https://www.faz.net/-gum-6m6lq

Sommereis im Test : Wo Milch und Wasser fließen

  • -Aktualisiert am

Farbenfrohe Pracht: Beim Wassereis gilt „hauptsache bunt” Bild: Andreas Pein

Das Eis am Stiel gehört zum Sommer, auch wenn die Sonne sich so selten blicken lässt wie in diesem Jahr. Zeit also für einen Test populärer Sorten, die uns nicht nur Genuss schenken, sondern auch die Erinnerung an unschuldigere Zeiten.

          5 Min.

          Gerade in einem verregneten Sommer denkt man sich besonders intensiv an jene herrlichen Tage zurück, die man als Kind im Schwimmbad zugebracht hat. Auch wenn die in der Vergangenheit sich sonnenden Gedanken die Wolken naturgemäß nicht vom Himmel zu fegen vermögen, so kann doch etwas, das fest zur Ikonographie des Freibads gehört, die triste Gegenwart erhellen: das Eis am Stiel.

          Für diese Herrlichkeit nimmt man auch den einen oder anderen Nachteil in Kauf: zum einen, dass man auf industriell hergestelltes Eis angewiesen ist - zum anderen die mit jedem Zungenschlag anwachsende Gefahr der Bekleckerung von Hemd und Hose.

          Speiseeis gehört zu den wichtigsten Bühnen des Zuckers. Weil er als reiner Geschmack mit einer Grundfarbe zu vergleichen ist, bedarf es der Abtönung, um ihn attraktiv werden zu lassen. Vanille und Kakao erfüllen diesen Zweck, weil sie dem Zucker - einmal mild, einmal herb - Eindeutigkeit und Schärfe nehmen. Früchte, die als Aromalieferanten mindestens genauso beliebt sind, bilden dagegen eine Opposition zur puren Süße. Sie wird maßgeblich von Säure bestimmt, beraubt den Zucker der Wucht und unterstreicht den Erfrischungsaspekt.

          Experten testen die Klassiker aus der Kühltruhe

          Wo Vanille und Kakao zu ihrer Entfaltung auf Fett angewiesen sind und deshalb zumeist als Milch- oder Sahneeis angeboten werden, benötigt Fruchteis dergleichen nicht. Wasser und Zucker genügen, um Erdbeere oder Orange zur Geltung zu bringen. Milch und Wasser, diese beiden Grundrichtungen, werden beim Eis am Stiel besonders deutlich getrennt gehalten - eine rigide Unterteilung, die sich bis in die Tiefkühltruhe der Tankstelle, des Supermarkts, des Kinos, der Videothek und nicht zuletzt des Schwimmbad-Kiosks fortsetzt.

          Um die verschiedenen Sorten aus ihrem allgegenwärtigen Marken-Image heraustreten zu lassen und sie als Genussmittel des täglichen Lebens zu untersuchen, traf sich eine Testrunde im Restaurant "VAU" beim Berliner Gendarmenmarkt. Das von Fernsehkoch Kolja Kleeberg geführte Restaurant verfügt über eine für Berliner Verhältnisse ungewöhnlich gute Patisserie, und deren Protagonisten Katharina Czech und Stefan Winter genügten vorurteilslos ihrer Aufgabe.

          (1) "Nogger"

          Als Kind des Wirtschaftswunders vereint dieses Langnese-Produkt gleich mehrere Erfolgsmerkmale: schneeweißes Vanilleeis sowie eine Haut aus dunkler Schokoladenglasur, die mit Haselnusssplittern aufgerauht ist. Zudem zeugt sein heute ein wenig nach Befehlston klingender Slogan "Nogger Dir einen!" von einer gewissen Historizität. Dazu passt, dass der typische Milcheis-Kern nach Kondensmilch à la Milchmädchen schmeckt.

          Ohnehin verdankt sich der bleibende Eindruck einer Hülle, die sowohl Kakao als auch Nusskrokant in zweifellos öliger Textur erstaunlich ersprießlich zum Ausdruck bringt. "Cortina", das vergleichbare Erzeugnis von Nestlé-Schöller, fällt wegen einer den Kakao nicht deutlich genug definierenden Schokoschicht ab und hinterlässt zudem einen überraschend neutralen Wasserfilm auf der Zunge.

          (2) "Humana Ice Fantasy Big Choc"

          Kinder mögen Markenprodukte aus einem einfachen Grund: Sie wissen nämlich, dass sie gerne einmal billig abgespeist werden, und setzen sich dagegen mit der ostentativen Vorliebe für Marktführer zur Wehr. Deshalb hat es Hersteller Humana schwer, obwohl gerade die Mandel-Version des "Big Choc" gleich nach dem Öffnen mit kräftigem Mandel-Duft beinahe wie vom Jahrmarkt aufwartet. Eine rundum zufriedenstellende, auch mit dem nötigen Knack versehene Vollmilchhaut trifft jedoch auf ein ziemlich buttriges Vanilleeis, das nicht minder süß ist als das des altmodischen "Eismann Big Choc Kopenhagen". Warum das verwandte "Sanobub Big Choc Vanille" teurer ist, wird rasch deutlich: Es bietet große Mandelsplitter in einer geschmackstiefen Schokoschicht, die ein sehr natürliches Vanilleeis umschließt.

          (3) "Langnese Magnum"

          "Magnum" ist das, was man eine Benchmark nennt. Das Eis aus dem britisch-niederländischen Konsumgüterkonzern Unilever setzt Maßstäbe. Seit der Häagen-Dasz-Revolution, die in den späten achtziger Jahren sahnig-fette, wuchtige Eiscrème nach Europa brachte, vertritt "Magnum" diese Marschroute am Stiel. Neben der "Classic"-Variante sowie "Ghana", die den Schoko-Vanille-Gegensatz auf den Punkt bringen, sticht "Gold?!" hervor.

          Ein wie Metallic-Autolack aussehender Überzug in Ocker schützt sowohl eine knackige Vollmilch- als auch eine leicht angebitterte Karamellschicht, die ein voluminöses Madagascar-Vanilleparfait umschließt. Vergleicht man die mit Nuss noch aufgewertete "Magnum Almond" mit "Mövenpick Macao Mandel" im Patisserie-Dekor, so goutiert man erst richtig die zart-herben Röstnoten von Almond.

          (4) "A & P Bourbon- Vanille-Eis umhüllt mit zarter Schokolade"

          Diese Kreation für den Discounter wird im Dreierpack ausgeliefert, so dass der für das Eis am Stiel so wichtige spontane Einzelkauf nicht möglich ist. Von der Konsistenz her wesentlich cremiger als etwa "Nogger", gibt sich dieses Billigeis zugleich auch wesentlich süßer. Das gelbliche Vanilleeis mit lediglich angedeuteten Punkten von der gemahlenen Schote erinnert in seiner wenig markanten Art an "Langnese Eiskonfekt", das nach wie vor im Bauchladen durch die Kinosäle getragen wird. Dafür schmeckt die relativ dünn angebrachte Schokoladenglasur wesentlich dunkler, als sie aussieht. Die Mandel-Version wartet mit leicht unfrisch wirkenden Nussnoten auf. Aldis "Mucci Sensation Schoko" war von A & P nicht zu unterscheiden.

          (5) "Landliebe Karamell mit feiner Vanille"

          Stefan Winter war einen Moment lang verblüfft: Derart flach und zugleich muffig mochte er sich ein durchaus renommiertes Markenprodukt zunächst nicht vorstellen. Dem Patissier kam es sogar so vor, als hätte er es nicht mit der titelgebenden Zutat, sondern mit künstlichem Karamellaroma zu tun. Außerdem behinderten Zuckerkristalle die Lokalisierung der deklarierten Mandel, die - geschmacklich kaum wahrnehmbar - wohl als Mark eingearbeitet sein muss.

          (6) "Hansens Flødeis Eskimo"

          Für die Jury der Sieger im Test. Dieses Produkt ist zwar noch nicht überall erhältlich, weil es gerade erst auf den deutschen Markt gekommen ist, beginnend mit Berlin, wo es in Delikatess- und Bioläden und Cafés angeboten wird. "Eskimo" zeigt aber, was beim Eis am Stiel möglich ist: ein handwerklich einwandfreies, extrem sahnefrisches Parfait mit einem unvergleichlich schmelzigen Vanillekern. Außerdem verzichtet sein dänischer Hersteller auf Additive und Aromen aus dem Chemielabor, deren Verwendung bei fast allen Marken sonst gang und gäbe ist.

          Nun zum Wassereis:

          (7) "Hansens Appelsin"

          Das für die Jury beste Fruchteis überzeugte nicht in dem Maße wie Hansens "Eskimo" beim Milcheis. Das liegt vor allem am Geschmack von Blutorange, die dem Eis eine ungewöhnliche Fehlfarbe verleiht. Die Frucht wirkt nicht ganz so charakteristisch, wie sie sein könnte, und brachte die Patissiers auf den Gedanken, ob nicht etwa Apfelmark in die Komposition Eingang gefunden hat. Als sehr gelungen empfanden die beiden Experten dagegen den Einbau von Rohrzucker mit typischen Melassenoten, dessen hohe Dichte die Säure bricht und "Appelsin" in Richtung klassisches Sorbet mit entsprechendem Schmelz verschiebt.

          (8) "Langnese Split Cuja Mara"

          Als einziges Produkt im Test verband das Eis mit der bemerkenswert plumpen Namensidee Parfait und Granité. An sich ist das gut ja ausgedacht - hauptsächlich, weil es an Früchtekompott mit Sahne erinnert. Allerdings scheint man den Gedanken in der Eisfabrik nicht mit dem erforderlichen Aufwand reproduzieren zu wollen. Deshalb bleibt es beim grußlosen Nebeneinander eines klebrig süßen Vanille-Eiskerns, der sich zwischen wässrig und sämig nicht entscheiden mag, und einer dicken Schicht Orange-Passionsfrucht, die ebenfalls in puncto Zucker nicht zagt.

          (9) "Langnese Flutschfinger"

          Nicht zuletzt die WM-Variation "Heimspiel" in Schwarz-Rot-Gelb stempelt "Flutschfinger" endgültig zum Lutscher für den Nachwuchs der Spaßgesellschaft. Alle anderen Sprösslinge der Nation werden mit einem Klassiker, dessen Aromenspiel sich keiner frischen Frucht (und schon gar nicht der avisierten Erdbeere und Orange) eindeutig zuordnen lässt, vermutlich wenig anfangen können - zumal der penetrante Sirupton von Säure nicht konturiert wird.

          (10) "Nestlé-Schöller Bum Bum"

          Es fällt gewiss leicht, ein Eis zu tadeln, das vieles zugleich sein will von dem, was Kindern hemmungslose Freude bereitet: Erdbeer- und Vanilleeis und obendrein noch Kaugummi, aus dem auch der Stiel geformt wurde. "Bum Bum" beweist Mut zur Farbe, entfaltet billige Süße und wirkt übertrieben flavorisiert.

          (11) "Langnese Capri"

          Womöglich können sich Ältere noch eines Sirups entsinnen, der unter dem Namen "Assis" in weichen Plastikflaschen aus Israel ins junge Adenauercountry gelangte. Dessen eigentümliche Würze aus gründlich eingedicktem Orangensaft, Auszügen aus der Schale, die einen Zug zum Orangeat besitzen, sowie ausgeprägt artikulierter Säure wird in "Capri" aufbewahrt.

          Allerdings irritiert denn doch die beinahe schon brennende Schärfe des Zuckers, die sich beim Schlecken ungebremst Bahn bricht. Obendrein offenbart bereits der Biss in die Spitze eine merkwürdig schieferartige beziehungsweise faserige Struktur - ein Alleinstellungsmerkmal, das gerade von vielen Gewohnheitskonsumenten aber gerade so geliebt wird.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Das russische Raketenabwehrsystem S-400 wird in der Stadt Sebastopol aufgestellt.

          Rüstungstechnologie : Die Türkei träumt den Waffentraum

          Ankara will in der Rüstungstechnologie unabhängig werden – und schafft aus diesem Grund ein russisches Raketenabwehrsystem an. Koppelt sich der bisherige Verbündete von der Nato ab?

          100-Prozent-Quote : Die Dramaturgen der Klimawende

          Fakten, Fakten, Fakten: Mehr Klimawissen gab es nie, mehr Einigkeit auch nicht. Und doch zeigt Madrid: Die Lösung der Klimakrise bleibt für die meisten höhere Mathematik – mit einer Unbekannten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.