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Seenotrettung : Nicht beim Sterben zuschauen

  • -Aktualisiert am

Bild: Philipp Waechter

Erstversorgung, Seenotrettung, das ist der Plan, den die Sea-Eye-Gründer in Kneipen vorgestellt haben. Seitdem retten sie Menschen auf ihrer Flucht.

          Libyen, das ist ein failed state. Von dort kommen die Bootsflüchtlinge. In den anderen nordafrikanischen Staaten organisiert man bereits weit hinter der Küste Schleierfahndungen. Vor der libyschen Küste ist ein größeres, nicht befahrenes und besegeltes Gebiet. Ich bin selber Segler. Ich habe mir das angeschaut“, sagt Michael Buschheuer, Initiator der 2015 gegründeten Organisation Sea-Eye, die sich zum Hauptziel gemacht hat, schiffbrüchige Flüchtlinge auf ihrer gefährlichen Flucht nach Europa zu retten. „Man kann sich das menschliche Elend, das Sterben nicht einfach anschauen. Aus der Not heraus haben wir ein Schiff gekauft, die Sea-Eye. Ohne Kapital, ohne Wissen. Es war eine echte Crowd-Funding-Kampagne. In Gaststätten-Versammlungen haben wir die Idee vorgestellt: Erstversorgung, Seenotrettung im Mittelmeer. Denn Erstversorgung ist unser Zweck“, erklärt der Maler und Lackierer aus Regensburg. Er erläutert, dass das Aufnehmen von Flüchtlingen an Bord des Schiffs nur in Ausnahmefällen passiert, da die Deckfläche nicht dafür geeignet ist und man den Überblick verliert, was mit den Menschen an Bord passiert oder ob sie überhaupt am Leben bleiben.

          Früher ein Fischkutter aus Sassnitz

          Die Sea-Eye ist ein 26 Meter langer ehemaliger Fischkutter aus Sassnitz auf Rügen und hieß früher „Sternhai“. Das hochseetaugliche Schiff wurde für den Zweck der Seenotrettung umgerüstet. Der Kutter ist rund 60 Jahre alt und fuhr bis vor vier Jahren auf den Weltmeeren, vor allem aber im Nord- und Ostseeraum. „Wir spüren die Flüchtlinge auf und machen die Erstversorgung. Von Anfang an dabei: ein Ex-Kapitän, ein Weltumsegler, auch ein Fischer. Anfangs waren es 20 Interessierte, sieben blieben übrig, damit kann man in Deutschland einen Verein gründen“, sagt Buschheuer. Dem Verein traten im ersten Jahr 200 Mitglieder bei. „Unser Gesamtbudget liegt bei rund 400 000 bis maximal 600 000 Euro, das ist sehr wenig, in diesem Jahr bei nur 300 000. Geld kommt über Vorträge rein, manchmal auch eine Spende. Es ist ein ständiges Betteln. Unser Schiff ist ja alles andere als ein standardmäßiger Deutscher Seenotretter, der würde zwischen 10 und 15 Millionen Euro kosten.“ Besucher fühlten sich an Wolfgang-Petersen-Film „Das Boot“ erinnert, scherzt der 41-Jährige. „Wenn man von oben auf den Motor guckt, sieht man direkt die Kipphebel der Ventile.“ Ein Schiff dieser Größe kostet auch im Stillstand Geld. Wartungsarbeiten fallen an, der Verbrauch von Schiffsdiesel ist hoch. „Im ersten Jahr haben wir 5668 Menschen aufgespürt und erstversorgt, 2017 noch mehr. Die Mortalitätsrate, das ist der Kernpunkt, ist nach einer guten Erstversorgung viel geringer.“ Laut eines Berichts des Bayerischen Rundfunks hat der Verein nach eigenen Angaben seit April 2016 mehr als 14 000 Flüchtlinge gerettet.

          Rund um die Uhr Schiffbrüchige sichten

          Immer mit an Bord ist ein Arzt, ein Kapitän, ein Maschinist, dazu erfahrene und neue Deckgänger. Vier bis fünf Leute sind solche Wachgänger, die sich alle drei bis vier Stunden abwechseln, um das Meer rund um die Uhr zu überwachen und Schiffbrüchige zu sichten. „Mit dabei sind Junge und Alte, Reiche und Arme, Frauen und Männer. Was wir nicht an Bord brauchen sind Cowboys, Hasardeure, Politiker.“ Der wichtigste Kooperationspartner ist die Seenotleitstelle in Rom, die sich um die Ortung der Boote kümmert und der Sea-Eye die Koordinaten mitteilt. „Es gab vor den italienischen Küsten im Mittelmeer immer mehr oder weniger viel Migration. Italien hat sich auch um Seenotrettung gekümmert und betrieb sein Mare-Nostrum-Programm, später gab es Nachfolgeprojekte der EU, wie die Frontex-Triton-Mission, aber auch die Sophia-Mission der europäischen Seestreitkräfte. Also polizeilich-militärische Operationen. Das waren aber keine Mandate zur Seenotrettung, diese wurde da passiv wahrgenommen“, erläutert Buschheuer. Die sogenannte Libysche Küstenwache habe Flüchtlinge aufzuspüren und zurückzubringen, wodurch sich das Elend der Menschen in seinen Augen noch verstärkt. Italien sei bis heute das einzige Land gewesen, das sich bei der Flüchtlingshilfe im Mittelmeer beteiligt habe. Durch den jüngsten Regierungswechsel habe das nun ein Ende, was die Lage weiter verschärfe.

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