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Schutzhund-Prüfung : Kein Zucken trotz lauter Schüsse

  • -Aktualisiert am

Bild: Phillip Waechter

„Hopp“, Sprung übers Hindernis und warten, was der Mann an seiner Seite jetzt von ihm fordert: Ein Polizeihund muss sich immer wieder beweisen.

          Angespannte Stimmung, niemand spricht mehr. Außer Vogelgezwitscher ist nur das Knarzen des Schotters unter Füßen zu hören. Der Himmel ist stark bewölkt. Zwei Pistolenschüsse ertönen, einer lauter als der andere. Mehrere Beamte stehen hinter einer Abgrenzung und haben sich im Vorfeld ihre Ohren zugehalten, denn sie wissen ganz genau, was passieren wird. Im Hintergrund fangen drei Hunde an, aggressiv zu bellen, das Augenmerk ist in diesem Moment nur auf einen Vierbeiner gerichtet. Der durchtrainierte, zehn Jahre alte Schäferhund Banu (auch dieser Name ist auf Wunsch der Polizei geändert) läuft schwanzwedelnd und hechelnd, ohne zu zucken, eng neben seinem Hundeführer her. Dabei hat er stets aufmerksam seinen Kopf zu Polizeioberkommissar Klaus Hertel (Name geändert) gehoben, um jeden Richtungs- oder Geschwindigkeitswechsel mitzubekommen. Seine spitzen Ohren sind angelegt, ein Zeichen für Konzentration. „Bei dieser Übung ist es besonders wichtig, dass der Hund sich möglichst neutral verhält, ohne dass er durch den Schuss beeindruckt oder erschrocken ist“, klärt Hertel, der eine blaue Uniformjacke mit dem weiß-silbernen Schriftzug „Polizei“ auf Vorder- und Rückseite trägt, später auf. Schon oft hat er diese Prüfung mit seinem Gefährten durchgeführt und weiß, wie man sich dem Hund gegenüber in dieser Situation verhalten sollte – möglichst distanziert. Er hat die übergeordnete Position und schaut den Rüden kaum an.

          Dann muss er einen Kriechtunnel bewältigen

          Einmal im Jahr findet die Prüfung zur Feststellung des Leistungsstandes der Schutzhunde der Polizeidirektion Fulda auf einem angemieteten Hundeplatz statt. Diese Prüfung für Diensthund und Hundeführer teilt sich in die Bereiche Unterordnung und Schutzdienst auf. Dabei wird genau darauf geachtet, ob Führer und Hund eine Einheit bilden und ob dieser körperlich in der Lage ist, den Beamten im Dienst zu unterstützen. Aufgaben für einen solchen Hund wären zum Beispiel, einen Einbrecher oder Angreifer zu stellen, und der Schutz einer Person. Im Bereich der Unterordnung müssen insgesamt fünf unterschiedliche Übungen bewältigt werden. Dazu gehört unter anderem, eine Personengruppe zu durchlaufen, ebenso die Freifolge, bei der der Hund ohne Leine neben seinem Hundeführer herlaufen muss, oder die Aufgabe mit dem Schuss. Der Beamte Jürgen Zimmermann (Name geändert) stellt sich mit einem Kaffee an die Abgrenzung zu seinen Kollegen, um Banu zuzuschauen. Das prägnante Kommando „Hopp“ ertönt, der rotbräunliche Hund springt ohne zu zögern über eine Hürde. Weder streift er das Hindernis, noch stützt er sich mit seinen Pfoten ab. Wären ihm diese Fehler unterlaufen, gäbe es Abzüge von den insgesamt 100 Punkten, die er jeweils in beiden Bereichen erlangen kann. Auf der anderen Seite angekommen, legt er sich sofort auf den Rasen und wartet, bis Hertel ihm das nächste Kommando mit klarer und kontrollierter Stimme erteilt. Weitere Hürden folgen, eine fast so groß wie ein ausgewachsener Mann, über die Banu klettern muss. Auch bewältigt er einen blickdichten Holzzaun sowie ein Absperrgitter. Die Diensthunde müssen auch Gesten deuten, die mit Kommandos ausgeführt werden. So zeigt zum Beispiel der ausgestreckte Arm mit der Anweisung „Durch“ an, dass der Hund einen Kriechtunnel bezwingen muss.

          Dem Sprengstoffhund fehlt Aggressionspotential

          Zugelassen sind Gebrauchshunderassen wie der Riesenschnauzer, der Boxer oder der Dobermann. Unter den rund 230 Diensthunden der Polizei in Hessen findet man am häufigsten Deutsche Schäferhunde und Belgische Malinois. „Beim Ankauf eines Schutzhundes wird darauf geachtet, dass das Tier selbstbewusst und mutig ist, ob es ein gewisses Aggressionspotenzial besitzt und wie der Wehrtrieb und der Beutetrieb ausgestattet sind“, erklärt Martin Schäfer, Ausbildungsleiter für die Diensthunde der Polizeidirektion Fulda. Er selbst hat vom Land Hessen einen Sprengstoffsuchhund namens Connor zur Verfügung gestellt bekommen, dem jegliches Aggressionspotential fehlt. Dies erleichtert die Suche, da sich der Hund nicht von anderen irrelevanten Dingen ablenken lässt. Bei dieser Spezialisierung sind die Bedingungen nicht so streng, man könnte sogar einen Yorkshire Terrier zum Suchhund ausbilden. „Connor kann man in jeden Kindergarten mitnehmen, zu jedem Girlsday gebrauchen, ihn kann jeder anfassen und er lässt sich’s auch gefallen. Er genießt das förmlich“, berichtet Schäfer stolz. Sie sind seit fünfeinhalb Jahren ein Team. Auch die jährliche Überprüfung der Spürhunde unterscheidet sich von dem Leistungsstand der Schutzhunde. Martin Schäfer besucht mit seinem vierbeinigen Kollegen einmal im Jahr ein dreitägiges Seminar in der Polizeiakademie in Mühlheim am Main. Überprüft wird, ob der Hund noch alle Stoffe kennt, auf die er trainiert wurde, und ob er diese ordnungsgemäß anzeigen kann. Sollte es Probleme geben, hat Schäfer zwei Tage Zeit, um an den Schwierigkeiten seines Hundes zu arbeiten. „Da wir mit den Hunden zweimal im Monat trainieren, haben wir bei diesem Seminar null Probleme.“ Nachdem Banu seine fünf Aufgaben der Unterordnung ausgeführt hat, ändert sich seine steife Körperhaltung, freudig springt er an seinem Herrchen hoch. Applaus ertönt. Klaus Hertel belohnt seinen Hund mit Streicheleinheiten, während er sich innerlich auf den zweiten Teil vorbereitet. Dieser findet erst statt, wenn alle Schutzhunde die Unterordnung absolviert haben. Bis dahin darf Banu entspannen.

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