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Servicekraft in Cornwall : Zu Tisch mit Tieren

  • -Aktualisiert am

Ein junger Koch aus Nürnberg reist einen Sommer lang nach Cornwall, um dort als Servicemitarbeiter zu arbeiten. In einem Fünf-Sterne-Hotel.

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          An einem Nachmittag im März landet das Flugzeug von Stuttgart auf dem kleinen Flughafen in Newquay im Süden von Cornwall. Der 24-jährige Sven Groß-Ophoff aus Nürnberg möchte nach seiner Ausbildung zum Koch im dortigen Le Mèridien Grand Hotel seine neue berufliche Herausforderung als Servicemitarbeiter im Fünf-Sterne-Hotel Tresanton beginnen. Er hat sich für eine siebenmonatige Saisonstelle in Cornwall entschieden. Am Flughafen erwartet ihn Henry Miller, sein Taxifahrer. Auf der einstündigen Autofahrt in das kleine Fischerdorf St. Mawes erzählt der 57-Jährige ohne Punkt und Komma stolz alles, was man als Neuankömmling auf der Insel über das schöne Cornwall wissen sollte. „Henry hatte einen sehr typisch cornischen Akzent. So war ich mit meinem Schulenglisch zuerst überfordert und hatte die Arbeit schon zum Scheitern verurteilt“, erinnert sich Sven. Am Hotel wurde er von Restaurantmanager Jonathan Wood in Empfang genommen, durch das Haus geführt und seinen neuen Kollegen vorgestellt, die zu seiner Freude aus der ganzen Welt kamen wie Russland, Österreich oder auch Australien. Am Schluss des Rundgangs wurden ihm seine Arbeitszeiten am Router gezeigt. „Ich war skeptisch, was ein Router, der in Deutschland für den Internetzugang benötigt wird, mit meinen Arbeitszeiten zu tun hatte, aber ich wurde eines Besseren belehrt, ein Router ist das englische Wort für Dienstplan“, schmunzelt er.

          Wohnen im Cottage am Meer

          Seine Unterkunft war ein typisches kleines Cottage. Hier wohnte er mit zwei Arbeitskolleginnen aus dem Housekeeping. Neben dem Cottage hatte Susan Haris ihr Cottage mit großem Garten und Blick auf das Meer. Sein erster Tag begann um 7.30 Uhr bei Sonnenschein. Um 11 Uhr gab es dann wie jeden Morgen das Mittagessen für das Personal, das aus dem übrig gebliebenen Frühstück bestand und für Deutsche gewöhnungsbedürftig ist. Das englische Frühstück besteht aus gebackenen Bohnen, Würsten und Speck. Wie jeden ersten Sonntag im Monat gab es auch an diesem Tag das in ganz Cornwall bekannte Tresanton BBQ, das auf der Terrasse des Hotels aufgebaut wurde. Dazu wird eine Vielzahl an frischen Salaten, Meeresfrüchten und gegrilltes Fleisch angeboten. Das Event beginnt um 12 Uhr, was für das Team des Tresanton bedeutet, dass direkt nach dem Frühstück das große Buffet aufgebaut werden muss. Aber das Team ist routiniert, und jeder weiß, was seine Aufgabe ist. So stand das Buffet planmäßig um 11.50 Uhr parat für die Gäste. Unglücklicherweise hatte einer der Techniker einen der Tische nicht richtig aufgebaut, so fiel der Tisch samt Austern und zehn Schüsseln Salat unter der Last in sich zusammen. „Das gab vielleicht einen Schlag. Sofort rannten alle Köche in die Küche, um Nachschub zu produzieren. Wir vom Serviceteam waren dafür verantwortlich, die Austern und Salate auf dem Boden zusammenzusammeln.“ Nachdem der erste Stress vorbei war, erklärte Anna Tschibikow, die seit vier Jahren im Tresanton arbeitet, Sven die Serviceabläufe und für welche Tische er an diesem Nachmittag zuständig ist. Zu seiner Verwunderung erklärte ihm Anna, dass er auch immer die Seemöwen im Blick haben sollte, denn die hätten einfach immer Hunger. Sobald einer der Gäste ans Buffet gegangen war, kam eine Seemöwe angeflogen und setzte sich auf den Tisch. Als ob es das Natürlichste auf der Welt war, verspeiste sie die Lebensmittelreste und verschüttete zu allem Ärger auch noch den schönen Sauvignon Blanc aus Neuseeland, was für Sven wieder den Einsatz der Kehrschaufel bedeutete. „Ich dachte, dass die Tauben in unseren Großstädten schon frech sind, bis mich die Seemöwen aus St. Mawes eines Besseren belehrt haben.“

          Sie füttert Metzger im Garten

          Um 15 Uhr war dann wortwörtlich das Mittagessen für Mensch und Tier beendet, und Sven konnte in seine Pause. Auf dem Heimweg traf er seine Nachbarin Susan im Tante-Emma-Laden und erkundigte sich, was in ihrem Garten letzte Nacht so Lautes vorgegangen wäre. Susan erklärte Sven, dass jede Nacht zwei Butcher zu ihr in den Garten kommen, die sie mit Katzenfutter füttere und daher dieser Lärm entstehe. „Sie füttert jeden Abend Metzger in ihrem Garten, war mein erster Gedanke. Ich habe das Ganze dann nicht hinterfragt. Sobald ich zu Hause war, suchte ich in meinem Lexikon danach, was Butcher noch heißen konnte, und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass Susan jede Nacht zwei Dachse in ihrem Garten zur Fütterung begrüßt.“

          Nach einem kurzen Mittagsschlaf gab es um 18 Uhr Abendessen im Hotel. Dem ersten Eindruck nach sah die Soße ähnlich wie Bolognese aus, nach dem ersten Löffel jedoch merkte Sven, dass es Lammfleisch war. Die felsigen Berge und weitläufigen Salzwiesen bieten optimale Bedingungen für die Schafzüchtung, daher ist dieses Fleisch günstiger im Vergleich zu Rind- oder Schweinefleisch. „Jeder meiner Kollegen ergänzte seine Bolognese noch mit einer grünlichen, dickflüssigen Soße.“ Lammfleisch mit Pfefferminzsoße ist etwas speziell, aber eine interessante Kombination von Fleisch und der Frische der Minze. Mir hat es nicht geschmeckt, aber mich kann man auch nicht für After Eight begeistern.“ Kurz vor Mitternacht war Feierabend. „Jeder von uns nahm ein altes Handtuch aus der Wäscherei, und wir beendeten unseren erlebnisreichen Sonntag mit einem kurzen Sprung in das 18 Grad kalte Meer.“

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