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Schulmuseum : Pädagogik mit der Haselrute

  • -Aktualisiert am

Es gab Sittlichkeitsnoten, Prügel und Maulschellen: Das Schulmuseum von Schwäbisch Gmünd erinnert an vergangene Zeiten, die mitunter düster waren.

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          Raustreten aus der Bank! Und sitzen! Und wieder raustreten! Und sitzen! Gut, jetzt beten wir, dann singen wir, und dann kontrolliere ich eure Fingernägel. Und wehe, einer hat sie nicht geputzt.“ Gerda Fetzer, die 60 Minuten historischen Unterricht im Schulmuseum in der Klösterle-Schule vorbereitet hat, steht vor einer fünften Klasse einer Gehörlosenschule in Schwäbisch Gmünd, rund 60 Kilometer östlich von Stuttgart. Mit einer Haselnussrute in der Hand gibt sie den Ton in der Klasse an, so wie es vor 100 Jahren üblich war.

          Die dynamische Rentnerin ist Vorsitzende des Fördervereins des Schulmuseums und bietet mit drei anderen Gästeführerinnen einen Rundgang durch die geschichtsträchtigen Räume des prämierten Schulmuseums an, der seine Besucher durch den historischen Unterricht in eine andere Zeit versetzt. Neben dem historischen Klassenzimmer kann man weitere Räume wie den „kühlen Raum“ bestaunen, in dem 5000 bis 6000 Jahre alte Schriften und ihre Entwicklung bis heute dargestellt werden. Das Museum besitzt eine Originalschultafel von 1824 und eine Erstausgabe von Wilhelm Busch von 1870. Dies alles ist nur möglich durch Sach- und Geldspenden, die das Haus immer wieder erhält.

          Ein Nazi-Stempel auf jedem Zeugnis

          Die 76-jährige pensionierte Lehrerin begrüßt die 20 Schüler, zwei Lehrerinnen und den Gebärdensprachler, der für die gehörlosen Schüler übersetzt. Fetzer beginnt an einer Wand, an der Schulranzen aufgehängt sind. „Das älteste Stück ist 130 Jahre alt“, sagt sie. Besonders nach dem 1. Weltkrieg versuchte man, die Schultaschen farblicher zu gestalten. Neben den Taschen kann man historische Zeugnisse anschauen. Besonders viele sind aus der Nazi-Zeit zu sehen, erkennbar an dem Nazi-Stempel, der auf jedem Zeugnis war.

          Von 1860 bis 1900 sei die beste Note eine Acht gewesen, aber die Schwaben seien nicht nur mit Geld sehr sparsam umgegangen. Auch mit Lob hielt man sich gerne zurück. Auf den mindestens 500 Zeugnissen erkennt man bei denjenigen, die älter als 150 Jahre sind, die sogenannten Geistesgaben- und Sittlichkeitsnoten. Letztere entspricht der Verhaltensnote. „Hier wurde aber auch das Verhalten außerhalb der Schule mit einbezogen, so musste man dem Lehrer zum Beispiel einen Apfel schenken oder andere Mitschüler verpetzen, falls sie etwas Verbotenes gemacht haben“, erklärt Fetzer.

          Die pensionierte Lehrerin verkörpert ihre Rolle gut

          Nun beginnt der Unterricht, der nach strengen Regeln ablief. „Hände weg von den Tafeln! Jetzt bin ich keine Gästeführerin, sondern eine strenge Lehrerin.“ Die Rentnerin verkörpert ihre Rolle als dominantes Fräulein Lehrerin perfekt. Sie sei selbst eine „direkte und knallharte Lehrerin“, sagt sie von sich. Das Klassenzimmer, in dem sie den Schülern die Schrift aus der Weimarer Republik näherbringt, ist mit dunklem Fischgrätenparkett ausgelegt, die dunklen Holzmöbel sind massiv.

          „So Kinder, jetzt ist Pause“, läutet sie eine kleine Glocke. Danach widmet sie sich strengen Unterrichtsmethoden, die Schüler haben sichtlich Spaß, da Fräulein Lehrerin sie nicht zu 100 Prozent original umsetzt. „Damit die Schüler aufrecht sitzen, hat man ihnen bei Bedarf einfach einen langen Stock an den Rücken gesteckt, was das Nachvornebeugen deutlich erschwert“, erzählt Gerda Fetzer.

          Lausbuben füllten den Stock mit Tinte

          Dazu kommen Kopfnüsse, die fast jede Stunde an Knaben verteilt wurden. „Ein Lehrer hat einmal die verteilten Kopfnüsse gezählt und ist im Laufe seines Lebens auf eine Zahl von einer Million verteilter Kopfnüsse gekommen.“ Viele Kinder lachen, da sie sich so etwas nicht mehr vorstellen können. Andere Strafen waren zum Beispiel Maulschellen. Die bekannteste Strafe sind wohl die Schläge durch den langen Stock, meistens aus Haselnuss oder Bambus. „Da der Bambusstock als einziger Stock Löcher hat, erlaubten sich so einige Lausbuben, den Stock mit Tinte zu füllen, so dass sobald Fräulein Lehrerin jemanden damit schlägt, ihre ganze Kleidung beschmutzt wird“, erklärt sie.

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