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Schweizerdeutsch : Schweizer Idiotikon

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Sagen wir nun Pfärd oder Ross? Zwei Wissenschaftler sprechen über Geben und Nehmen in der Sprache und die Verhochdeutschung des Schweizerdeutschen.

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          Kartofflä oder Härdöpfel, Träppä oder Stäge, Pfärd oder Ross, das ist hier die Frage. Im schweizerdeutschen Dialekt finden sich nämlich immer mehr Wörter aus dem Hochdeutschen. Um diese Veränderungen zu verstehen und Prognosen zu wagen, muss man die vergangene, die gegenwärtige und die zukünftige Situation des Schweizerdeutschen beleuchten. Zwei, die sich täglich damit beschäftigen, sind Martin Graf, Redaktor, und Christoph Landolt, Redaktionsleiter am Schweizerischen Idiotikon, dem schweizerdeutschen Wörterbuch, mit Sitz in Zürich. Graf hat an der Uni Zürich Germanistik, Allgemeine Geschichte und Mittellateinische Philologie studiert und ist seit 2007 beim Idiotikon. Landolt hat 1991 beim Idiotikon als wissenschaftliche Hilfskraft begonnen und ist seit 2019 Redaktionsleiter. Er hat an der Uni Zürich Vergleichende Germanische Sprachwissenschaft, Nordische Philologie und Allgemeine Geschichte studiert.

          Nur die Bibel wurde gelesen

          Mit Einführung der Schulpflicht in der Schweiz im Laufe des 19. Jahrhunderts kamen viele Schweizer – vor allem Leute auf dem Land –, sieht man von der Bibellektüre ab, das erste Mal mit der Schriftsprache in Form von Zeitungen oder Schulbüchern in Kontakt. Zur Schulpflicht kam hinzu, dass Ende des 19. Jahrhunderts in der Stadt Zürich ein Drittel aller Bewohner Deutsche waren, was auch einen Einfluss auf die Mundart hatte. In einem Aufsatz über das Schweizerdeutsche schrieb der Schweizer Dialektologe Albert Bachmann einst, dass sich in dem Wortschatz eines Schweizers das Wort durchsetzt, welches Parallelen im Schriftdeutschen hat. Typische schweizerdeutsche Wörter wie „liis“ und „blööd“ für „fad“, die kein Parallelwort im Schriftdeutschen haben, durch das sie gestützt werden, werden ausgesiebt. Im frühen 19. Jahrhundert galten die Dialekte in der Schweiz als niveaulos und prestigearm, das Hochdeutsche hingegen als geschmackvoll. Diese Sichtweise änderte sich um etwa 1860 um 180 Grad, als die Schweizer sahen, wie viele interessante mittelalterliche Aspekte im Dialekt stecken. Der Dialekt wurde zum Zeichen für Gleichartigkeit und Republikanismus und für die Abgrenzung von Deutschland. Das Idiotikon wurde infolge dieser Aufwertung des Dialekts gegründet und als Rettungsaktion für die Bergung, die Erhebung und die Verschriftlichung von 700 Jahren Sprachgeschichte angepriesen.

          Schwupps wurde ein „s“ angehängt

          Auch die Satzstellung und der Satzbau erfahren große Veränderungen. Ein Grund könnte sein, dass die Schweizer oft Diskussionen in der Standardsprache führen müssen. Die Morphologie hingegen geht eigene Wege. Schwupps, ein „s“ an das Wort gehängt oder aus einer „Chilä“, „Kirche“, zehn „Chilänä“ gemacht. Erklären kann man dies mit der Anpassung an die Schriftsprache, dass man Einzahl und Mehrzahl formal trennen möchte. Wirft man einen Blick auf vormalige Generationen, haben diese freilich weniger verdeutschte Begriffe benutzt als die Generation nach ihnen, jedoch ebenfalls mehr als die Generation vor ihnen. Wogegen sich einige Schweizer heute noch sträuben, sind einige wenige Wörter, die nicht schon vor 50 Jahren verdeutscht worden sind. Der 53-jährige Landolt spricht von einem weiteren Schritt zur Verhochdeutschung. Alle Schweizer, die denken, sie sprächen noch reines Schweizerdeutsch, muss man leider enttäuschen, sie haben den Sprachwandel schlicht und ergreifend nicht wahrgenommen.

          Die rationale Seite des Redaktors

          Die Funktion des Idiotikons ist es, zu dokumentieren, ohne zu werten. Und so machen sie es auch mit der Verhochdeutschung. Sprachlichen Eintagsfliegen wird keine Beachtung geschenkt, sondern nur den stabilen Phänomenen. Viele verdeutschte Begriffe sind solche Eintagsfliegen, die auch im neuen Band des Idiotikons keinen Platz haben. Für Wörter wie „Schwaabe-Büle“, „deutsches Auto“, oder „Länkstange-Göiferi“, „Velofahrer“, gibt es etwa das Zürcher Slängikon, das diesen Wörtern ihren gebührenden Platz gibt. Der Redaktor Graf ist ein Schreib- und Kopfmensch, der den ganzen Tag mit Hochdeutsch in Kontakt ist, da kommt es auch mal vor, dass er Wörter benutzt, die es in der Mundart ursprünglich nicht gibt. Der 44-Jährige steht der ganzen Entwicklung gespalten gegenüber. Seine rationale Seite sagt, dass Sprache nur einen Zweck erfüllen muss, nämlich Kommunikation zu ermöglichen, dabei ist es egal, ob es schön klingt. Kleinsprachen, Minderheitensprachen und Dialekte haben es heute aufgrund der omnipotenten und im Alltag omnipräsenten Standardsprache besonders schwer. Grafs emotionale Seite, die des Sprachlers, der Freude an der Vielfalt der Ausdrucksweise und ihren Strukturen hat, die sich bewusst von der Schriftsprache unterscheiden, findet es bedauerlich. So gehe ein großes Stück kultureller Vielfalt verloren. Christoph Landolt meint, man habe die Forschung zum Dialektwandel etwas verschlafen. Erst seit kurzem werden Vergleiche gezogen aus alten Daten des Sprachatlas und neuen Umfragewerten, um dem Dialektwandel in bestimmten Regionen der Schweiz nachzugehen. Der genaue Zeitpunkt von Wortveränderungen und -entstehungen ist fast unmöglich zu ermitteln, da Sprachwandel ein Prozess ist, der lange dauern kann und sich dabei durch alle Schichten der Sprache zieht. Bei einem Sprachatlas spielt natürlich auch die Subjektivität des Verfassers eine Rolle. Allgemein tragen Wörter aus dem Militär und der Politik eher wenig zur Veränderung bei. Die Medien und ganz besonders die Mobilität sind dagegen wichtigere Faktoren bei der Auflösung der traditionellen Dialekte.

          Whatsapp und SMS sind neue Domänen

          Die Sprache ist nicht wirklich berechenbar, und Prognosen zu machen heikel. Graf vermutet aber, dass die Verhochdeutschung in Zukunft keinen merklichen Einfluss auf unsere Sprachkompetenz im Schriftdeutsch haben wird. Die Sprachkompetenz in einer bestimmten Sprache erhöht sich natürlich am besten durch konsequentes Sprechen. Klar ist: Die eindeutige Trennung von Hochdeutsch als geschriebener Sprache und Schweizerdeutsch als gesprochener Sprache, die sogenannte mediale Diglossie, dünnt sich aus. Schweizerdeutsch erobert sich neue Domänen der Schriftlichkeit, zum Beispiel mit Whatsapp und SMS beim informellen schriftlichen Austausch. Hochdeutsch verliert Domänen des Mündlichen in Form von Vorträgen. Ein Aussterben des Schweizerdeutschs in naher Zukunft kann man definitiv ausschließen. Damit dies eintreten würde, müssten noch ganz andere Ebenen betroffen sein, wie die Syntax, die Prosodie oder die Textsorten. Das ist phonetisch und durch die Landesgrenze fast nicht möglich. Doch wer weiß, wie sich Schweizerdeutsch in hundert Jahren anhören wird?

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