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Schüchterne Männer : Die Verführer aus dem Seminarraum

  • -Aktualisiert am

„Ich suche den Schlüssel“

Der Ministerialbeamte, Anfang 40, wird nervös, wenn er Frauen begegnet. Dann tritt ihm Schweiß auf die Halbglatze, und er kann nichts mehr sagen. Der Physikstudent hat sich für lange Zeit nicht in Gesellschaft begeben. Er hat sich mit Kristallen befasst und mit Computerspielen. Der Japanologe sagt: „Ich will endlich, endlich bis zum Lay durchdringen.“ Von allen Teilnehmern hat er die meisten Bücher studiert. Der Fotograf ist ein gutaussehender Mann Mitte 40, die langen grauen Locken nach hinten gelegt. Im Club aber langweile er die Frauen. Es hapert bei der Kommunikation. „Ich suche den Schlüssel.“

Linz hört aufmerksam zu und sagt jedesmal: „Daran werden wir arbeiten.“ Dann lässt er die Gentlemen die Stühle aus dem Raum tragen. Sie sollen einen Partner finden - mit geschlossenen Augen. Es geht darum, wer führt und wer geführt wird. Linz legt Musik auf, Trance wie auf einem Rave am Strand von Goa. Die Gentlemen tanzen dazu. „Erfolg, Macht, Sex!“ ruft Linz. „Lasst das Alte raus, das Neue rein!“ Die homoerotisch-homopohobe Spannung im Raum wird in einer Gruppensitzung gebrochen. Die Männer sagen, das sei gut für sie gewesen, sie seien aus dem Kopf herausgekommen. Linz verrät nicht, wozu die Übung gut war. Man muss dem Schöpfer eines neuen Selbst vertrauen.

„Wer lügt mehr, Männer oder Frauen“, mit diesem Spruch von Neil Strauss gingen inzwischen zahllose Männer auf Frauen zu, sagt Linz. „Ich bin ein klarer Gegner dieser Routinen und Sprüche.“ Er wolle den Teilnehmern beibringen, interessant zu wirken. Linz meint herausgefunden zu haben, dass die Pick-Up-Routinen aus Amerika in Deutschland nur begrenzt funktionieren. Er sei auch mit 80 Prozent der Inhalte im Forum nicht einverstanden. Die richtige Methode für Deutschland habe er sich in jahrelangen Experimenten mühsam selbst erarbeitet. Man kann sie nur in seinen Kursen lernen.

Mit Pick Up gegen die Selektion der Frauen

Linz wirft mit dem Projektor einen „Slide“ nach dem anderen an die Wand. Die Teilnehmer sollen alles über Männer, Frauen, Sozialisation und System erfahren. Linz vertraut Darwin. Immer wieder geht es um Gene, um das Überleben, um den Begattungswillen der Männer und um Frauen, die nur 16 Mal im Leben schwanger werden können. Zur Wahl stehen der Spender der richtigen Gene und der Versorgertyp. Die Frauen wählen also aus, nicht die Männer. Gegen die Selektion hilft Pick Up. „Nicht jeder kann Pick Up lernen. Nur die, die es wollen. Andere fallen weg. Die Evolution lässt sie fallen.“ Linz hilft den Gentlemen, ihre Ziele zu formulieren. Bei Nichterfüllung ihrer Ziele sollen sie sich selbst bestrafen. Linz erzählt, er habe einmal innerhalb weniger Wochen acht Kilogramm abgenommen, weil er sich mit dem Verzehr einer Dose Katzenfutter bedroht habe. Der Beamte sagt: „Das muss man erstmal bringen!“

Was mögen Frauen? Wie signalisieren sie Interesse? Linz versucht, nicht zu pauschalisieren, er warnt vor Schemen, jede Frau sei individuell. Er bezeichnet seinen Kursus als „den politisch unkorrektesten der Welt“. Frauen malt er mit großen Brüsten und langer Nase an die Tafel. „Man kann Frauen fast alles erzählen“, sagt er. „Was zählt, ist der Tonfall.“ Um frei zu werden, sollen die Gentlemen in langen Pausen „Hausaufgaben“ machen. Sie sollen Opener ausprobieren, in der eisigen Fußgängerpassage Frauen ansprechen, sie sollen sich Körbe einfangen und Telefonnummern sammeln. Linz selbst behauptet, mit seinen Techniken bei zehn angesprochenen Frauen zwei bis fünf Nummern ergattern zu können. Die Gentlemen haben weniger Erfolg. Am zweiten Tag sitzen sie morgens mit hängenden Köpfen vor Linz. Manche haben sich gar nicht erst an die Aufgaben herangetraut, der Rest ist an ihnen gescheitert.

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Unser Autor: Thomas Holl

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