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Sofias Klek-Shops : Sofias Touristen wundern sich über Kellergeschäfte

  • -Aktualisiert am

Bild: Jörg Mühle

In der Wirtschaftskrise sind in der bulgarischen Hauptstadt kleine Klek-Shops in Kellerräumen entstanden. Verkäufer sehen nur die Schuhe der Passanten und lesen manchmal mehr daraus als aus Gesichtern.

          3 Min.

          Rasch fahren die Autos auf dem lauten Boulevard Skoblev in Sofia vorbei. Hohe Gebäude umrahmen die Kreuzung im Herzen der Hauptstadt Bulgariens. Der bekannte Duft von teigigem Frühstück an der nächsten Ecke ist zu spüren. Und da ist er. Ein bunter Teppich an der Fassade. Ein ganzes Schaufenster, verziert mit Hunderten farbigen Stückchen – lila, rot, gelb, blau. Zahlreiche auf dem Glas dicht aneinandergeklebte Vierecke sind das Erste, was ein Passant von dem Klek-Shop sieht. Unten liegt die kleine Öffnung. Der Passant muss sich hinhocken, um durch die Öffnung zu sehen. Und erst als er nah genug an dem Schaufenster ist, begreift er, was die bunten Vierecke eigentlich sind – Verpackungen von Schokoladen, Salzstangen, Zigaretten, Süßigkeiten, Chips, Croissants, Etiketten von Bier und Alkohol. Das sind alles Güter, die der Klek-Shop anbietet.

          Hinhocken heißt auf Bulgarisch „klek“

          Klek-Shop heißen die Läden, denn sie befinden sich in den Kellern der Gebäude. Nur durch ein kleines Fenster auf Erdniveau können sich die Kunden etwas kaufen, indem sie sich hinhocken: auf Bulgarisch ,,klek“. Aber immer seltener sind die Klek-Shops zu sehen. Supermärkte beginnen sie zu ersetzen. Stefan Petrov arbeitet seit zehn Jahren in einem Klek-Shop. Wie der 41-Jährige erklärt, kamen die Shops auf nach dem Fall der kommunistischen Regime in Osteuropa. Nachdem der Staat alle Betriebe privatisiert hatte, vollzog sich ein wirtschaftlicher Niedergang. Viele Leute haben keine Arbeit mehr und müssen irgendwie über die Runden kommen. Weil sie nicht genug Geld haben, um einen Raum für ein Geschäft zu mieten, benutzen sie ihre Keller. „Hier bezahle ich einfach keine Miete, das ist es“, sagt Verkäufer Ivan Dimitrov. Durch die kleinen Fenster der Keller verkauft der 35-Jährige lange haltbare Ware wie Schokoladen, Zigaretten und Alkohol. Heute ist die Anzahl diese Läden in Sofia unter 20 gesunken. Petrov zeigt auf einen Keller auf der anderen Seite des Boulevards. Da gibt es zwei Schaufenster, die seit langer Zeit nicht benutzt worden sind. Von den ehemaligen Klek-Shops sind nur verblasste Verpackungen geblieben.

          Ivankas Augen leuchten auf

          Ivanka Stoyanova arbeitet seit drei Jahren in dem Klek-Shop in der Nähe der Vitoshkastraße. Die 65-Jährige ist gelernte Betriebswirtin. Nach der Rente fand sie in dem Klek-Shop „eine kleine Beschäftigung“ und ein zusätzliches Einkommen. Freundlich lacht sie über die Frage nach dem Unterschied zu einem Supermarkt. „Das Geschäft ist 24 Stunden am Tag geöffnet, jeder kann zu jeder Zeit kommen. Außerdem steht hier kein Kunde in der Schlange.“ Ein großer Mann mittleren Alters in Arbeiterkleidern beugt sich währenddessen und gibt Ivanka einige Stotinki, bulgarische Cents. Dafür bekommt er eine Flasche Bier. Die Verkäuferin lächelt und fragt ihn nach den Kindern, sie kennen sich. Danach kommt eine Frau mit teuren, hohen Schuhen und kauft Zigaretten, die sie schnell in die glänzende Tasche steckt. Eilig überquert sie die Straße. Tausende Menschen bewegen sich in aller Eile über diesen Boulevard – Kinder und Mütter, Geschäftsleute, Rentner, Künstler, Jugendliche. „Wie sieht die Welt von unten aus?“ Ivankas Augen leuchten auf. Mit einem nostalgischen Blick sagt sie: „Am Anfang war es sehr seltsam für mich. Anders ist es, wenn man nur die Schuhe der Menschen sieht, aber kein Gesicht. Im Laufe der Zeit habe ich mich daran gewöhnt. Sehen Sie, die Schuhe können manchmal mehr als das Gesicht sagen.“

          Sie wollten das nur als Beweis für die Armut

          Sofia ist eine Stadt mit vielen Mischkulturen. Die Welt ist bunt wie die Schaufenster mit den Schokoladenverpackungen. „Die Touristen wundern sich immer über diese Geschäfte. Sie sind nicht daran gewöhnt, hier nicht in den Shop hineinzukommen, sondern sich etwas aus dem Schaufenster auszuwählen. Einmal ist ein Ausländer gekommen, der in das Geschäft wollte, um sich etwas zu essen zu holen. Er war nahe daran, die Tür der Wohnung aufzubrechen!“, lacht Ivanka herzlich. Für sie haben die Shops weder eine nationale Bedeutung, noch sind sie eine schamvolle Erinnerung an die Krise. „Sie sind einfach meine Arbeit.“ Stefan Petrov bestätigt diese Einschätzung: „Es ist nicht leicht, aber hier arbeite ich seit zehn Jahren.“ Einmal seien Ausländer gekommen und hätten einen Film drehen wollen. „Ich bereue es, dass ich das erlaubt habe. Sie waren nicht hier, um die Klek-Shops als kulturellen Teil unserer Hauptstadt darzustellen. Sie wollten mein Geschäft nur als Beweis für die Armut. So ist es nicht. Die Klek-Shops sind kein Denkmal. Sie sind ein Geschäft. Sie sind mein Beruf“, sagt Ivan Dimitrov. „Die Klek-Shops sind ein Teil unserer Geschichte. Sie brauchen keine politische Bedeutung zu haben. Sie haben ihren Platz in der Geschichte wie alle anderen Gebäude, Straßen, Läden und Menschen in Sofia.“

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