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„Sexting“ : Amerikanische Teenager schocken Sittenwächter

  • Aktualisiert am
Seit Jahren kursieren im Internet und auf
Schülerhandys Bilder von Minderjährigen, die spärlich oder gar nicht bekleidet vor der eigenen Kamera posieren.
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          Das Foto, das unlängst auf den Bildschirmen von Mobiltelefonen in Tunkhannock im amerikanischen Staat Pennsylvania kursierte, zeigt zwei zwölfjährige Mädchen. Sie liegen nebeneinander auf einem Bett und lachen. Die eine, Marissa Miller, telefoniert mit dem Handy, ihre Freundin spreizt die Finger zum Peace-Zeichen. Zu sehen sind die Oberkörper, beide tragen nur einen BH. Gegen die Mädchen ermittelt nun ein Staatsanwalt - wegen Verbreitung von Kinderpornografie. Ihnen droht im Fall einer Anklage eine mehrjährige Haftstrafe und der Eintrag ins „Sextäter-Register“.

          Aufgenommen hat das Foto eine gleichaltrige Freundin bei einer gemeinsamen Übernachtung. Nach Marissas eigener Darstellung war es einfach ein Schnappschuss, ein Jux übermütiger Mädchen. Doch ohne das Wissen der beiden zog der Spaß Kreise: Als vor wenigen Monaten die Handys einiger Kids in der Schule von Tunkhannock eingesammelt wurden, entdeckten Lehrer das Bild. Die Polizei wurde eingeschaltet und der Schnappschuss damit zum Justizfall.

          „Nur Gott weiß, was das Mädchen zu Hause alles darf.“

          Der für Tunkhannock zuständige Staatsanwalt George Skumanick befand, die Pose sei „provokativ“. Er stellte die Mädchen vor die Wahl: entweder Erziehungskurs und Bewährungsstrafe oder Gefängnis. Marissas Antwort: „Ich finde nicht, dass ich etwas Falsches gemacht habe.“ Daraufhin eröffnete der Republikaner das Verfahren. Seitdem schlägt der Fall auch über Tunkhannock hinaus Wellen. Es gibt erhitzte Debatten im Internet und Fluten von Leserkommentaren. Auf der Webseite des „Wyoming County Press Examiner“ meinte ein Leser, Marissas Mutter habe versagt: „Nur Gott weiß, was das Mädchen zu Hause alles darf.“ Ein Leser der Onlineausgabe der „New York Times“ ärgert sich dagegen über den Staatsanwalt: „Der Anti-Sex-Wahnsinn in diesem Land kennt keine Grenzen.“ Die Kommentare offenbaren den Gegensatz, der Amerika in Fragen der Sexualität immer wieder spaltet. Religiöse Rechte stemmen sich gegen jede Form sexueller Freizügigkeit und prägen so das Image des prüden Amerikaners. Liberale amerikanische Bürger können es nicht fassen.

          Die Polizei in Connecticut führt Seminare durch, in denen Eltern über Sexting informiert werden.
          Die Polizei in Connecticut führt Seminare durch, in denen Eltern über Sexting informiert werden. : Bild: AP

          Sexting ist ein Massenphänomen

          Viele Jugendliche wie Marissa haben mit Nacktheit und Sexualität anscheinend wenig Probleme: Seit Jahren kursieren im Internet und auf Schülerhandys Bilder von Minderjährigen, die spärlich oder gar nicht bekleidet vor der eigenen Kamera posieren. “Sexting„ wird dieses Phänomen genannt, abgeleitet vom amerikanischen Wort “texting„ für „eine SMS schreiben“. Einer Studie der privaten Organisation „National Campaign to Prevent Teen and Unplanned Pregnancy„ von 2008 zufolge haben sich 20
          Prozent der befragten amerikanischen Teenies nach eigenen Angaben schon einmal so abgelichtet und die Bilder oder Videos verschickt. „Sexting“ ist demnach längst ein Massenphänomen geworden.

          In zehn Bundesstaaten laufen derzeit Ermittlungen wegen dieser Praktiken. „Schlimm“ findet das John Burkoff, Professor für Strafrecht an der Universität Pittsburgh. Er fordert Straffreiheit für die Kids: „Was diese Kinder getan haben, war unreif, aber nicht kriminell.“ Die Geschworenen eines Gerichts in Florida waren anderer Meinung: Im Februar 2008 verurteilten sie einen 18-Jährigen zu fünf Jahren Haft auf Bewährung und veranlassten seine Aufnahme in das öffentlich einsehbare „Sextäter-Register“. Er hatte ein Nacktbild seiner 16-jährigen Ex-Freundin, das sie ihm geschenkt hatte, per Email an über 70 Bekannte verschickt.

          Sieben Jahre hinter Gittern

          Marissa Miller drohen im schlimmsten Fall sieben Jahre hinter Gittern. Gemeinsam mit ihrer Mutter, zwei anderen Angeklagten und der US-Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union (ACLU) kämpft sie gegen eine Prozesseröffnung und verklagte den Staatsanwalt wegen Amtsmissbrauchs - mit Erfolg. Ein Bundesrichter entschied Ende März, das Verfahren gegen sie bis Juni auszusetzen. In der Zwischenzeit will er prüfen, ob Marissa tatsächlich angeklagt werden soll.

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