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Schüler auf der Thor Heyerdahl : Klassenzimmer unter Segeln

  • -Aktualisiert am

Bild: 01.01.2021

Ein halbes Jahr lang sind die Schülerinnen und Schüler auf dem Toppsegelschoner „Thor Heyerdahl“ unterwegs, halten Nachtwachen, Referate und erfreuen sich an Walen und spektakulären Sonnenuntergängen.

          4 Min.

          Es ist 49,83 Meter lang, sechs Meter breit und hat 14 Segel: die Thor Heyerdahl. Der 3-Mast-Toppsegelschoner ist kein gewöhnliches Schiff. Jedes Jahr erfüllt es Schülerinnen und Schülern einen vielleicht schon lang ersehnten Traum mit dem Projekt Kus, „Klassenzimmer unter Segeln“. Das war zumindest bei Frederik Dürr aus Münnerstadt der Fall. „Das Schiff wurde schon 1930 gebaut, aber nur als Handelsschiff benutzt. 1951 wurde dann ein Dieselmotor eingebaut, der 400 PS aufweist“, erklärt der Schüler. Einige Zeit später, 1979, hat Detlef Soitzek, der auch der Kapitän des Traditionsseglers ist, das Schiff aufgekauft und umgebaut. 2007 musste der Segelschoner aber saniert werden, da 60 Prozent der Beplattung zu dünn waren. Wieder ein Jahr später nahm das Kus-Projekt, das von Ruth Merk geleitet wird, seinen Anfang und schenkt Schülern seitdem ein unvergessliches halbes Jahr. Neben der Projektleitung und dem Kapitän Detlef Soitzek sind auch ein Steuermann, Wachführer, Wachführerassistenten, ein Bootsmann und Maschinisten an Bord. „Nach einzelnen Etappen wird die Besatzung aber auch gewechselt. Und natürlich fahren auch noch fünf Lehrer mit und ein Sportarzt. Mit uns, also den Schülerinnen und Schülern, sind wir dann insgesamt 50 Personen auf dem Schiff“, erklärt Frederik. Der Anteil an Mädchen und Jungen, die dieses Erlebnis erfahren wollen, sei ausgewogen, sagt er.

          Dreimal ausschlafen in fünf Monaten

          Generell wird diese Reise in zwei Teile unterteilt: die Landaufenthalte und die Zeit auf See. Vor allem auf See sind die Tage anstrengend, da man in Schichten eingeteilt wird, in denen man dann Wache halten muss. „Eine Wache geht zum Beispiel von zwei bis fünf Uhr nachts.“ Diese Wacheinteilung wird eine ganze Etappe lang beibehalten. Auch die Putzstationen werden von den einzelnen Wachen übernommen und wöchentlich getauscht. Wenn man gerne lange ausschläft, ist man bei dem Projekt an der falschen Adresse. Innerhalb von fünf Monaten durften die Zehntklässler nach Dürr erst dreimal ausschlafen. Neben den Wachen gibt es noch viel andere Dinge an Bord zu tun. Jeden Tag ist eine Stunde putzen angesagt. Dafür werden die Jugendlichen wieder in Gruppen eingeteilt, die dann bestimmte Bereiche zugeteilt bekommen. Während die eine Gruppe zum Beispiel für Sanitärbereiche, also für die Waschräume, zuständig ist, müssen die anderen das Deck schrubben. „Dabei helfen alle, auch die Crew. Wir sind eine richtige Gemeinschaft geworden. Aber wie soll das auch anders sein, ich meine, wir leben ein halbes Jahr auf engem Raum zusammen“, sagt Frederik. Zum Putzen kommt noch dazu, dass die Teilnehmer auch etwas essen müssen. Das Kochen machen die Schüler mit Hilfe der Crew selbst. Diesen Küchendienst nennt man Backschaft. Und wenn man für 50 Personen Kartoffeln schälen muss, braucht das seine Zeit. „Das Essen ist aber immer sehr gut, und es ist immer genug für alle da. Außerdem wird sehr darauf geachtet, dass es vitaminreich ist. Wir wollen ja nicht, dass uns wie bei den alten Seefahrern die Zähne ausfallen“, erklärt der Schüler. Auch freut er sich darüber, dass es jeden Nachmittag Kaffee und Kuchen gibt. „Das ist auch immer ein Highlight.“

          Vulkane und die Westwindzone

          Aber was ist jetzt eigentlich mit dem Unterricht? Dafür gibt es sogenannte Unterrichtstage. An Bord können nie alle gleichzeitig Unterricht haben, da immer noch einige Mitsegler das Schiff leiten müssen. Daher gibt es zwei Klassen, die im Wechsel Unterricht haben und das Schiff führen. Die Teilnehmer, die während dieses Törns vor allem aus Deutschland, aber auch aus Österreich, Liechtenstein oder England kommen, müssten in jedem Fach zwei Vorträge halten, einen Test schreiben und bekämen mündliche Noten, erklärt Dürr. Ein weiterer Unterschied zum normalen Schulalltag ist, dass einige Fächer, wie Wirtschaft/Recht, Sport oder Religion, nicht auf dem Stundenplan stehen. „Der Lehrplan ist oft der Umgebung angepasst, in der wir uns gerade befinden. Dann lernen wir zum Beispiel etwas über Vulkane, Wale, Delphine oder die Westwindzone. Das ist noch interessanter, wenn diese Phänomene direkt vor einem passieren.“ Natürlich ist auch das Kus-Projekt durch die Corona-Krise eingeschränkt. Während die Route normalerweise nach Mittelamerika geht und Länder wie Kuba angesteuert werden, wird dieses Jahr eine andere Strecke gefahren. Wie jedes Jahr ist die Reise in Kiel gestartet, von dort aus ging es weiter nach Helgoland, wo die Teilnehmer einen relativ langen Aufenthalt einlegen mussten, da die Windverhältnisse nicht passend gewesen sind. Nach verschiedenen Anlaufstellen, wie zum Beispiel La Coruña, La Palma, La Gomera und Teneriffa sowie einige Häfen der Kap Verde, haben die Segler die Azoren erreicht.

          Mehrmals am Tag „die Fische füttern“

          Vor allem auf der Insel São Jorge ist Abenteurern und Abenteurerinnen die Gastfreundlichkeit der Einwohner aufgefallen, wie sich Frederick Dürr erinnert. In Kleingruppen wurden sie mit einem Zelt losgeschickt, eine Bleibe für die Nacht zu finden. Nach kurzer Zeit kam den Schülern ein Mann entgegen, der ihnen anbot, in seinem Haus zu schlafen. Das Zelt haben sie dann letztendlich nicht gebraucht. „Natürlich mussten wir aufgrund von der Corona-Pandemie uns an die Regeln der einzelnen Regionen halten. Wir hatten also an Land immer FFP2-Masken auf und haben uns an die Abstandsregeln gehalten, trotzdem bin ich sehr froh, hier zu sein und nicht in meiner Heimat, wenn ich von der aktuellen Corona-Situation dort erfahre“, meint Frederik. Nach jedem Landgang waren die Schüler an Land in Quarantäne, bevor sie zur Weiterfahrt wieder an Bord durften. So können alle sicher sein, das Virus nicht auf das Schiff zu bringen. Zurück auf dem Schiff, haben einige Schüler und Schülerinnen aber manchmal mit anderen Problemen zu kämpfen. Die Seekrankheit setzt auch Frederik Dürr zu. „Bei der Überfahrt von Kiel nach Helgoland musste ich zwischenzeitlich mehrmals am Tag die Fische füttern“, schmunzelt er. „Die Seekrankheit wird zwar besser, aber sie taucht immer wieder auf, was auch sehr abhängig vom Seegang ist. Diese unangenehme Situation wird aber weniger schlimm durch die Hilfe und die Unterstützung der anderen.“

          Atemberaubende Sonnenuntergänge

          Bald wird dieser Krankheit aber ein Ende gesetzt sein, da das Schiff schon im April wieder vor Kiel auf Reede gegangen ist und die Schüler wieder von ihren Familien begrüßt wurden. Frederik würde aber gerne weiterreisen. „Das ist einfach eine so besondere Erfahrung, die ich gerne noch fortführen würde.“ Berufsschiffer will er aber nicht werden, das wäre ihm dann doch zu anstrengend. Dem 15-Jährigen, der sich schon zuvor für Organisationen wie Fridays for Future engagiert hat, wurden durch das Projekt nochmals stärker die Augen geöffnet, dass es wichtig ist, die Natur zu schützen, da sie so viele besondere Facetten in sich birgt. „Schon allein die Sonnenuntergänge sind immer ein atemberaubendes Erlebnis. Dazu kommt noch, dass manchmal an Deck des Schiffes gerufen wird: ,Wal an Backbord‘ und man so schnell wie möglich zur Schiffsseite rennt, um die gewaltigen Tiere noch zu sehen. Das ist einfach unvergesslich“, schwärmt Frederik.

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