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Schweizer TV-Logging-Team : Die besten Sportszenen filtern

  • -Aktualisiert am

Armer Balljunge und schöne Zeitlupe: Das Schweizer TV-Logging-Team sichtet Höhepunkte im Sport und bereitet sie auf.

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          Für meinen Beruf sollte man immer à jour sein“, entschuldigt sich Daniel Hanselmann, während er auf seinem Smartphone die aktuellen Schlagzeilen überfliegt. Der Arbeitstag des 46-Jährigen beginnt bereits im Zug auf dem Weg in die Schweizer Radio- und Fernsehgesellschaft, SRG, in Zürich. Hanselmann arbeitet hinter den Kulissen des größten Schweizer Senders. Er leitet seit sechs Jahren das „Logging-Team“. Die 16 Mitarbeiter sind zuständig für das Loggen von Sportaufzeichnungen aller Art, sprich, für die Verschlagwortung der besten und wichtigsten Szenen der aufgenommenen Ereignisse, so dass diese zum Beispiel für die Berichte in der Tagesschau oder auf der Homepage verwendet werden können. Der Zürcher Oberländer betritt das gigantische Gebäude. Den Hauptteil seiner Arbeit verbringt er an seinem Computer. Das Hintergrundbild ziert ein trophäenküssender Roger Federer.

          Nach dem dritten Satz in Pause

          Der Logging-Raum sieht leer aus, dabei spielen gleichzeitig Stan Wawrinka und Viktorija Golubic im Rahmen des French Opens. Ein Kollege sitzt vor dem Bildschirm und loggt live die Partie zwischen Wawrinka und García-López. „Man muss beim Loggen immer Prioritäten setzen. Dabei müssen wir uns Fragen stellen wie: Was wollen die Journalisten, was interessiert die Zuschauer?“ Yves-Manuel Méan loggt mit schnellen und geübten Klicks den Tennismatch, gleichzeitig blickt er immer wieder nach rechts auf den zweiten Monitor, auf dem die Homepage des French Opens offen ist. So verfolgt er auch die anderen Ergebnisse der laufenden Spiele. An der Wand hängt ein großer Flachbildschirm, auf dem der Match live läuft. Auf seinem eigenen Bildschirm spult Méan vor und zurück. Er loggt eine Szene nach der anderen. Hin und wieder feuert er Stan an oder stöhnt bedauernd auf, wenn García-López einen Punkt macht. „Es gibt aber auch sehr langweilige Disziplinen. Ich weiß noch, als ich 2012 während der Sommerolympiade Segeln loggen musste. Solange kein Boot kentert, loggt man gerade mal den Start und zwei Stunden später das Ende.“ Heute wird Yves Méan bis 21 Uhr beschäftigt sein. „Meine Mitarbeiter müssen mit unregelmäßigen Arbeitszeiten und Schichtenwechseln umgehen können“, sagt Hanselmann. „Deshalb ist die Einteilung der Arbeit so wichtig. Es kann auch sein, dass eine Schicht erst um ein Uhr nachts beginnt, wenn das Ereignis am anderen Ende der Welt stattfindet.“ Nach dem dritten Satz, den Wawrinka gewinnt, geht der Logger in seine kurze Mittagspause.

          Vorgegebene Schlagwörter anklicken

          Das Live-Logging-Projekt entstand mit der zunehmenden Digitalisierung. „Es war früher mühsame Arbeit. Man hatte ein Blatt, Dopesheet genannt, vor sich, auf welchem man von Hand die Timecodes der Szenen notieren und die ausgewählte Szene beschreiben musste. Nach einer WM hatte man dann ein ganzes Regal voller Ordner, die mit diesen Dopesheets gefüllt waren.“ Lachend sagt er: „Bis man da etwas wiedergefunden hat…“ Heute sorgt ein Computerprogramm für Effizienz. Die vorgegebenen Schlagwörter müssen nur noch angeklickt werden. Gleichzeitig erscheint ein kleines Dreieck auf der Timeline in einer bestimmten Farbe, die die Wichtigkeit der Szene hervorhebt. Grün für normale, Orange für wichtige und Rot für sehr interessante Szenen. Nichtsdestotrotz erfordert die Arbeit Konzentration und einiges an Nerven. „Es ist schon vorgekommen, dass gewisse Aufzeichnungen mittendrin abgebrochen wurden, weil unsere Kunden, zum Beispiel die Fernsehjournalisten in der Sportredaktion, sich umentschieden haben, und es sich ihrer Ansicht nach nicht lohnte, das Ereignis weiter aufzuzeichnen. In solchen Fällen war die Arbeit meist umsonst, da wir keine unvollständigen Aufnahmen ins Archiv nehmen.“ Auch kommt es wie bei jedem System mal zu Ausfällen. „Da hatten wir wirklich Glück im Unglück! Das Programm hat vier Tage lang gestreikt, aber zum Glück war an zwei davon sowieso kein Logging geplant gewesen. Für die anderen zwei Tage musste das Logging abgesagt werden, was schon recht peinlich war.“

          Bei der Olympiade sitzt er selber vor der Maschine

          Hanselmann bemüht sich, dass die seltenen Teamsitzungen mindestens viermal im Jahr stattfinden. „Ich bin in Zürich für die Disposition der Logger zuständig. Ich mache die Arbeitspläne.“ Die Kommunikation laufe größtenteils über E-Mail. Hin und wieder, wie bei der Olympiade in Pyeongchang, sitzt der Vater von drei Kindern selber vor der Maschine. „Das beste Erlebnis in diesem Jahr war sicher während Pyeongchang, als ich die Langlaufdisziplin loggen musste und die Schweiz endlich die erste Goldmedaille gewann. Da fiebert man natürlich selber mit.“ Am Schluss eines Arbeitstages werden Mails mit den „Loggingperlen“ verschickt. „Heute war es zum Beispiel der Balljunge, der während des Spiels vom Tennisball getroffen wurde, während eines Fußballspiels ist es vielleicht eine schöne Zeitlupe oder das beste Tor.“ In seiner Freizeit arbeitet er gerne mit seiner Frau im Garten, kümmert sich um die zwei Schweinchen, sogenannte American Minipigs, und liest. „Im Moment warte ich auf den nächsten Teil der Game-of-Thrones-Buchreihe.“

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