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Schulpolitik : Woanders sein oder mittendrin?

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Es geht ums Geld, ums Prinzip und – wie oft bei der Schulpolitik, um Ideologie. Bild: Valentine Edelmann

Samuel geht auf die Regelschule, obwohl er behindert ist. Karl hingegen ist auf der Förderschule gut aufgehoben, glaubt sein Vater. Was ist nun besser? Vom Für und Wider der Inklusion.

          Samuel kann kaum lesen, und vielleicht wird er es nie richtig lernen. Trotzdem besucht der Dreizehnjährige jetzt die sechste Klasse einer Berliner Gemeinschaftsschule. Wenn der geistig behinderte Junge zusammen mit einem Mitschüler ein Buch vorstellt, trägt er seinen Teil der Präsentation auswendig vor. Wenn die Klassenkameraden Aufsätze schreiben oder Grammatik pauken, übt er, Buchstaben zu Silben zusammenzuziehen. Neuerdings kann er ein paar Brocken Englisch. Er hat ein Referat über Pyramiden gehalten und zählt ägyptische Götter auf. „Das ist so ein Allgemeinwissen, das hätte er an der Sonderschule nicht gekriegt“, sagt seine Mutter. Noch wichtiger aber findet sie, dass Samuel sich seit seinem Wechsel von der Förderschule vor anderthalb Jahren in einem normalen Umfeld bewegt. „Das lernt er jetzt. Und das kann er auch.“

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nicht, dass sie davon ausginge, dass ihr Sohn jemals selbständig ohne Hilfe leben wird. Aber noch immer geht ihr das Herz auf, wenn sie an den jüngsten Schulausflug denkt. Samuels Mutter brachte ihr Kind zum Bahnsteig, wo das Gros der Klasse schon wartete. Sofort kamen drei Jungen auf Samuel zu und legten ihrem behinderten Mitschüler den Arm um die Schultern. Zum Abschied hat er sich nicht einmal mehr umgedreht.

          Alle sind für Inklusion. Drei Jahre nachdem in Deutschland die Behindertenrechtskonvention der UN in Kraft getreten ist, der zufolge behinderte Kinder selbstverständlich dieselben Schulen besuchen dürfen wie ihre nichtbehinderten Altersgenossen, wird offiziell nicht mehr darüber diskutiert, ob das für die Beteiligten das Beste ist. „Alle Bundesländer haben begriffen, sie müssen da etwas tun“, sagt Ulf Preuß-Lausitz, Erziehungswissenschaftler von der Technischen Universität Berlin. In Hamburg gibt es einen Rechtsanspruch auf Inklusion, in Berlin und Bremen werden inzwischen mehr als vierzig Prozent der Kinder mit Beeinträchtigungen an allgemeinen Schulen unterrichtet. Vorreiter ist mit fünfzig Prozent Schleswig-Holstein.

          Weil aber zum Beispiel in Niedersachsen lediglich 8,5 Prozent der Förderkinder Regelschulen besuchen und der Bundesdurchschnitt zuletzt auf magere 22,3 Prozent geklettert ist, gilt Deutschland im internationalen Vergleich als Entwicklungsland. Preuß-Lausitz sagt: „Ich bin verärgert und frustriert, wie langsam diese Prozesse sind.“

          Derweil gehen in Hessen ausgerechnet die Verfechter des gemeinsamen Unterrichts auf die Straße - und das, obwohl die Inklusion im neuen hessischen Schulgesetz verankert ist. „Etikettenschwindel“, schimpfen Kritiker wie Sibylle Hausmanns von der Landesarbeitsgemeinschaft „Gemeinsam leben - gemeinsam lernen“. Die gemeinsame Beschulung werde ausgeweitet, ohne die Ressourcen aufzustocken: „Das geht auf die Qualität.“ Die Mutter eines geistig behinderten Jungen formuliert es so: „Aus einer guten Kartoffelsuppe wird eine dünne Suppe gemacht, die dann für mehr Leute reicht.“

          Quer durch die Republik geht es ums Geld, um den idealen Weg zum Ziel - und dann doch, immer wieder, ums Prinzip. Wie so oft in der Schulpolitik ist der Streit von ideologischen Gräben durchzogen. Im Fall der Inklusion sind außerdem handfeste Interessen im Spiel.

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