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Rock am Ring : Noch immer ein Familienbetrieb

Marek Lieberberg hört privat nur noch Klassik Bild: Frank Röth

Vor 25 Jahren gründete Marek Lieberberg Deutschlands größtes Open-Air-Festival „Rock am Ring“ und ist heute mit 64 Jahren der erfolgreichste Konzertveranstalter Europas. Mit der F.A.Z. spricht er über die wilden Anfänge und die „universelle Kraft der Musik“.

          Wie ein schillernder Impressario sieht er nicht gerade aus, in seinem makellosen weißen Hemd und dem grünen Pullover. Marek Lieberberg lächelt milde, die Augen funkeln. An der Wand hängen Rahmen an Rahmen seine Kunden: Depeche Mode, Sting, Madonna, Cat Stevens, Xavier Naidoo, ZZ Top, Santana, Bryan Adams, Celine Dion und jede Menge andere Rock- und Popstars.

          Peter Badenhop

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Vierundsechzigjährige ist der erfolgreichste Konzertveranstalter Europas. Und das sieht man dem Haus an, in dem seine Agentur ihren Sitz hat. Überall in der Villa im Frankfurter Dichterviertel gerahmte Fotos, Tourposter, Erinnerungsstücke mit Widmungen. Im Konferenzraum, neben der Schiebetür zu Lieberbergs Büro, hängt auch das Plakat vom „2. British Rock Meeting“ in Germersheim.

          Von Woodstock inspiriert

          Vor 25 Jahren gründete Marek Lieberberg Deutschlands größtes Open-Air-Festival am Nürburgring in der Eifel. Inzwischen kümmert sich Sohn Andre, der vor ein paar Jahren in das Geschäft eingestiegen ist, hauptverantwortlich um „Rock am Ring“. Zum Jubiläum hat er das Festival um einen Tag auf vier Tage verlängert (es begann schon am Donnerstag und dauert bis Sonntag), mehr als 90 Bands verpflichtet und unter anderen Kiss, Rammstein und Rage Against The Machine gewonnen. „Wir sind ausverkauft und besser denn je“, sagt der Dreiunddreißigjährige, der mit seinem Dreitagebart und dem aus der Jeans hängenden Hemd schon eher so aussieht, wie man sich einen Konzertagenten vorstellt.

          Drei-Tage-Bart und heraushängendes Hemd: Andre Lieberberg erfüllt das Klischee eines Konzertagenten mehr als sein Vater

          Wer die Anfänge von „Rock am Ring“ verstehen will, muss über Germersheim sprechen. „Das war unser Woodstock“, meint Vater Marek. Beseelt von den Ideen des amerikanischen Vorbilds, hatten er und sein Kompagnon Marcel Avram mit ihrer gerade gegründeten Konzertagentur Mama Concerts schon im September 1971 ein erstes „British Rock Meeting“ in Speyer mit Black Sabbath, Fleetwood Mac und Rod Stewart organisiert. Doch erst ein Jahr später, Pfingsten 1972 auf der Insel Grün nahe Germersheim, lockten Pink Floyd, die Doors und die Faces fast 100.000 Besucher in die Pfalz. „Damit war das Feuer entfacht“, sagt Lieberberg. Aber das Festival blieb lange das letzte mehrtägige Open Air in Deutschland. „Wir wollten Freiheit, Unabhängigkeit und Enthusiasmus, aber die Behörden kannten nur Friedhofsruhe als erste Bürgerpflicht.“

          Erstes Konzert mit 24 Jahren organisiert

          Es waren 13 weitere Jahre und ein engagierter CDU-Staatssekretär nötig, um das zu ändern. Die Idee zum ersten „Rock am Ring“ kam nämlich aus dem rheinland-pfälzischen Innenministerium, wo die Verantwortlichen – ähnlich wie heute – nach profitablen Nutzungen des landeseigenen Nürburgrings suchten. „Ein Glücksfall für uns“, sagt Lieberberg. Fast 80.000 Zuschauer kamen zur Premiere. In brütender Hitze spielten Woodstock-Veteran Joe Cocker, Foreigner und Marius Müller-Westernhagen. Gianna Nannini präsentierte dem Publikum ihre Brüste, und U2 legten einen unvergessenen Auftritt hin.

          „Ich wollte ein Festival machen, das offen ist für alle Musikrichtungen und vielleicht sogar Workshop-Charakter hat“, erzählt der Veranstalter, der als Jugendlicher selbst in einer Band spielte, später als Journalist über Musik schrieb und mit 24 Jahren sein erstes Konzert organisierte: The Who, 1970 in Münster. „Aber manche Sachen funktionieren bei einem Festival einfach nicht.“ Bei Leonard Cohens Auftritt 1993 zum Beispiel musste Lieberberg die buhenden Zuschauer von der Bühne aus persönlich zur Ruhe bringen.

          Viel ist seit dem „Summer of 1985“ passiert: Die Hitze der ersten beiden Jahre hat dem „Ringwetter“ Platz gemacht, das fast jedes Jahr für Wolkenbrüche und Schlammschlachten sorgt. Aus einer wurden drei Bühnen, Technik und Infrastruktur sind mit den chaotischen Anfängen nicht mehr zu vergleichen. Einmal legte ein Blitzeinschlag die Centerstage lahm, ein anderes Mal kletterte Campino mit gebrochenem Bein aufs Bühnendach. Axel Rose ließ mit Guns N’ Roses bis nachts um drei auf sich warten, Moses Pelham prügelte auf das Publikum ein, und Neil Young spielte so lange, bis fast keine Zuschauer mehr da waren.

          Organisation praktisch immer noch Familienbetrieb

          Am Ring haben einige Karrieren begonnen, andere fanden auf dem großen Platz hinter der Boxengasse, wo Jahr für Jahr die Top-Acts spielen, sang- und klanglos ihr Ende. „Das ist die universelle Kraft der Musik, Menschen zu verbinden und Gefühle zu transportieren“, meint Lieberberg. Aber am Ende müssen sich all die Emotionen natürlich auch rechnen, dafür sorgt seine unternehmerische Seite.

          Das Konzertgeschäft habe sich vollkommen verändert, sagt Sohn Andre, der seit 2002 die Programmverantwortung für den Ring und das Parallel-Festival „Rock im Park“ in Nürnberg hat. Seit die Musiker ihr Geld nicht mehr mit ihren Platten, sondern mit Auftritten verdienen, sind die Gagen förmlich explodiert. Persönliche Beziehungen seien noch immer wichtig, am Ende aber regiere vor allem das Business.

          Mehr als 1300 Gruppen und Interpreten haben in den vergangenen 25 Jahren am Ring gespielt, das Budget bemisst sich längst in Millionen, rund 500 Mitarbeiter sind in Spitzenzeiten auf dem Festival beschäftigt – aber die Organisation ist praktisch noch immer ein Familienbetrieb. An der Marek Lieberberg Konzertagentur (MLK) hält inzwischen zwar der Konzert-Riese Eventim die meisten Anteile. Aber die Entscheidungen treffen weiter Vater und Sohn. „Er macht die Organisation, ich das Programm“, sagt Andre. „Er engagiert die jungen Bands, ich die Dinosaurier“, fügt Marek Lieberberg hinzu. „Für die aktuellen Trends habe ich meine Söhne.“

          Privat hört der Senior nur noch Klassik, der Junior mag Independent und Alternative Rock. Aber bei der Beurteilung der größten Erfolge am Ring sind sie sich einig: Metallica, Rage Against The Machine, Prodigy, U2 – und die Toten Hosen. Die kommen zwar immer wieder, können aber den Rekordhaltern nicht das Wasser reichen: Die Sportfreunde Stiller sind in diesem Jahr zum siebten Mal dabei.

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