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Sattlerin : Glückliche Sattlerin

  • -Aktualisiert am

Bild: Claudia Weikert

Eine junge Hamburgerin möchte Bleibendes schaffen und setzt die Familientradition fort. Die Täschnerin will Dingen eine Seele geben.

          2 Min.

          Dem Besucher steigt intensiver Geruch von Leder in die Nase, wenn er die Stufen zu dem kleinen Laden hinaufsteigt. An den Wänden hängen Ledertaschen in verschiedenen Formen, Farben und Größen, kleinere, filigran gearbeitete Lederportemonnaies liegen in der Auslage. Ein schwarz glänzender Sattel an der Wand ragt majestätisch in den Raum. „Jedes Stück hier hat eine eigene Geschichte“, erzählt Sonja Weidig mit strahlenden grünen Augen, die braunen Haare zu einem arbeitstauglichen Pferdeschwanz zurückgebunden. Die 34-jährige Sattler- und Feintäschnermeisterin, ausgestattet mit einer derben schwarzen Arbeitsschürze, ist seit acht Jahren Inhaberin des Lederwarengeschäftes in Neugraben, einem Außenbezirk Hamburgs, wo sie zusammen mit ihrer Mitarbeiterin und häufig auch Auszubildenden oder Umschülern Taschen in Einzelfertigung herstellt und verkauft. Auch individuell angepasste Sättel finden hier zu ihrem zukünftigen Besitzer.

          Über die Anatomie von Pferden

          In der kleinen Werkstatt, die gleich hinter dem Tresen beginnt, ist immer etwas zu tun. Ob nun das Ausmessen und das Zuschneiden der Einzelteile aus den großen Lederrollen mit dem Sattelmesser, das Klopfen, Kleben oder Nähen, der Arbeitsprozess für eine Tasche, aber auch für die Anpassung eines Sattels ist zeitaufwendig und erfordert handwerkliches Geschick. Für die Reitsportsattlerei sind Kenntnisse über die Anatomie oder die Bewegungsabläufe von Pferden erforderlich. Dabei wird vor allem das Sattelkissen, das sich in der Mitte unter dem Sattel befindet, genau auf den Pferderücken angepasst, dabei mal in seiner Polsterung verstärkt, mal reduziert, je nach Pferd. Für Sonja Weidig hat die Passgenauigkeit für das Pferd äußerste Priorität. Dies dauert zwischen drei bis vier Stunden, zuzüglich der Zeit in den Ställen am Pferd, um sich über den optimalen Sitz des Sattels zu vergewissern. Bei der Herstellung einer Tasche beträgt die Arbeitszeit vom Entwurf bis hin zur Fertigstellung fünf bis zehn Stunden.

          Etwas machen, was die Zeit überdauert

          Sonja Weidigs Großvater war Sattlermeister, schon als Kind war sie fasziniert von seiner Arbeit. „Das roch so gut in seiner Werkstatt, und das Gefühl des Leders war so schön“, erzählt die junge Frau mit einem verträumten Blick. Nach dem Abitur war klar, dass sie Sattlerin wird. „Ich wollte etwas machen, das auch die Zeit überdauert, und als ich meine ersten Stücke dann endlich in der Hand hielt, war für mich klar, dass das genau die richtige Entscheidung war.“ In ihrer Werkstatt befinden sich viele alte Werkzeuge, die teils schon ihrem Großvater gehörten und fast 60 Jahre alt sind: Riemenmesser, halbmondförmige Ledermesser und krumm gebogene Kantenzieher. Nähmaschinen zum Verbinden der einzelnen Lederteile erleichtern die Arbeit, doch noch immer gehören die Ahle, mit der sich Löcher stechen lassen, und dicke Sattlernadeln zum unerlässlichen Werkzeug, mit dem Nähte per Hand gesetzt werden. Auch die Werkbank und den Sattlerbock hat Weidig von ihrem Großvater übernommen. Ebenfalls für viele ihrer Kunden verbergen sich in den Stücken Erinnerungen. Nicht selten kämen Interessenten in den Laden, die eine alte Tasche ihrer Großmutter gefunden hätten, die zu neuem Glanz finden solle.

          Sonst wäre sie Bio-Lehrerin geworden

          Für ihre Ausbildung musste die gebürtige Hamburgerin jeden Tag bis nach Hannover fahren. Sattler sei eben kein Beruf wie Einzelhandelskauffrau, bei dem man hinter jeder Straßenecke eine Anstellung finden würde, meint die junge Frau ernst. Sie habe nach der Ausbildung eine Krise durchgemacht, wusste nicht, wo sie eine Arbeit finden sollte. „Zu dem Zeitpunkt hätte nicht viel gefehlt, und ich wäre Lehrerin für Biologie und Englisch geworden.“ Heute sei sie froh, dass sie sich dagegen entschieden habe. Von ihrem Beruf kann sie gut leben. Sattler sein bedeute, ihren Lederwaren eine Seele zu geben und das Resultat, anders als in anderen Berufen, sofort in der Hand zu halten. Für sie gäbe es nichts Schöneres, als am Abend durch ihre Nachbarschaft zu laufen und die Leute glücklich mit einer ihrer Taschen zu sehen.

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