständlich hin. Doch dann ändert sich alles. An der Sporthochschule bist du auf einmal nicht mehr besonders, stichst nicht aus der Masse heraus, bist in deiner unmittelbaren Umgebung nicht der Beste. Im Gegenteil, du bist einer unter vielen. Diese Erkenntnis ist zunächst sehr ernüchternd, wirkt aber auch motivierend. Welches natürlich ebenfalls wieder zu einem gewissen Druck führt.“ Der Leistungsdruck sei besonders schlimm gewesen, als er sich verletzte. Nach einem Jahr brach Jascha sich beim Trampolinspringen die Schulter und musste vom Training aussetzen. Diesen Trainingsrückstand aufzuholen wäre unmöglich gewesen. „Nach meiner Verletzung konnte ich lange nicht am Training teilnehmen, und als ich wieder eingestiegen bin, lag ich weit hinter den anderen. Damit lastete auf mir ein extremer Druck, das Verlorene aufzuholen. Doch ich habe das nie richtig geschafft.“

          Richtig abschalten konnte er nicht mehr

          Für viele Sportschüler bedeutet eine Verletzung das Ende ihrer „Karriere“, das Ende an der Sportschule, ihres Traumes. Durch diesen Leitungsdruck hat Jascha irgendwann die Motivation verloren. „Die zwei Jahre waren sehr hart. Ich konnte niemals richtig abschalten. Selbst wenn ich am Wochenende zu Hause war, drehte sich alles um Fußball, da meine Spiele immer am Wochenende stattfanden. Diese waren teilweise 200 Kilometer entfernt. Ohne die Unterstützung meiner Eltern hätte ich das alles nie geschafft.“ Das Leben an der Sportschule und im Internat sei für viele nicht leicht. Man müsse sich um alles selbst kümmern und gut organisiert sein. Schließlich habe man seine Eltern nicht „griffbereit“ an seiner Seite, die sich um einen kümmern, einen auch mal ermahnen und erinnern. Das erfordere viel Disziplin und Struktur. Man erlange eine große Selbständigkeit, die wichtig sei. Denn neben dem Sport zählen auch die schulischen Leistungen. „Ich habe Schule und Training immer gut unter einen Hut bekommen. Meine Noten waren immer sehr gut. Allerdings kenne ich auch einige Jungs, die damit sehr große Probleme hatten. Einige haben es nicht geschafft, neben dem ständigen Training und den Spielen auch noch für die Schule zu lernen, und hatten dann sehr mit ihren schlechten Noten zu kämpfen. Ein Durchschnitt von 4,3 oder schlechter war keine Seltenheit.“

          Er hat seine Leichtigkeit wiedergefunden

          Letztendlich wurde Jascha der Leistungsdruck zu viel. Er erzählt, dass er wieder Spaß am Training und mehr Freizeit haben wollte. Nach zwei Jahren an der Sportschule wechselte Jascha an das Neue Gymnasium Glienicke. Mittlerweile spielt er in Oranienburg Fußball und hat wieder Spaß daran. „Ich halte es für eine gute Entscheidung, dass ich aufgehört habe. Mein Leben ist um einiges entspannter geworden, und ich bin wieder bei meiner Familie. Trotzdem bereue ich die Zeit nicht. Ich bin froh, es getan zu haben, da ich mich sonst für den Rest meines Lebens gefragt hätte: „Was wäre, wenn?“ Außerdem habe ich durch diese Erfahrung viel für mein weiteres Leben mitgenommen und bin daran gewachsen“, sagt er zufrieden. Jascha ist wieder im „Hotel Mama“ angekommen, von seiner Familie und seinen Freunden umgeben, hat seine Freude am Fußball und die Leichtigkeit wiedergefunden, ist nicht mehr einer unter vielen, sondern der Jascha mit der Nummer 8 – der aus der Masse heraussticht. Nach dem Training kann er sich erholen, gelassen in sein Bett fallen und eine Serie gucken. Nun hat er ein paar Tage Ruhe, bevor es am Wochenende in der Brandenburg-Liga wieder losgeht.

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