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Softwarepiraterie : Generation Filesharing

  • -Aktualisiert am

Die Aktion „Raubkopierer können sich nicht verstecken!” soll Aufklärungsarbeit leisten und abschrecken Bild: ddp

Mangelndes Unrechtsbewusstsein und zu geringe Aufklärung - darin sieht die Softwareindustrie die Hauptursache für die Arbeit von Raubkopierern. Außerhalb der Wirtschaft betrachtet man das Problem jedoch ganz anders: „Die Urheberrechte schützen nicht den Urheber, sondern ein überkommenes Geschäftsmodell.“

          Jedem vierten Benutzer von Raubkopien ist Geld sparen wichtiger als der Schutz von geistigem Eigentum, und kaum jeder zehnte hat ein schlechtes Gewissen, wenn er eine illegale Kopie erstellt. Das geht aus nun veröffentlichten Studien von Microsoft und dem Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) hervor. Wer zu den verbotenen Klonen greift, zögert demnach allenfalls wegen der Gefahr durch Schadprogramme. Vor allem Schüler und Studenten gingen locker mit illegal gebrannten CDs um, so die Studien übereinstimmend - je weniger Einkommen jemand habe, desto höher sei die Bereitschaft, Raubkopien zu kaufen oder herzustellen. Über 50 Prozent der Benutzer von Raubkopien verdienen weniger als 1500 Euro im Monat.

          Allerdings finden sich Raubkopien nicht nur bei jüngeren Nutzern oder Geringverdienern - selbst bei den über 60-Jährigen geben 13 Prozent an, schon einmal Raubkopien auf dem Computer gehabt zu haben, und bei den Besserverdienern mit über 2500 Euro im Monat ist es noch jeder fünfte. „Die meisten Raubkopierer messen dabei allerdings mit zweierlei Maß: 86 Prozent kopieren fremdes geistiges Eigentum ohne schlechtes Gewissen, fast alle von ihnen (85 Prozent) sind aber dagegen, wenn ihr eigenes kopiert wird“, sagt Jutta Herzog, bei Microsoft Deutschland verantwortlich für die Bekämpfung von Raubkopien. Am häufigsten habe Microsoft mit illegalen Kopien von Office zu kämpfen, gefolgt von Windows-Raubkopien. Etwa jedes vierte Computerprogramm verstößt als Raubkopie oder als Kopie ohne gültige Lizenz gegen das Urheberrecht. Für Herzog besteht das Hauptproblem in mangelndem Unrechtsbewusstsein - und zu geringer Aufklärung.

          Kaum jemand braucht die teuren Programme wirklich

          „Von mangelndem Unrechtsbewusstsein kann gar nicht die Rede sein. Die Schüler und Studenten wissen genau, was sie tun“, sagt dagegen Constanze Kurz vom Chaos Computer Club (CCC). „Es gibt mittlerweile eine ganze Generation, die mit Filesharing aufgewachsen ist.“ Für die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Humboldt-Universität ist es eher das Urheberrecht, das in seiner jetzigen Form schlicht keine Zukunft mehr habe. „Die Urheberrechtsgesetze schützen nicht die Urheber, sondern ein überkommenes Geschäftsmodell“, so Kurz. Raubkopierer wollten nicht immer nur einfach Geld sparen, denn „kaum einer braucht wirklich die kostspieligen Programme. Für die meisten Programme gibt es Freeware-Alternativen, zudem haben Studenten die Möglichkeit, die teuren Programme an Softwarepools der Universität zu benutzen.“

          Unterstützer der Website „The Pirate Bay”, einer der größten illegalen Filesharing-Sites, demonstrierten im April 2009 in Stockholm

          Hinter Raubkopien stecke oft einfach nur die Neugier, die Programme auszuprobieren. Oder auch Pragmatismus - etwa, wenn ein Student für ein Programm nur eine Lizenz, aber zwei Computer habe. Constanze Kurz sieht die Schuld denn auch bei den Branchenverbänden, weniger bei den Jugendlichen. „Zusammenschlüsse wie die Bitkom oder die Gema stehen auf demselben Standpunkt wie vor sieben oder zehn Jahren, aber die Entwicklung zieht an ihnen vorbei.“ So sei es das Motiv hinter den Studien der Branche, der Öffentlichkeit zu zeigen, wie viel Geld der Softwareindustrie durch Raubkopien verloren gehe. Dabei gebe es auch Studien, die belegten, dass manche Software überhaupt erst durch Filesharing gekauft werde.

          „Wir brauchen eine internationale Harmonisierung“

          Eine Aussage, die bei der Softwareindustrie auf Unverständnis stößt. „So etwas mag bei Softwarebereichen zutreffen, in denen die Vertriebswege unprofessionell sind. Bei professionell vermarkteter Software zieht das Argument aber nicht, denn es gibt andere Möglichkeiten, um Produkte kennen zu lernen - etwa Demo-Versionen“, sagt Michael Höppner, Pressesprecher der Business Software Alliance (BSA), einer Non-Profit-Organisation zur Unterstützung der Softwareberanche und ihrer Hardwarepartner. Die BSA schätzt den Wert der raubkopierten Software in Deutschland auf etwa 1,55 Milliarden Euro - nur für das Jahr 2008. Weltweit sind es demnach rund 53 Milliarden Dollar. Ob ein Raubkopierer indes den vollen Preis bezahlen würde, wenn er keine illegalen Kopien mehr erstellen könnte, ist umstritten.

          Auch Höppner sieht das Problem der Raubkopien in mangelndem Unrechtsbewusstsein der User, das mit der Zahlungsmoral von GEZ-Gebühren vergleichbar sei. Doch sieht man das derzeitige Urheberrecht durchaus auch in der Softwarebranche zumindest kritisch. „Änderungen sind nötig, aber ob das Urheberrecht komplett über den Haufen geworfen wird, wage ich zu bezweifeln. Geistiges Eigentum muss auch weiterhin als Ergebnis harter Arbeit vergolten werden“, so Höppner. In Deutschland sei der Schutz vergleichsweise gut. „Das Problem sind Länder wie China, die auf den Schutz von Urheberrechten nur geringen Wert legen. Deshalb brauchen wir dringend eine internationale Harmonisierung.“

          CCC plant ein alternatives Urheberrechtsmodell

          Die BSA gibt am 11. Mai ihre jährliche Pirateriestudie heraus und wird darin neue Einschätzungen der Schäden durch Softwarepiraterie liefern. Für Constanze Kurz vom Chaos Computer Club ist das nur ein weiterer Ausdruck dafür, dass die Softwareindustrie an einer veralteten Methode festhalte: „Es gibt einen kulturellen Wandel, und auf lange Sicht werden wir einen Teil der Verwertungsindustrie verlieren - den, der nicht selber kreativ ist.“ Eine Gruppe im Chaos Computer Club entwickelt deshalb derzeit ein alternatives Urheberrechtsmodell. Wie genau dieses Modell aussieht, darüber schweigt sich Kurz noch aus. Nur soviel: Es werde sich nicht am Modell einer „Kulturflatrate“ orientieren, da dieses eine Pauschalabgabe an eine Bewertungsgesellschaft wie Gema vorsehe, obwohl bei weitem nicht jeder Künstler seine Interessen durch die Gema vertreten sehe. In Kürze will der Club sein neues Modell vorstellen - höchste Zeit, wie Kurz findet: „Die Fronten in der Urheberauseinandersetzung sind verhärtet. Wir brauchen dringend Veränderung.“

          Kleines 1x1 zum Urheberrecht

          Kopien: Es ist eine geringe Anzahl von Kopien zulässig. Vor Jahren hat die Rechtsprechung bis zu sieben Kopien erlaubt. Eine feste Grenze gibt es nicht.
          Kopierschutz: Wenn Originale einen Kopierschutz haben, dürfen sie nur analog kopiert werden - etwa von CD auf Kassette. Wer versucht, die Sperre zu umgehen, macht sich strafbar.
          Unrechtmäßige Vorlagen: Wer eine offensichtlich unrechtmäßige Kopie weiter vervielfältigt, macht sich strafbar. Das gilt zum Beispiel für Kopien von geschützten Original-CDs. Gebrannte Spielfilme sollten immer misstrauisch machen - nahezu alle DVDs enthalten nämlich einen Kopierschutz.
          Urlaubs-Schnäppchen: Bei sehr günstigen CDs/DVDs kann es sich um professionelle Raubkopien handeln - der Zoll kann sie ersatzlos beschlagnahmen. Wer sehr viele davon im Gepäck hat, steht schnell im Verdacht, gewerblich zu handeln.
          Illegale Downloads: Offensichtlich rechtswidrige Angebote im Internet dürfen nicht heruntergeladen werden. Stehen Lieder gratis zur Verfügung, sollten Nutzer genau hinschauen - vor allem, wenn die gleichen Stücke anderswo Geld kosten. Es ist aber legal, Musik aus dem Programm von Internet-Radios mitzuschneiden und auf der Festplatte zu speichern.
          Online-Tauschbörsen: Um solche Börsen zu nutzen, muss man in der Regel Teile der eigenen Festplatte für andere Nutzer zugänglich machen. Damit werden schnell urheberrechtlich geschützte Werke öffentlich zugänglich gemacht - und das ist strafbar. Die Inhaber von Urheberrechten können seit einigen Monaten direkt von Internet-Providern verlangen, Adressen mutmaßlicher Raubkopierer herauszugeben. Dazu brauchen sie eine richterliche Anordnung.
          Kopien von Downloads: Wenn die Musik von der Festplatte auf andere Datenträger überspielt wird dürfen die Titel meist auf CD gebrannt oder auf einen MP3-Player übertragen werden. Die Nutzungsbedingungen untersagen jedoch oft das Überspielen auf mehrere Geräte oder begrenzen die Anzahl der Kopien.
          PC-Software: Das Kopieren kommerzieller Software für den Privatgebrauch ist meist untersagt und es gibt auch für wenige Kopien keine Ausnahme. Kopien sind allenfalls erlaubt, wenn sie für die bestimmungsgemäße Nutzung der Software benötigt werden oder Sicherungskopien erforderlich sind.

          Weitere Infos: bitkom.de

          Quelle: Bitkom

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