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Spanischer Bürgerkrieg : Mit 16 Jahren im Feuer des Bürgerkriegs

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Verfolgte Flüchtlinge im Kellerversteck, Explosionen und ein Gefühl von Verrat: Eine Geschichte im spanischen Gernika 1936

          3 Min.

          Ich fühlte den Tod an meiner Hand“, erzählt Jon (Name geändert) mit Tränen in den Augen. Die Sommerferien 1936 in Ea, Bizkaia, seiner Heimat, verlängerten sich wegen des Bürgerkrieges. Am Nachmittag des 26. April 1936 fuhr der Spanier mit seinem klapprigen Fahrrad nach Durango, um einen Auftrag seines Vaters, der als Schuster in Ea arbeitete, auszuführen. Ein Freund begleitete ihn. Einige Tage zuvor war ein Adeliger aus Bilbao, Kunde von Jons Vater, bei ihnen zu Hause erschienen und hatte um Unterkunft gebeten. In Bilbao, wo man mehrmals vor Bombenangriffen gewarnt hatte, wurde er von den sogenannten „Roten“ verfolgt. Jons Vater entschied sich, seinen Kunden trotz des Risikos im Keller zu verstecken. So liefen Wochen ab, alle in der Familie hatten sich zum Schutz des Mannes zusammengetan. Bis eines Tages Soldaten, ohne sich vorher angekündigt zu haben, kamen und in jeder Ecke der Wohnung nach Flüchtlingen oder Verrätern suchten. Überall außer im Keller. Die Familie wusste, wie gefährlich es war, Flüchtlinge zu verstecken. So entschied sie, ihn in Durango bei einem Freund zu verstecken. Die Stadt hatte vor einigen Tagen einen Bombenangriff erlebt, bei dem Hunderte gestorben waren. Seit dem Bombenangriff hatte man keine Nachricht vom Freund mitbekommen. Deshalb bat Jons Vater ihn, von Ea nach Durango zu fahren, um nach dem Freund zu suchen und nachzufragen, ob er den Flüchtling aufnehmen könnte, was er letztendlich auch tat.

          Unter Lachen sahen sie die ersten Junkers

          Zuvor aber begannen Jon und der Freund an einem sonnigen Montag ihre abenteuerliche Fahrt. Um drei Uhr hielten sie in Gernika an, wo jeden Montag großer Markttag war, um einen schnellen Blick auf das Obst, das Gemüse und den Fisch zu werfen und Bekannte ihrer Eltern zu begrüßen. Sie mussten aber ihren Auftrag erledigen, bevor es zu spät wurde und ihre Eltern unruhig wurden. Unter Witzen und Lachen, ohne es zu erwarten, sahen sie die ersten Junkers am Himmel auftauchen. Später wurde bekannt, dass diese zur Legion Condor gehörten. Innerhalb von wenigen Sekunden befanden sich die beiden 16-Jährigen von Feuer umgeben, ohne zu wissen, wohin sie sollten. Jon rannte sein Fahrrad holen, während sein Freund von einem alten, unbekannten Mann im Qualm zum Zufluchtsort von Santa María gezogen wurde: Das war der größte Unterstand, er bestand aus Stützelementen aus Holz und einem Dach aus Sandsäcken. Heute befindet sich dort das Tourismusbüro im Stadtzentrum. Jon sah, wo sie hineingingen, und lief ihnen nach. Das Fahrrad musste er draußen lassen. „Das verursachte bei mir ein Gefühl von Verrat an meinem Vater“, erinnert er sich mit zitternder Stimme. Wenige Minuten blieb er in dem engen Raum voll verängstigter Leute. Er fühlte sich verpflichtet, den Auftrag seines Vaters zu erfüllen. Er forderte seinen Freund mehrmals auf, mitzugehen, doch er weigerte sich. So verließ Jon den Raum und setzte allein den Weg nach Durango fort. Nach wenigen Metern hörte er den Krach, der ihn das ganze Leben lang verfolgen sollte. Alles, was er Sekunden davor verlassen hatte, explodierte. Mit dem Freund, der ihn freiwillig begleitet hatte. Jetzt wollte Jon nach Hause zurück, ohne genau zu wissen, was mit dem Freund passiert war. Nach Durango zu gehen schien ihn nicht mehr möglich. So lief er heim.

          Er konnte ihm nicht in die Augen sehen

          Es war gegen 23 Uhr, als er die ersten Lichter der Autos sah, ohne genau zu erkennen, ob er sich in Natxitua oder Angelutxu befand. Kurz danach kam eine Gruppe Männer und fragte, was in Gernika geschehen sei, weil sie von Ea aus die Funken gesehen und die Einschläge gehört hatten. Niemand wusste etwas Genaues davon, er auch nicht. Einer dieser Männer war der Vater seines Freundes, dieses Freundes, der ihn an diesem Frühlingstag nach Durango begleiten wollte. Jon floh vor diesem Mann, der ihn kräftig am Arm zog und eine Auskunft über seinen Sohn verlangte. „Ich konnte ihm nicht in die Augen sehen.“ Am nächsten Tag schickte sein Vater ihn nach Gernika, um dort einige Anzüge bei der chemischen Reinigung abzuholen. Der Sohn, ohne zweimal zu überlegen, machte sich auf dem Weg mit einem anderen Fahrrad als dem, das er in Gernika gelassen hatte. Als er nach Santa María kam, kniete er sich hin und betete für seinen Freund und alle Opfer, mit denen er die letzten Sekunden in Gernika erlebt hatte. Dieses Erlebnis begleitete Jon bis zu seinem Tode. Er hat es traurig seinen Nachkommen erzählt.

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