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Schriftkunst : Schweizer Tafelfreuden mit großem T und Riesentasse

  • -Aktualisiert am

Eine Künstlerin aus Zürich beschriftet Tafeln für Restaurants. Auf diese Idee gekommen ist Andrea Landolt in Seattle. Dort ist das Handwerk viel bekannter.

          Die großzügige Dachgeschosswohnung in Nänikon nahe Zürich ist in verschiedene Arbeitsbereiche unterteilt. Hier posieren nackte Schaufensterpuppen, da hängt ein riesiges Bild mit biblischen Frauen, dort stehen Fitnessgeräte. Die Künstlerin, die hier arbeitet, trägt ein geblümtes T-Shirt und bequeme Jeans. Auf einer Tafel erkennt man Buchstaben, die Skizze eines Hühnchens und Bruchstücke eines Menüs. Das Beschriften von Tafeln, was Andrea Landolt hauptberuflich macht, will geübt sein.

          Die Idee, als Tafelbeschrifterin zu arbeiten, kam zufällig. Die lebhafte Züricherin mit den dunkeln Locken absolvierte eine Lehre als Dekorationsgestalterin. „In diesem Beruf kannst du von allem ein bisschen. Aber eben nur ein bisschen.“ Bei einem Aufenthalt in Seattle bemerkte sie die liebevoll beschrifteten Tafeln vor den Restaurants, Geschäften und Cafés. In Nordamerika ist dieses Handwerk viel bekannter und verbreiteter. „Chalkboard Artist“ nennt sich die Berufsgattung. Als sie in die Schweiz zurückkehrte, fielen ihr die lieblos gestalteten Tafeln auf. So kam die Idee, diese hässlichen Tafeln aufzupeppen. Bis heute weiß sie von keiner anderen Person, die hauptberuflich ausschließlich mit Kreide beschriftet. Doch die nicht vorhandene Konkurrenz erschwert die Arbeit manchmal auch. „Du bist einfach allein mit deinem Problem. Es gibt keinen anderen, bei dem du dir Hilfe holen kannst.“ Die 40-Jährige hat sich mit der Zeit alles selbst beigebracht.

          Stammkunden bestellen immer wieder neue Tafeln

          Vor vier Jahren, als sie das Unternehmen startete, musste sie auf Geschäfte, Hotels und Restaurants zugehen und ihre Arbeit präsentieren. Sie erklärte den potentiellen Kunden, warum sie überhaupt solche Tafeln brauchen. Heute ist es umgekehrt: Seit einem Jahr muss sie sich nicht mehr durch Hotellisten telefonieren. Häufig werden Kunden über das Internet auf sie aufmerksam. Dennoch kann Andrea Landolt nicht vom Beschriften von Tafeln leben. Nebst ihrer künstlerischen Arbeit verkauft sie auch Schiefertafeln.

          Oftmals bestellen Stammkunden immer wieder neue Tafeln. Falls die Tafeln nicht demontiert werden können, geht Landolt ins Lokal. Mit im Gepäck: Kreide, wasserfeste Flüssigkreide und ihr Ein-Meter-Maßstab. Begeistert präsentiert sie ihre neueste Errungenschaft: verschieden große Schablonen eines länglichen Os. Aus diesem O könne man fast das komplette Alphabet malen. Sie demonstriert, wie aus einem O ein S entsteht. Nur der untere und obere Bogen bleiben bestehen. Am Rand hat sie sich notiert, bis wohin die Ränder der einzelnen Buchstaben kommen. Das erspart vor Ort Zeit. Wie lange sie für die Gestaltung braucht, hängt von der Beschriftung und dem gewünschten Stil des Kunden ab. Dieser bestimmt den Text, oft die Schriftart und das allgemeine Design. Was manchmal als gestalterische Einschränkung gesehen wird, erleichtert oftmals ihre Arbeit. Nicht immer sind die Kundenwünsche einfach umzusetzen. „Für einen Auftrag musste ich Waffeln zeichnen. Ich hätte heulen können“, erinnert sie sich. Esswaren, insbesondere Brot, sei schwierig zu zeichnen und brauche viel Übung. Ihr Lieblingsbuchstabe ist das T. „Damit kann man spielen und Platz einsparen.“

          Abstand zu klein, Buchstabe zu groß

          Meistens benutzt sie wasserfeste Flüssigkreide. Diese basiert auf Farbpigmenten, die in Wasser gelöst sind. Mit einem Stift trägt sie Farben auf, die auch nach Monaten noch kräftig wirken. Unterläuft ihr beim Gestalten ein Fehler, korrigiert sie ihn mit einem speziellen Reinigungsmittel. Kleine Mängel erkennt sie oft erst, wenn die Tafel fertig ist. „Wenn ich dann davorstehe, sehe ich: Da ist der Abstand zu klein, da der Buchstabe zu groß.“ Um ihr Werk von einer gewissen Distanz zu sehen, macht sie ein Foto davon. Steht man direkt vor der Tafel, korrigiere das Auge viele kleine Fehler, erklärt sie.

          Für die Mutter von zwei Jungen ist die Vorbereitung das A und O. Je nach Lokal sieht die Tafel komplett anders aus. Schriftart, Rahmen und Sujets müssen mit der Stimmung der Räumlichkeit im Einklang sein. Um das Ambiente eines Lokals richtig aufzufassen, schicken ihr die Kunden Bilder der Inneneinrichtung. Oft findet sie auch in der schon vorhandenen Dekoration Inspiration. In der Werkstatt stellt sie dann mit Hilfe eines improvisierten Leuchttisches Vorlagen her. Muss sie ein großes Sujet malen, greift sie auf einen Beamer zurück. So kann sie etwa riesige Abbildungen eines Apfelkuchens oder einer Cappuccino-Tasse zeichnen. Und das in überraschend kurzer Zeit. Innert vier Tagen habe sie einmal 50 Quadratmeter Tafelfläche beschriftet. Da braucht es sorgfältige Vorbereitung. „Ich zeichne nicht gerne spontan. Ich habe immer einen Plan B und Plan C bereit.“

          Muskelkater gehört dazu

          Das Beschriften der Tafeln ist anstrengende Arbeit. Die Künstlerin erinnert sich an einen Auftrag, da musste sie mehrere Stunden in der Hocke mit ruhiger Hand verharren. Am Abend sei das tägliche Fitnesstraining absolviert. Muskelkater gehört zu ihrem Beruf. „Je nachdem stehe ich auch auf Kaffeemaschinen und in Abwaschbecken, um meine Arbeit zu erledigen.“ Die Inspiration für neue Schriftarten und Techniken findet sie vor allem in Amerika. In Blogs und Zeitschriften tauschen sich Tafelbeschrifter aus der ganzen Welt aus. „Ich war schon immer neugierig und lerne immer wieder Neues und will meiner potentiellen Konkurrenz immer einen Schritt voraus sein.“ Wie sieht die Zukunft der liebevoll beschrifteten Tafeln in der digitalen Welt aus? „Handbeschriftete Schilder und Tafeln etablieren sich. Zurzeit sind Kreidetafeln sehr in.“

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