https://www.faz.net/-gum-15n1x

Schüchterne Männer : Die Verführer aus dem Seminarraum

  • -Aktualisiert am

„Leute, ich erzähle euch hier keinen Scheiß“, sagt Linz, der den Gentlemen am Vortag beigebracht hat, wie sie sich mit dem „Action Mantra: Absolute Power Now!“ fäusteballend Mut machen sollen. Niemand werde sie retten, sagt Linz. Er sei kein Erlöser. Sie müssten schon „selbst machen“. Alle Formeln, alle Möglichkeiten, die „Victory Method“, die den Gentlemen bei geschlossenen Augen vorgesagten Phantasien, all das könne den Gentlemen nur helfen, wenn sie es wollten.

Dann verwandelt sich Sergej Linz. Er lässt die Schultern sinken und setzt sich auf seinen Stuhl, und er fragt sie, wovor sie sich denn eigentlich so fürchteten bei den Frauen. Es geht ein Seufzer durch den Raum. Die Gentlemen haben vor vielem Angst. Sie fürchten um ihre Männlichkeit. Sie fürchten sich vor den Reaktionen Dritter. Vor allem aber fürchten sie Zurückweisung. Ablehnung ist mit großen Schmerzen verbunden. Linz hört zu. In diesem Raum wird niemand lachen. Das „Gentlemen’s Agreement“ sieht vor, dass alle Teilnehmer über das Seminar schweigen werden. Die Gentlemen schämen sich nicht vor Linz, der die Rolle des großen Bruders eingenommen hat. Sie sind nur konfrontiert mit ihrem eigenen Scheitern.

Die Frauen auch mal gewinnen lassen

Kaum ein Markt wächst in Deutschland so schnell wie der der Dating-Websites. Linz, nicht uneigennützig, nennt diese Seiten pervers. Er hat die gleiche Klientel. Die Deutschen sind einsam. Linz sagt, in seinem Kursus säßen jede Woche Leute, die man auf der Straße nicht wahrnehmen würde. Er löse ein ernsthaftes gesellschaftliches Problem. Linz erzählt von Frauenphobie. Der Beamte wird hellhörig. Er fragt, ob Schweißausbrüche ein Symptom seien. Linz sagt, der Beamte habe keine Frauenphobie, sondern Ängste. Dagegen helfe: nicht stammeln, lächeln, gerade stehen, über den eigenen Schatten springen. Linz rät den Gentlemen zur Lektüre von Klassikern. Remarques „Arc de Triomphe“ sollen sie lesen und Henry Miller. Dort würden sie mehr lernen als in jedem Pick-Up-Buch. Er malt ihnen Diagramme über ihre Ängste auf. Er erklärt, wie man in Beziehungen nicht zum Pantoffelhelden wird. Er sagt, man müsse die Frauen auch mal gewinnen lassen. Man solle das Ganze als Spiel sehen. Es sei schön, sich von der Frau führen zu lassen.

Der Physiker und der Auszubildende gehen nach dem Exkurs über Angst, Überwindung und Sehnsüchte wieder auf die Straße, um Hausaufgaben zu machen. Vor dem Dom halten die beiden Gentlemen laute Reden. Der Physiker redet über Köln, wie schön es sei, wie gut sein Frühstück gewesen sei. Die Passanten bleiben stehen und gucken verwundert. Der Physiker singt ein Lied – zusammen mit einem hübschen Mädchen. Er kriegt sogar eine Telefonnummer. Er sagt, er fühle sich befreit. Das Seminar ist beinahe zu Ende. Der Physiker wird wohl kein Verführer werden. Aber vielleicht wird sich die Evolution doch noch seiner erbarmen.

Weitere Themen

Topmeldungen

 Visualisierung des Tunneleingangs auf der dänischen Seite in Rodbyhavn

Streit um die Ostseequerung : Der Bau im Belt

Unter der Ostsee soll ein langer Tunnel Deutschland und Dänemark verbinden. Der Widerstand ist heftig – aber nur in Deutschland. Ein Ortsbesuch.
Autor Heribert Schwan

Kohl-Biograph : Eine Frage der Tonbänder

Heribert Schwan, einst Ghostwriter von Helmut Kohl, rückt die Tonbänder mit den Gesprächen der beiden nicht heraus. Vor dem Bundesverfassungsgericht will er sich auf die Pressefreiheit berufen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.