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Jüdisches Alltagsleben : Kinderleichen sah der Junge jeden Tag

  • -Aktualisiert am

Schanghai zu Beginn des 20. Jahrhunderts Bild: Picture-Alliance

1939 flohen die Nathansons nach Schanghai. Sohn Michael erinnert sich Jahrzehnte später an die Folgezeit. Dieser Beitrag über „jüdisches Alltagsleben“ belegte den ersten Platz beim Rolf-Joseph-Schülerwettbewerb.

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          Wer heute Schanghai besucht, erkennt das Schanghai, das ich kennenlernen musste, nicht wieder“, sagt der 1938 in Berlin geborene Michael Nathanson. Sein Hörgerät eingeschaltet, sitzt der ergraute 79-Jährige mit ebenso grauem Vollbart in seinem Wohnzimmer. Vor sich hat er Bücher und Artikel über Schanghai ausgebreitet und zeigt auf Bilder, die er mit persönlichen Erinnerungen ergänzt. Eines der Bücher schrieb seine Mutter Ruth Nathanson. Es handelt vom Exil seiner Familie in Schanghai. Im Alter von neun Monaten musste Nathanson 1939 mit seinen Eltern und seinem vier Jahre älteren Bruder aus Nazideutschland fliehen. Seine Eltern lebten in Berlin-Wedding in einer damals sogenannten Mischehe, der Vater jüdisch, die Mutter sowie die beiden Söhne katholisch. Zwar ausgegrenzt, aber von Schlimmerem verschont, ließ der Vater sich lange nicht zur Flucht drängen, bis sie kurz vor Ausbruch des Krieges unausweichlich wurde. Die Familie überlegte, wohin sie fliehen könnte. Angrenzende Länder schieden aus, da ein Krieg immer wahrscheinlicher wurde. Der Vater hätte aufgrund verwandtschaftlicher Beziehungen in die Vereinigten Staaten ausreisen können, allerdings ohne seine Familie. Die Mutter hätte sich scheiden lassen können, um in Deutschland ein sicheres Leben führen zu können. Doch für die Familie war klar, sie bleibt zusammen. Mit ihrem letzten Geld ergatterten die Nathansons im Juni 1939 noch vier Karten für die restlos ausverkaufte letzte Schifffahrt von Bremerhaven nach Schanghai.

          Der letzte Zufluchtsort

          „Wir hatten großes Glück, denn schon dem nächsten Schiff wurde die Weiterfahrt in Genua verwehrt“, erklärt Nathanson. Das Ziel, damals wie heute eine internationale Stadt, war zu jener Zeit das wichtigste und größte Handelszentrum Asiens. Einige Teile der Stadt wurden von Briten, Franzosen, Amerikanern und Japanern als Kolonien verwaltet. Seit 1937 hielt Japan auch die chinesischen Stadtteile besetzt. Für die Einwanderung in die Stadt im Osten Chinas gab es jedoch keine Visumpflicht oder andere Einreisebestimmungen. Deswegen und auch, weil andere Länder so gut wie keine jüdischen Flüchtlinge mehr aufnahmen, war Schanghai der letzte Zufluchtsort für die Familie. „Hilfe von anderen war nicht zu erwarten, unsere Familie war weitestgehend auf sich allein gestellt.“ Nach der Ankunft am Hafen wurde die Familie in eine Sammelunterkunft gebracht, wo sie das erste Jahr verbrachte. Danach zog sie mehrmals in billige Wohnungen um. Nachdem im Dezember 1941 der Pazifikkrieg ausgebrochen war, besetzte Japan auch die bis dahin noch freien internationalen Stadtteile. Auf Drängen der verbündeten Nazis hin wurden die Nathansons in einem 1943 errichteten Getto untergebracht. Weil die Bedingungen dort derart lebensunwürdig waren, entschieden sich die Eltern, sich offiziell zu trennen, damit die Mutter mit den Kindern das Getto verlassen konnte. Der Vater aber musste als Jude bleiben.

          Katastrophale hygienische Verhältnisse

          Dass sie in allen Lebenslagen trotz aller Versuche, Fuß zu fassen, aber unter dem Existenzminimum lebten, ist nicht Nathansons prägendste Erinnerung: „Der Anblick von herumliegenden Leichen ist es. 3000 Leichen wurden pro Tag aus Schanghai weggeräumt.“ Die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal, die medizinische Versorgung war extrem schlecht, weshalb zahlreiche Epidemien ausbrachen. So soll jeder zweite Chinese Tuberkulose gehabt haben und eine halbe Million Menschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts an Cholera gestorben sein. Folglich war die Kindersterblichkeit hoch und die Lebenserwartung niedrig. Menschen starben teilweise einfach auf der Straße. Das nötige Geld für Beerdigungen fehlte häufig. „Kinderleichen sah ich täglich auf den Straßen, den Gehwegen und vor den Häusern. Manchmal in Särgen, meistens aber nur in Bastmatten eingewickelt“, stockt Nathanson und braucht Zeit, bevor er weitererzählen kann. Als er einmal mit seiner Mutter in der Stadt unterwegs war, fuhr neben ihm auf der Straße eine der vielen Rikschas. Plötzlich bekam der Kuli einen Hustenanfall, hielt einige Meter später an und kippte um. Sein Fahrgast, ein wohlhabender Mann, stieg ab, doch nicht um dem Todkranken zu helfen. „Er machte einen Schritt über ihn hinweg und setzte sich einfach in eine andere Rikscha.“

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