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Rolf-Joseph-Preis : Warum hassten sie uns Juden so sehr?

  • -Aktualisiert am

Bild: Anke Kuhl

Wie war das damals, zur Zeit des Nationalsozialismus in Bad Ems? Schüler des Goethe-Gymnasiums haben recherchiert und sind dafür ausgezeichnet worden.

          8 Min.

          Schon lange hing das Plakat des Rolf-Joseph-Preises an der Wand neben unserem Klassenraum. Doch wirklich darauf aufmerksam wurden wir erst, als eine Lehrerin unserer Schule, Benedicte Schödl, unsere Geschichtslehrerin Elisabeth Knopp ansprach, die uns daraufhin fragte, ob wir nicht an diesem Wettbewerb teilnehmen wollten. Das Interesse war anfangs groß, jedoch bedeutete es für viele eine zu große Belastung, das Projekt weitgehend in der Freizeit durchzuführen. So haben letztendlich nur wir fünf, Sarah Borsch, Daria Wagner, Madeleine Kaiser, Johanna Spornhauer und Tabea Kilian, uns auf die Suche nach „Spuren jüdischen Lebens in Bad Ems“, unserer Heimatstadt, gemacht. Nach umfangreicher Recherche, einem Zeitzeugengespräch und einem Stadtrundgang haben wir uns entschieden, unser Projekt als virtuellen Rundgang durch die Kurstadt zu gestalten. So konnten wir auch die Stimmen von Zeitzeugen bewahren. Um einen Einblick in unser Projekt zu geben, haben wir im Folgenden die eindrücklichsten Elemente zusammengestellt.

          Ein freundliches Haus, inmitten alter Bäume, in warmen Farben gemalt – so hat es der Maler Rudolf Kaster gesehen: unser altes Schulgebäude. Es ist abgerissen, es gibt keine Spuren mehr. Oder doch? Edith Dietz ging hier als jüdisches Mädchen zur Schule. Ihrer Familie gehörte das angesehene Modegeschäft Königsberger im Herzen der Kurstadt – im Haus Germania. Ihr Vater hatte dem Haus diesen Namen gegeben. Er war wie schon sein Vater Stadtverordneter in Bad Ems. Bei einer Sitzung der Stadtverordneten starb er 1933 an einem Herzschlag. Vermutlich war er in dieser Sitzung aus dem Gremium ausgeschlossen worden – weil er Jude war.

          Das Mädchen vom Modehaus Königsberger

          Doch auch Edith Dietz, geborene Königsberger, hat die Taten der Nationalsozialisten zu spüren bekommen. Die Schule war für sie und ihre Schwester unerträglich. So schreibt sie: „Warum hassten sie mich und alle anderen Juden so sehr? Waren wir wirklich so schlecht und unwürdig, deutsch zu sein? Stundenlang stellte ich mich vor den Spiegel. Sah ich anders aus als meine Schulkameraden? Ich konnte keine Unterschiede feststellen. Kein Mensch glich wie ein Ei dem anderen. Ich verstand sie nicht, die Kinder, die mich beschimpften, die braunen und schwarzen Soldaten, die diese Lieder sangen, die Bekannten, die uns auf der Straße mieden.“ Ein Zitat, das uns ganz besonders im Gedächtnis geblieben ist. Es wird einem so deutlich, wie unerklärlich und schrecklich es gewesen sein muss, ausgestoßen zu sein. Auch Ediths Familie wurde Opfer der Nationalsozialisten. Ihr Onkel nahm sich 1938 das Leben, da ihm die Reichspogromnacht das Leben unerträglich gemacht hatte. Ihre Mutter starb 1940 in Köln. Dort wollte sie ihr Krebsleiden behandeln lassen, was ihr in Bad Ems verweigert wurde – weil sie Jüdin war.

          Edith Dietz selbst musste 1935 die Schule verlassen und lebte nach einem Jahr in Köln und Worms schließlich in Berlin. Als sie erfuhr, dass ihre verbliebenen Verwandten deportiert werden sollten, flüchtete sie zusammen mit ihrer Schwester in letzter Sekunde in die Schweiz. Nach Kriegsende kehrte sie ihrem Mann zuliebe nach Deutschland zurück. Jedoch sagte sie, sie habe sich nie wieder als Deutsche gefühlt, sondern immer als Europäerin.

          Edith Dietz hat viel gegen das Vergessen getan, so schrieb sie das Buch „Den Nazis entronnen“, aus dem sie an ihrer alten Schule, unserem Goethe-Gymnasium, vor vielen Jahren vorlas und die Fragen der Schüler beantwortete. Ihr war es sehr wichtig, ihre tiefgreifenden Erinnerungen an jüngere Generationen – wie unsere – weiterzugeben.

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