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Schülerin in Paris : Kein Lehrer hält es hier lange aus

  • -Aktualisiert am

Bild: Philipp Waechter für

Banlieue ist nicht gleich Banlieue. Die Autobahn trennt in Paris Welten voneinander. Eine Schülerin aus Vanves spricht über ihre Heimatstadt.

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          In Deutschland gelten Banlieues, die Außenbezirke französischer Großstädte, als gefährlich. In Frankreich weiß man: Banlieue ist nicht gleich Banlieue. Der Périphérique, die ringförmige zehnspurige Autobahn rund um Paris, ist im Norden und Westen wie eine Grenze. Hinter dieser Grenze befinden sich die Cités, die Hochhaussiedlungen von Paris. Hier trennt die breite Autobahn Welten voneinander. Die Cité ist das, was wir als Banlieue bezeichnen. Es gibt dort wenig Berührungspunkte zu Paris, die Stadt endet einfach hier an den „Portes“, wie die Autobahnausfahrten und Métro- Stationen an den Übergängen über den Périphérique heißen. Lehrer, die ihr Examen schlechter bestanden haben und noch am Anfang ihrer Karriere stehen, werden in solche problematischen Gebiete versetzt, erzählt Agathe Plouzennec, die im äußeren Süden von Paris aufgewachsen ist. Es gibt an den Schulen zum Teil Dolmetscher, aber kein Lehrer hält es hier lange aus, nach der Zwangszeit gehen die meisten, da helfen auch die finanziellen Anreize für die Lehrer nichts. „Gerade heute Morgen habe ich im Radio gehört, dass sich eine Direktorin in Pantin, nordöstlich von Paris, umgebracht hat.“ Sie hat einen Abschiedsbrief hinterlassen, in dem sie erklärt, wie „schrecklich müde“ sie ist und wie „erschöpft“ die Schüler sind.

          Ein überraschend hässlicher Platz

          „Ab morgen werden wir die ,Cité des 4000‘ mit dem Kärcher reinigen.“ Mit diesem Zitat reagierte Nicolas Sarkozy 2005 auf den Tod eines Elfjährigen bei einer Schießerei in der nördlichen Pariser Banlieue in dem Quartier der Vorstadt La Courneuve. Der ehemalige Präsident Frankreichs war selbst einmal Bürgermeister in der Pariser Banlieue. Jede Métro-Linie in Paris fährt mit unterschiedlichen Waggons aus verschiedenen Zeiten. Nach Neuilly-sur-Seine fährt die schickste Métro-Linie von Paris. Sie hält an den Champs-Élysées, dem Louvre, den Tuilerien und am Grand Palais. In Richtung Westen fährt sie zu Kulturstätten und Prachtboulevards. Auf den buntgestreiften Polstern der Linie eins werden die bestbetuchten Menschen von Paris nach Hause gefahren. Hier sieht man Männer in Nadelstreifenanzügen und stylisch kurzen Trenchcoats, Frauen mit ledernen Handtaschen und flauschigen, rosa Mänteln. Statt umzusteigen, um ins 16ème zu fahren, dem schicksten Arrondissement von Paris, fahren sie zwei Stationen weiter, bis „Les Sablons“.

          Die Station „Les Sablons“ ist das Herzstück von Neuilly-sur-Seine und befindet sich an einem überraschend hässlichen Platz. Verliert man sich allerdings in den kleinen Straßen, reihen sich die für Paris typischen Häuser im Haussmann-Stil, mit prächtigen, wunderschön gefliesten Entrees und schmiedeeisernen Eingängen, an kleinen, weinumrankten, zweistöckigen Häusern mit hellblauen Fensterläden. Touristen verirren sich nur selten hierher – Neuilly-sur-Seine gehört auch nicht mehr zu Paris, auch wenn die Atmosphäre und die Entfernung von zwei Métro-Stationen zum Arc de Triomphe das vermuten lassen. Neuilly ist Teil der „couronne“, der Krone, wie der Pariser die Banlieue nennt. Hier war Sarkozy Bürgermeister. Es gibt Appartements mit Seine-Blick und keine Hochhäuserschluchten. Dem Bild der Banlieues, wie die Deutschen es haben, könnte es nicht weniger entsprechen.

          Fünf Sorten Tomme-Käse, chic ist es aber nicht

          „Wenn ich an die Banlieues denke, denke ich als Erstes an Vanves, Neuilly oder Malakoff“, sagt Agathe Plouzennec. Die 18-Jährige wohnt in Vanves, einer eher bürgerlichen Banlieue im Süden von Paris. Hier ist sie mit ihren Eltern vor gut acht Jahren hingezogen, sie haben eine alte Autowerkstatt zu einer Art Townhouse umgebaut. Sie sitzt am Esszimmertisch und arbeitet an ihrem Kunstprojekt, einem Buchstaben-Mobile in einer Glaskugel. Sie ist Schülerin am „Atelier de Sèvres“, wo sie sich, wie für Frankreich üblich, nach dem Bac, dem französischen Abi, auf ihr Studium vorbereitet, mit dem Schwerpunkt Grafik und Illustration. Von hier aus sind es nur 20 Minuten zu ihrer Schule, die im Zentrum von Paris liegt.

          In Vanves gibt es zwar auch ein paar wenige Hochhäuser und in Malakoff, direkt danebengelegen noch mehr, aber als Problemviertel kann man diese Banlieues nicht begreifen. In Vanves gibt es eine angesehene Schule. In Malakoff findet man auf dem Wochenmarkt fünf Sorten Tomme-Käse, mal aus Mutterschafsmilch oder aus der Milch von korsischen Schafen oder mit getrockneten Wildblumen. Schick ist es vor allem in Malakoff nicht. Die Markthalle ist, was sie ist: ein Ort zum Essen, um gefälschte Marken oder Shampoo zu kaufen, schicken Lifestyle findet man hier nicht. Dafür aber alles, was Frankreich an Essen zu bieten hat. „Auch wenn es hier schon etwas anders ist, ist es irgendwie noch Paris. Ich würde mich selbst auch als Pariserin bezeichnen, falls mich jemand fragt, woher ich bin.“ Mit den langen Haaren, den feingeschnittenen Gesichtszügen, ihrer grazilen Art und ihrem Sinn für Mode entspricht Agathe dem Bild der Pariserin, das so viele haben.

          Gegen den Stau-Kollaps und explodierende Mieten

          Die Regierung versucht das Problem der nordwestlichen Banlieues zu lösen, indem sie die Grenzen von Paris erweitert. Das Projekt „Grand Paris“ sieht vor, das Métro-Netz beinahe zu verdoppeln. „Besonders ist, dass die Banlieues untereinander auch durch eine fünfzehnte Linie verbunden sein werden“, erzählt Agathe, was die Bewohner des schicken Neuillys aber kritisieren: Verbunden sein mit den Cités im Norden und Westen, das ist weniger schön. Auch die Immobilienpreise werden steigen. „Das ist vielleicht gut für uns, hier in Vanves, weil das unser Haus ist, aber ich weiß nicht, wie das für die Bewohner der Cité ist.“ Auf jeden Fall ist das ein Zukunftsprojekt. Es geht darum, die Banlieues lebenswerter zu machen, aber auch darum, den täglichen Stau-Kollaps auf dem Périphérique und die explodierenden Mieten in der Innenstadt in den Griff zu bekommen. Paris versucht größer zu werden. Dabei sollen die problematischen Cités attraktiver werden.

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