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Skandinavistik : Plötzlich ein Drache

  • -Aktualisiert am

Spannend, was der Student berichtet: Skandinavistik eröffnet phantastische Welten. Zwei Universitäten bieten das vielseitige Fach in Deutschland an.

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          Game of Thrones“ hat geendet, aber schon bald erwartet Tolkien-Fans das milliardenschwere Filmprojekt einer Serie im Universum von „Der Herr der Ringe“. Bei einer solchen Popularität ist es nicht verwunderlich, dass Jugendliche dem Reiz unterliegen, die nordische Mythologie zu entdecken. Dafür eignet sich ein Studiengang ganz besonders gut: Skandinavistik. Wer sich dieser Literaturwissenschaft annimmt, arbeitet sich durch verschiedene Zeitalter der nordeuropäischen Kulturen. An zwei Universitäten in Deutschland wird dieser Studiengang angeboten. Jona Golla studiert im dritten Semester Skandinavistik an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Der 22-Jährige wohnt noch in seinem Heimatort Flörsheim am Main. Er kennt sich in Schweden, wo er auch Verwandtschaft hat, gut aus. Besonders fasziniert ihn die Kultur der skandinavischen Länder. Die Tatsache, dass Isländer heute die altnordischen Sprachen noch verstehen können, macht das Studium für ihn ebenfalls interessant.

          Aufbrausende Schmähgedichte

          Jona Golla besucht hauptsächlich Seminare. Ein Seminar geht beispielsweise von zehn bis zwölf Uhr. Heute geht es um Isländersagas. Das sind hauptsächlich Heldengeschichten aus Island, die größtenteils mündlich überliefert wurden. Die Dozentin startet den Laptop und wirft eine Präsentation auf die Leinwand. Ganz anders verhält es sich mit der Übersetzung. Diese hat Jona Golla schon längst in seinem Heft stehen. Häppchen für Häppchen werden einzelne Sätze vorgelesen. Meistens handelt es sich dabei um Textauszüge. „Es ist ein zutiefst befriedigendes Gefühl, wenn ich den Text richtig übersetzt habe“, meint Golla. Ähnlich wie im Lateinunterricht kann die Runde interessierter Studenten anschließend über die Inhalte philosophieren. Zusätzlich muss das Werk in den historischen Kontext eingeordnet werden. Manchmal ist noch eine Emendation, eine Korrektur des Textes, notwendig. Jona Golla hat sorgfältig für alles einen Ordner angelegt. Bei Gedichten lässt er zwischen jedem Vers eine Zeile frei. So können Notizen zur Sprachgestaltung ergänzt werden. Aus dem Deutschunterricht sind sie noch bekannt, die Stilfiguren. Doch in der Schule ist ein Kenning unbekannt. Dies ist eine kreative Umschreibung in der nordischen Dichtkunst: Ein Fürst wird zum Beispiel „Verschwender des Goldes“ genannt. Sowohl herzzerreißende Liebes- als auch aufbrausende Schmähgedichte werden nüchtern unter die Lupe genommen.

          Mit einer Gemeinschaft aus Zwergen

          Ein bekanntes Beispiel ist „Das Lied von Fafnir“. Es erzählt die Geschichte eines Königssohns, Fafnir, der sich in einen Drachen verwandelt. Sein Bruder wurde vom Asengott Loki ermordet, und so erhält Fafnirs Vater einen Schatz als Wiedergutmachung. Auf diesem lastet jedoch ein Fluch. Weil der Vater nicht bereit ist, das Gold mit seinen verbleibenden Söhnen zu teilen, tötet Fafnir seinen Vater, flieht mit der Beute und wird zum gefährlichen Drachen. Dieses Bild wurde in einer anderen Geschichte aufgegriffen: Viele erinnern sich an Tolkiens Geschichte des kleinen Hobbits, der mit einer Gemeinschaft aus Zwergen zum Erebor reist, um den Drachen Smaug zu töten. Um über genau diese Zusammenhänge nachzudenken, braucht es Zeit. In den Freistunden darf ein heißer Kaffee mit viel Sahne nicht fehlen. Dafür gibt es an der Goethe-Universität genug Möglichkeiten. So kann Jona Golla mit einer Lektüre von Tolkien wunderbar über den Bezug zur Fantasy und dessen Sprache reflektieren: „In einem Seminar hat die Dozentin auf die Weiterentwicklung von Beowolf zu Beorn in Mittelerde aufmerksam gemacht. Interessanter ist, dass Tolkien eine eigene Mythologie erschaffen hat. Angefangen hat alles mit den elbischen Sprachen. Sie sind an Finnisch und Walisisch angelehnt.“

          Moderne Briefromane

          Vorlesungen gibt es im Studiengang der Skandinavistik nicht. Zumindest nicht in Frankfurt. „Es macht logistisch keinen Sinn, 20 Leute in einen Hörsaal zu setzen. Zudem müssten ja dann Professoren mit konkreten Themen an die Uni kommen, und das würde sich für die gar nicht lohnen“, behauptet der Student. Zu Hause arbeitet er hin und wieder an einem Referat. Meistens muss er Bücher lesen und analysieren. Dazu gehören für ihn vor allem moderne Briefromane aus der neueren Skandinavistik. Dieses Gebiet beinhaltet Literatur ab dem 17. Jahrhundert. „Wem schon zwei oder drei Seiten lesen in der Schule zu viel sind, der sollte dieses Fach wirklich nicht studieren.“ Ist das Pensum geschafft, macht es sich Golla auf dem Ledersessel gemütlich und liest ein paar Seiten in den Werken von Tolkien. Die Zwerge sind ihm bis nach Hause gefolgt. Schließlich knipst er das Licht aus und überlegt, wie sein eigener Fantasy-Roman aussehen könnte. Vielleicht wird er schon bald zu Papier gebracht.

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