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Rolf-Joseph-Preis 2019 : Eljakim rannte um sein Leben

  • -Aktualisiert am

Bild: Moni Port

Die Nazis stehen vor der Tür. Der jüdische Junge weiß, was das bedeutet. Er flieht, aber seine Schwester? Drei Schülerinnen der Tulla-Realschule aus Karlsruhe haben diese Kurzgeschichte geschrieben und sind dafür im Jüdischen Museum Berlin mit dem dritten Preis der dort verliehenen Rolf-Joseph-Preise ausgezeichnet worden.

          6 Min.

          Gideon! Ich habe es schon zum dritten Mal gesagt und sage es jetzt zum vierten und letzten Mal, es ist jetzt Schlafenszeit!“, ruft Gideons Mutter ganz aufgebracht. „Aber Mama, ich bin nicht müde.“ – „Das ist mir jetzt egal.“ „Kann Opa mir wenigstens eine seiner Geschichten erzählen?“, fragt Gideon schüchtern. „Gut, nur eine Geschichte, aber dann gehst du auch wirklich schlafen.“ – „Versprochen. Opa, Opa, wo bist du? Kannst du mir wieder eine deiner Geschichten erzählen?“

          „Und? Was für eine Geschichte wird es heute sein?“ – „Heute erzähle ich dir von meiner ersten Liebe“, sagt Opa. „Igitt! Nein! Das ist doch etwas für Mädchen.“ Der Opa lacht und erwidert darauf: „Nein, ich erzähle dir von meiner Schwester, die mich das Lieben lehrte.“ – „Wie können sich Geschwister lieben?“, fragt Gideon überrascht. „Ich streite mich doch auch nur mit meinem nervigen Bruder.“ „Vielleicht wirst du deine Meinung bei der Geschichte ändern. . .“

          Ein Tropfen fiel auf Eljakims Nase. „Ich sollte langsam gehen. Es fängt an zu regnen“, gab Nathan, Eljakims bester und einziger Freund, Bescheid. „Ja, du hast recht. Ich sollte jetzt auch lieber nach Hause gehen. Sonst macht sich meine Familie noch Sorgen.“ Die beiden jüdischen Freunde verabschiedeten sich und liefen nach Hause. Eljakim beobachtete, wie die Menschen um ihn herum rannten und sich unter ein Schutzdach stellten. Er beschloss, das Gleiche zu machen. Wie immer benutzte er die Kellertür, was zugleich die Geheimtür war, und zu Hause angekommen, freute er sich endlich, im Trocken zu sein. Ohne sich abzutrocknen, ließ er sich auf das Sofa fallen und dachte darüber nach, dass seine Mutter ihn jetzt als Faultier bezeichnen würde. Auf der Kommode sah er nur einen Stern anstatt drei und wunderte sich darüber. Denn zu Hause waren sie nur zu viert, also liegen immer vier Sterne auf der Kommode. Einen für seinen Vater, einen für seine Mutter, einen für seine Schwester und einen für ihn. Er stand auf und ging die Treppe hoch, um nach seiner Familie Ausschau zu halten. Als er fast oben war, sah er plötzlich einen fremden Schuh, in dem ein Mann steckte, und er wusste, wer solche Schuhe trug. Die Nazis. Einer fing mit dumpfer Stimme an zu sprechen: „Die Eltern sind schon auf dem Weg. Es fehlt nur noch der Junge, der jeden Moment da sein könnte. Seine Schwester ist uns entwischt.“ All das hörte Eljakim. „Und ich mache mich auf den Weg zum Elde-Haus. Ach ja, da war noch was. . .“

          Voller Angst, erschossen zu werden

          Eljakim fragte sich, warum er mitten im Satz aufhörte, doch genau vor ihm konnte er sich selbst die Frage beantworten. Man hat ihn entdeckt! Schnell rannte er nach unten, und im selben Moment erkannte er erst, dass der Keller ganz anders aussah: Bilderrahmen lagen kaputt am Boden, Kisten waren geleert worden. Und da, die zwei fehlenden Sterne, lagen auch auf dem Boden. Er hatte nur noch Zeit, seine Schuhe zu schnappen und durch die Geheimtür zu fliehen, aber man hate ihn gesehen und folgte ihm hinterher. Als er draußen war, kamen auch Nazis von der Seite, und er konnte nur noch geradeaus gehen, aber ihm versperrte eine Mauer den Weg. Er hätte auch drüberklettern können, aber er hatte Angst, dass er erschossen wird. Eljakim versuchte eine Lösung zu finden, aber er bekam Panik. Schweiß tropfte ihm von der Stirn runter, er hörte sein Herz laut und schnell klopfen, seine Hände zitterten. Die einzige Lösung, die ihm einfiel, war, um sein Leben zu rennen. Er wusste, es war nicht die beste Lösung, aber er dachte sich dabei, dass er eine Lösung finden und ihm vielleicht Gott helfen würde. Denn Eljakim war gläubig. Nur noch ein paar Meter entfernt war die Mauer, also hatte er nicht mehr so viel Zeit, nach einer Lösung zu suchen.

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