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Römermuseum : Im Kettenhemd den Römer spielen

  • -Aktualisiert am

Bild: Jörg Mühle, LABOR, Frankfurt

Hobbyarchäologin Katja Baumgärtner schlüpft in die Rolle eines Limes-Cicerone. Sie bringt Schülern im ehemaligen Reiterkastell von Aalen das Leben der Römer nah

          IMP(erator) CAES(ari) L(ucio) SEPT(imio) SEVERO PIO PERTINACI AUG(usto) ARAB(ico) ADIAB(enico) PART(hico) MAX(imo) PONT(ifici) MAX(imo) TRIB(unicia) POT(estate) XI CO(n)S(uli) III IMP(peratori) XII PROCO(n)S(uli) P(atri) P(atriae). Solche Namen hört man doch heutzutage nicht mehr? Doch, im Limesmuseum in Aalen. Es befindet sich an der Stelle des ehemals größten Reiterkastells nördlich der Alpen. Zu Ehren dieses besonderen Mannes, Bezwingers der Araber, Adiabeniker und Parther, mit den vielen lateinischen Namen, wurde 208 n. Chr. ein Stabsgebäude in dem Reiterkastell errichtet, das 160 n. Chr. erbaut wurde. Davon sind heute nur noch niedrige Mauerreste übrig. Diese rund einen halben Meter hohen Überbleibsel eignen sich wunderbar zum Spielen.

          „Ist das ein geiler Helm!“

          Eine Gruppe junger Besucher freut sich schon aufs Herumtoben. Doch zunächst müssen sie leise sein und Katja Baumgärtner bei ihrer Führung zuhören. Schon von weitem entdeckt Jamie, ein kleiner Blonder: „Da, da ist ein Reiter!“ Bevor er zu dem Soldaten mit dem Namen Concessus kommt, zeigt ihnen die Frau mit den langen braunen Haaren den Stadtplan von Aalen früher und heute. Dabei stellt sich heraus, dass die Schüler der dritten Klasse der Grundschule „Bildungshaus Ulmer Spatz“ schon viel wissen. Denn als die Limes-Führerin die Kinder über ihr Wissen über die Römer ausfragt, gehen 12 der 22 Finger nach oben. Mit Fingerschnipsen wollen einige Kinder schneller drankommen. Sie wissen natürlich, dass Concessus kein normaler Soldat, sondern ein Legionär ist. Neben seinen Schuhen, seinem Schuppenpanzer und seinem Pferd stehend, stellt Christopher fest: „Ist das ein geiler Helm!“ Zwei andere Jungen können ihr Finger nicht von der interessanten Kleidung des Soldaten lassen. Dafür werden sie zurechtgewiesen von den beiden Lehrerinnen, die sie im Schullandheim begleiten. Nicht nur die beiden müssen pädagogische Kenntnisse besitzen, sondern auch Katja Baumgärtner, die wie die meisten Führer im Limesmuseum auf Honorarbasis arbeitet.

          Die Reiter schliefen im zweiten Stock

          Die Frau mit dem weißrot karierten Hemd trifft den richtigen Ton. Gespannt sitzen die Kinder im Halbkreis um sie herum, als sie den Verlauf des Limes anhand einer riesigen Karte erklärt. Als die Führung draußen weitergeht, spazieren die Kinder vergnügt in die Sonne. Dort, an der Originalstelle, befindet sich eine nachgebaute Stube, die Wohnung der Reiter. Davon gab es 13 in einer Reihe, sodass das Gebäude insgesamt rund 80 Meter lang war. Diese 13 Stuben bildeten nur die Hälfte des Gebäudes: Daneben gab es nochmals 13 Stuben, damit war es 16 Meter breit. So eine Stube besteht aus zwei Räumen, in dem äußeren standen die Pferde, in dem inneren wohnten die Soldaten. Es gab einen Kamin, Weizensäcke und einen Tisch. „Die Reiter lebten innen, weil es dort wärmer war, deshalb schliefen die Menschen damals auch im oberen Stockwerk, denn Wärme zieht ja nach oben“, erklärt die begeisterte Hobbyarchäologin, die als Chemisch-Technische Assistentin im Forschungsinstitut für Edelmetalle und Metallchemie in Schwäbisch Gmünd als Metallographin arbeitet, und zeigt auf die Leiter.

          Ein Medusa-Relief gießen

          Das Limesmuseum gehört seit elf Jahren zum Unesco-Weltkulturerbe, vor allem aufgrund von Fundstücken wie Waffen oder den unzähligen Schuhpaaren, von Kinder- bis zu Erwachsenengrößen. Jährlich kommen 45 000 bis 50 000 Besucher, und es finden um die 6000 Projekte oder Kindergeburtstage statt. Dabei können verschiedene Aktionsprogramme gewählt werden, zum Beispiel römische Münzen gießen, einen römischen Reiter, Limeswachtürme oder Lederbeutel basteln, wofür sich die Ulmer Klasse entschieden hat. Außerdem kann man ein Medusa-Relief gießen, eine römische Halskette anfertigen oder das Schreiben wie in der Antike lernen.

          Im Kampf um die Lederfarben

          „Ich hatte einmal einen Kindergeburtstag, von dem die Hälfte aller Kinder schon einmal hier war. Diese wussten alles noch. Es ist einfach schön zu sehen, dass so vieles hängenbleibt“, sagt die Frau in schwarzer Lederhose. Gespannt schauen alle 22 Augenpaare zu ihr auf, während sie erklärt, wie die Lederbeutel gemacht werden. Dann beginnt der Kampf um die verschiedenen Lederfarben, es stehen zur Auswahl: schwarz, grau, braun und weiß/beige. „Ich möchte Schwarz!“, „Ich möchte Hellgrau!“, schallt es durch den kleinen Raum, der komplett von dem großen Tisch ausgefüllt wird. Auf ihm liegen Scheren, Kugelschreiber und Schablonen, in die Löcher vorgezeichnet sind. Zuerst müssen die Schablonen von den Grundschülern möglichst ledersparend angebracht, dann nachgezeichnet und ausgeschnitten werden. Anschließend werden die zuvor angezeichneten Löcher durchgestochen. Was sich in der Theorie einfach anhört, ist für die Drittklässler nicht leicht. Meist muss eine der Lehrerinnen helfen. Zum Schluss zeichnen sie noch das Mühlenspiel hinein und ziehen einen Faden durch die Löcher, damit es nun zum wirklichen Täschchen wird.

          Mit Fibeln stecken sie die Hemden zusammen

          Einige möchten schnell fertig werden, denn als Belohnung wurden ihnen sechs Edelsteine und eine Erklärung des Spiels versprochen. Andere wiederum wollen alles perfekt hinbekommen. Die es geschafft haben, binden sich die Beutel gleich an den Hosenbund. Vor dem Raum stehen die Mühle-Spielbretter in Groß. Nach der Erklärung werden die ersten Partien gespielt.

          Zum Schluss dürfen sich die Kinder verkleiden. Schnell sind die Schubladen mit den Kettenhemden leergeräumt, die Helme aufgesetzt und die Schwerter und Schilde in der Hand. Die Mädchen reißen die Frauenkleider von dem Ständer und wollen am liebsten so aussehen, wie es Frau Baumgärtner vorgemacht hat. Mit Fibeln, die wie Anstecknadeln aussehen, werden die Hemden oben zusammengesteckt, sodass sie an den Kinderleib passen. Noch rasch die Haare hochstecken, und schon rennen lauter kleine Römerinnen und Römer durch das Gebäude und stellen sich zum Fotografieren hin.

          Ausziehen und Aufräumen

          „Mach von mir auch noch ein Bild!“ Die Lehrerinnen kommen mit dem Fotografieren und Anziehen gar nicht mehr hinterher. Die Kinder holen sich ihre Fotoapparate und fotografieren sich nun gegenseitig. „Das Tolle an Römern ist, dass man sie immer wiedererkennt, zum Beispiel an ihrer Kleidung oder Bauweise“, sagt die sympathische Führerin, „und sie haben immer ihr Ding durchgezogen.“ Mit Applaus wird Katja Baumgärtner von den kleinen Römern verabschiedet, bevor es ans Ausziehen und Aufräumen geht. Danach kommt das langersehnte „Spiiieelen!“. Schon sind alle draußen zwischen den wiederaufgebauten Mauerresten.

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