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Sorgen und Nöte auf Papier : Mein Tagebuch lacht mich nicht aus

Vor allem junge Mädchen vertrauen ihre Ängste und Sorgen gerne einem Tagebuch an Bild: Hagmann; Roger

„Scheißwetter, null Bock, 'ne Vier in Latein“: Heute wie vor 50 Jahren teilen Jugendliche die gleichen Sorgen und Nöte. Für viele ist dabei ihr Tagebuch der engste Vertraute. Doch warum bringen sie in Zeiten der Weblogs ihr Leben überhaupt noch zu Papier?

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          „Liebes Tagebuch! Am Vorabend meines 16. Geburtstages will ich zum ersten Male die Feder ansetzen, um von nun an Dir alle meine großen und kleinen Freuden und Leiden anzuvertrauen. Ich weiß, dass das, was ich Dir zu sagen habe, in Dir versenkt ist, wie in einem Meer. Es ist gut, wenn man einen Freund hat, vor dem man nichts verbergen braucht. Das schreibt die noch 15 Jahre alte Jutta am 23. November 1942 in ihr Tagebuch.

          Anne-Christin Sievers
          (ancs.), Finanzen, Wirtschaft

          Wie für sie damals ist für viele andere Jugendliche heute das Tagebuch der engste Vertraute. Doch warum schreiben Jugendliche ihr Leben auf Papier? „Das Tagebuch ist ein Ventil, um Dinge loszuwerden, die einen bedrücken. Besonders, wenn man das Gefühl hat: ,Keiner versteht mich'“, sagt Frauke von Troschke, Gründerin des Deutschen Tagebucharchivs. Und weil man sich als junger Mensch von den Erwachsenen oft missverstanden fühlt, beginnen viele in dieser Phase mit dem Tagebuchschreiben.

          Was bin ich für ein Mensch? Was ist an mir besonders?

          Jungen und Mädchen notieren ihre Gedanken und Gefühle, um sich selbst besser zu verstehen: Warum bin ich eifersüchtig auf meine beste Freundin, obwohl ich das eigentlich gar nicht will? Wieso habe ich Angst, mit Lucas ins Kino zu gehen, obwohl ich ihn doch mag? Was bin ich für ein Mensch? Was kann ich gut? Was ist an mir besonders?

          Tagebuch schreiben die Menschen schon jahrhundertelang - da können die Weblogs noch nicht mithalten
          Tagebuch schreiben die Menschen schon jahrhundertelang - da können die Weblogs noch nicht mithalten : Bild: Museum für Kommunikation

          Jugendliche halten ihre Erlebnisse aber auch einfach fest, um sich besser an alles zu erinnern, meint Frauke von Troschke: „Sie wollen noch wissen, wie sie als Kind und Jugendlicher waren, wenn sie mal erwachsen sind. Was sie damals so jeden Tag gemacht haben.“ Viele listen ihre Lieblingssongs, Schulnoten und Weihnachtsgeschenke auf. Oder sie beschreiben genau, welche Sachen sie mit ihren Freunden unternommen haben.

          Wie eine große Schachtel

          Damit all diese Erinnerungen nicht verlorengehen, sammelt das Deutsche Tagebucharchiv im südbadischen Emmendingen seit 1998 private Tagebücher, Lebenserinnerungen und Briefwechsel. Insgesamt besitzt das Archiv über 6000 Dokumente von mehr als 1700 Menschen. Aber nicht von berühmten Personen wie Schriftstellern oder Politikern, sondern von ganz normalen Menschen wie du und ich. Jeder kann seine Aufzeichnungen an Frau von Troschke und ihre meist ehrenamtlichen Mitarbeiter schicken.

          Ein Tagebuch ist wie eine große Schachtel. In sie kann man alle Dinge schreiben und legen, die man aufbewahren möchte. Junge Tagebuchschreiber verzieren ihre Schätze oft mit Herz- oder Tieraufklebern, gestalten sie liebevoll mit Fotos vom eigenen Zimmer, von Freunden oder aus dem Urlaub, mit Zeichnungen, getrockneten Blumen, Konzertkarten, Poesiebildchen. An ihrer Gestaltung erkennt man, aus welcher Zeit sie stammen.

          Tagebücher sind lebendige Geschichte

          Immer mehr Geschichtswissenschaftler sind sich deshalb einig: Wir können viel besser verstehen, wie Menschen in der Vergangenheit gefühlt haben, was sie gedacht und in ihrem Alltag gemacht haben, wenn wir ihre Tagebücher lesen. Besser jedenfalls, als wenn wir nur langweilige Zahlen und Daten auswendig lernen. „Deshalb besuchen auch viele Schulklassen mit dem Geschichtsunterricht unser Archiv. Sie lesen hier in alten Tagebüchern, z. B. von Jugendlichen, die wie ihre Eltern in den achtziger Jahren jung waren. So können sie nachvollziehen, wie Jugendliche damals gelebt haben“, sagt Gerhard Seitz, Büro- und Projektleiter des Tagebucharchivs.

          Häufig sind die Schüler dabei erstaunt, dass junge Leute vor Jahrzehnten schon ähnliche Probleme hatten wie sie heute: Auch früher haben Jugendliche darüber geschrieben, wen sie in der Klasse toll finden. Oder dem Tagebuch anvertraut, wenn sie sich mit den Eltern gestritten oder schlechte Noten in der Schule bekommen haben:

          „Ich hatt ne Wut, als ich heute morgen aufgestanden bin. Scheißschule. Scheißwetter. Latein 4! Null Bock auf nix. Echt ätzend alles“, fasst die 16 Jahre alte Alexandra ihren Tag, den 20. Oktober 1986, zusammen. Und die gleichaltrige Jutta regt sich über ihre Eltern am 23. Januar 1943 auf: „Wenn meine Eltern glauben, sie könnten mich mit Taschengeldentzug, Kino- und Tanzstundenverbot in eine andere Haut zwingen, so muss ich nur sagen, dass sie sich irren.“

          Sind Weblogs die neuen Tagebücher?

          Diese Einträge könnten - in aktualisierter Form - auch im Jahr 2009 noch gut im Tagebuch eines 16 Jahre alten Mädchens stehen. Aber ist Tagebuchschreiben heute nicht total out? Auf Weblogs im Internet kann man für alle sichtbar sein Leben festhalten. Ist der Blog für Jugendliche heute das neue Tagebuch? Frau von Troschke ist da skeptisch: „Das ist etwas vollkommen anderes. Das Tagebuch ist ein Selbstdialog: Ich schreibe mit mir allein für mich. Ich erwartet keine Antwort. Das einzige Kriterium lautet: ,Ist das, was ich da schreibe, wirklich ich selbst?'“ Deshalb schreiben Jugendliche heute nach wie vor Tagebuch.

          Weblogs haben dagegen einen Empfänger: die Öffentlichkeit. Deshalb sind sie für Frau von Troschke keine Tagebücher: „Wer hier schreibt, möchte eine Reaktion erhalten. Während man den Blog füllt, stellt man sich schon vor, was wohl andere Menschen darüber denken. Und das verändert, was und wie viel man von sich preisgeben kann.“

          Vielleicht erzählt man auf Blogs viele Dinge von sich nicht, weil andere einen für diese Gedanken auslachen könnten. Das Tagebuch lacht niemanden aus. „Es ist mein wahres Wesen auf Papier“, schreibt Alexandra und überlegt: „Solange man sich mit jemandem unterhalten kann, der einen versteht, braucht man kein Tagebuch.“ Irgendwie wäre es aber schade, wenn wir keine Tagebücher brauchten. Denn dann könnten wir heute nicht mehr erfahren, wer Jutta und Alexandra wirklich waren.

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