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Sitzordnung in der Schule : Das große Stühlerücken

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Nur frontal ist genial galt lange in unseren Schulklassen Bild: picture-alliance / dpa

Welcher Schüler sitzt wo? Neben wem? Und wer bestimmt das? Die Sitzordnung ist eine der wichtigsten Fragen zu Beginn jedes neuen Schuljahres - für Schüler und Lehrer. Doch ist umstritten, wie sich das Klassenzimmer am besten planen lässt.

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          Gruppentische sind für den angehenden Zweitklässler Gustav Lenz, 7, eine ganz normale Sache. Auch seine Geschwister Lotte, 11, und Jakob, 13, sitzen seit der ersten Klasse meist in Gruppen um die Tische. Als die drei im Fernsehen die Verfilmung von Erich Kästners Roman "Das fliegende Klassenzimmer" aus dem Jahr 1973 sehen durften, rief Gustav mit den Geschwistern begeistert: "Oh, so wollen wir auch sitzen." Denn im Film sitzen die Kinder in Reihen, mit dem Gesicht zum Lehrer, so wie es im Kinderbuch "Die Häschen-Schule" von 1924 beschrieben ist: "Kleine Bänke stehn in Reihen, hier zu zweien, da zu dreien. Hopphopphopp, noch einen Satz, und sie sind auf ihrem Platz." Jeder Schüler hatte seinen festen Platz, denselben Tischnachbarn, in jeder Stunde. Gustav, Lotte und Jakob finden das eine gute Idee.

          Doch diese feste Ordnung gilt heute als veraltet. Jedes neue Schuljahr beginnt in der Regel mit einer neuen Sitzordnung, mit Sitzplan oder Namensschildchen, nach freier Wahl oder nach Vorgabe des Lehrers, in Gruppen, Hufeisen- und E-Formen oder rotierend. Früher saßen die Schüler dagegen fest in Reihen, die Mädchen getrennt von den Jungen. Dachte man damals, dass Kinder nur frontal lernen könnten, so denkt man heute, das frontale Sitzen unterbinde die Kommunikationsfähigkeit von Schülern. Um eine freiere Sitzordnung wurde lange gerungen, heute zählt sie zu einem modernen Unterricht.

          Ständig wechselt die Sitzordnung

          Doch manche Kinder haben Probleme mit der wechselnden Sitzordnung. Lotte zum Beispiel. Sie besucht die 5. Klasse der Reinhardswald-Grundschule in Berlin-Kreuzberg. Schon immer sitzt ihre Klasse in drei bis vier Gruppen, der Sitzplan wechselt ständig. "Ich mag es nicht, wenn in Mathe der ganze Tisch mitrechnet", sagt Lotte, "bei uns ist es total unruhig, da hört man den Lehrer gar nicht mehr." Lotte hatte Rechtschreibprobleme, bis die Lehrerin sie ganz nach vorne gesetzt hat. "Da ging alles viel besser", sagt Lotte. Ihr Bruder Jakob ist 13 und geht in die 7. Klasse der Carl-von-Ossietzky-Gesamtschule. Einmal im Monat wird bei ihm der Sitzplan neu ausgelost. Alle Schüler müssen dann raus, werden einzeln hereingerufen und auf die neuen Plätze verteilt. Im Naturkunde-Unterricht sitzen die Kurse in Reihen nach dem Alphabet, in Bildender Kunst dürfen die Kinder sitzen, wie sie wollen.

          Heute sitzt man in Gruppen

          Durch das ständige Verändern der Sitzpläne wollen die Schulen die Kinder zur Teamfähigkeit erziehen. Jedes Kind soll in der Gruppe seine Stärken und Schwächen erkennen und lernen, mit allen Kindern seiner Klasse auszukommen. Vor allem in großen Klassen oder an sogenannten Problemschulen geht das freilich oft zu Lasten der Konzentration. Manfred Müller (Name von der Redaktion geändert) ist Lehrer an einer Hauptschule im Berliner Bezirk Tempelhof-Neukölln mit einem Ausländeranteil von über 70 Prozent und unterrichtet ausschließlich frontal. Die Schüler verlangten das, sagt Müller, denn anders könnten sie sich schlecht konzentrieren. Oft kommen die Kinder an seiner Schule aus sehr armen Verhältnissen, wo zu Hause nicht viel über Bildung geredet wird.

          Auf die Bedürfnisse der Schüler achten

          Am Anfang des Schuljahres macht Müller mit seiner Klasse in der ersten Stunde immer einen Stuhlkreis. In den 7. und 8. Klassen verteilt er dann die Plätze. Den 9. und 10. Stufen lässt er etwas mehr Freiheit. "Wenn's aber nicht klappt, dann wird umgesetzt", sagt Müller. Dabei müsse er auch darauf achten, welchen kulturellen Hintergrund die Jugendlichen hätten. "Man kann durchaus Serben neben Kroaten setzen", sagt er. Wenn aber Türken und Kurden nebeneinandersäßen, gebe es oft Probleme. Er würde auch nicht unbedingt Jugendliche jüdischen Glaubens neben Schüler arabischer Herkunft setzen. Müller weiß, dass das schwierige Themen sind, die nicht überall verstanden werden. Er schaue daher immer auf den Einzelnen, sagt er, nicht auf dessen Herkunft. Dafür brauche er aber die Aufmerksamkeit der Schüler, und die kriege er nur frontal. Dazu zitiert er den bekanntesten deutschen Pädagogen der Gegenwart, Hartmut von Hentig, der gesagt hat: "Hätte ich unter alten und neuen Unterrichtsmitteln ein einziges zu wählen, ich wählte Tafel-und-Kreide."

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