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Rettungssanitäter : Täglich schwere Schicksalsschläge

  • -Aktualisiert am

Bild: Zuni und Kirsten von Zubinski

Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Auf Philipp Edel trifft dieser Anspruch zu. Er arbeitet als Rettungsassistent und behält dann einen kühlen Kopf, wenn andere die Nerven verlieren.

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          Der Alarm geht los. Philipp Edel weiß, dass er bereit sein muss. Er hat noch keine Ahnung, was ihn erwartet. Es heißt, der Patient reagiere nicht und befinde sich in einer Art Schlafzustand. Die Routine muss funktionieren. Edel versucht einen kühlen Kopf zu bewahren und macht sich mit seinem Team auf den Weg. Beim Eintreffen am Einsatzort stellt sich heraus, dass die Situation ganz anders ist als zuerst gedacht. Der Patient hat bereits Schnappatmung und muss reanimiert werden. Trotz der hektischen Situation bewahrt das Team Ruhe und gibt sein Bestes, dem Patienten zu helfen.

          Jeder trifft früher oder später auf Rettungsassistenten. Sie sind die Ansprechpartner, wenn es darum geht, Menschen in Notsituationen zu helfen, und riskieren dabei täglich ihr Leben. Nicht nur das medizinische Fachwissen, auch Teamfähigkeit und Organisationstalent sind wichtige Eigenschaften. Trotz der großen Belastung gibt es Menschen, die den Job gerne machen, wie der 41-jährige Rettungsassistent Philipp Edel, der seit mehr als 20 Jahren in diesem Berufsfeld tätig ist. „Es ist ein schönes Gefühl, jemanden zu retten“, sagt Edel. Tatsächlich werden jährlich fast zehn Millionen Rettungsdiensteinsätze in der Bundesrepublik durchgeführt. Rund 60 Prozent der Einsätze werden als Krankentransporte und 40 Prozent als Notfälle eingestuft. Rettungsassistenten werden täglich mit schweren Schicksalsschlägen und unvorstellbaren Situationen konfrontiert, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen. So erklärt Philipp Edel: „Für jeden Kollegen gibt es einen Einsatz, wo ein Trigger-Punkt getroffen wird und worüber man dann auch reden muss.“ Diese Erfahrungen führten auch zu dem Wunsch seiner Versetzung nach Brandenburg, seit 2019 ist Edel nicht mehr in Berlin tätig. Für ihn war eindeutig, dass er niemals dort arbeiten würde, wo er wohne, denn für ihn „muss die Welt zu Hause irgendwo heil sein“, das sei sie auf der Arbeit nicht. Der Beruf belaste seine Psyche stark, und er habe gelernt, sein eigenes Leben mehr zu achten. „Ich weiß, dass es schnell vorbei sein kann, sehr schnell, weil das habe ich schon oft genug erlebt. Man lernt dadurch, besser zu leben.“

          Sofort umschalten, wenn es brenzlig wird

          Es sei wichtig, die schweren Fälle nicht zu nah an sich heranzulassen, um eine gewisse Distanz zu bewahren, um die Behandlung möglichst schnell nach der Routine durchzuführen. Rettungsassistenten müssen sich an verschiedenste Situationen anpassen können und den Patienten ihre Unterstützung deutlich machen. Edels Lebenspartnerin bestätigt, dass er sofort umschalte, wenn die Situation brenzlig werde, um sich durch nichts aus der Ruhe bringen zu lassen und seine volle Unterstützung und Hilfe anbieten zu können. Dies gelang ihm auch, als bei einer gemeinsamen Fahrradtour eine Freundin einen schweren Unfall erlitt. Er war sofort im Arbeitsmodus, blieb ruhig und leistete Erste Hilfe, während weitere Anwesende in Schockstarre verharrten. Vergleichbare Situationen beobachtete er schon öfter. Es gibt Einsätze, bei denen das Überleben des Patienten vom Zugreifen der Angehörigen abhängig ist. Herzdruckmassage etwa muss sofort erfolgen und kann nicht warten, bis der Rettungsdienst eintrifft.

          „Man sitzt die ganze Zeit auf heißen Kohlen“, beschreibt er nachdenklich die Anspannung vor einem Einsatz. Man wisse ja nie, was auf einen zukomme. Da sich die Notfalleinsätze in den vergangenen 15 Jahren mehr als verdoppelt hätten, ist ein Arbeitstag oft mit Einsätzen voll besetzt. Darüber hinaus sind besondere Einsätze, wie zum Beispiel Sturzgeburten, eine schwierige Herausforderung.

          Verhältnis von Dank und Undank

          Nicht nur die teilweise traumatischen Erfahrungen sind belastend, auch die Beziehung zu den Patienten und deren Angehörigen scheint sich zunehmend zu verschlechtern. Edel erzählt etwas zögerlich von Einsätzen, bei denen eine Rechtsklage nachfolgte. Denn obwohl die Behandlung vom Rettungsteam aus fehlerfrei ablief, finden die Angehörigen gegebenenfalls einen Grund zur Klage. Ob die Patienten gegen die Empfehlung der Rettungsassistenten handelten oder ob die vom Rettungsassistenten angeordneten Tests im Krankenhaus nicht rechtzeitig zustande kamen, ist für die Kläger hierbei irrelevant. Was sagt dies über das Verhältnis von Dank und Undank der Menschen aus? Edel sagt mit einem traurigen Nicken: „Patienten bedanken sich eher weniger.“ Er hält dies nicht für problematisch, da die Situationen das oft gar nicht zuließen. Dennoch stimme das Sprichwort „Danke zu sagen kostet nichts“. Obwohl die Teams ihr Bestes geben, komme es teilweise zu großem Undank. „Die Menschen werden immer klagefreudiger und suchen Fehler viel bei anderen.“ Mit hochgezogenen Schultern sagt er: „Du stehst immer mit einem Bein im Gefängnis.“

          Rettungsteams begeben sich oft selber in Gefahr bei dem Versuch zu helfen. Nicht nur vor ansteckenden Krankheiten müssen sie sich schützen, auch Angriffe auf sie kommen zunehmend vor. Im Jahr 2018 gab es bundesweit 700 registrierte Angriffe auf Rettungskräfte. Dennoch steigen sie täglich in die Krankenwagen und hoffen auf das Beste, unabhängig davon, wie man ihnen begegnet. Auf die Frage, ob er den Beruf noch mal wählen würde, antwortet Philipp Edel nach kurzem Überlegen mit einem deutlichen „Ja“. Denn Leben retten ist relevant, und somit gibt es kaum Berufe, die wichtiger sind. Jedoch wird oft Menschen in anderen Berufen, die weniger relevant sind, mehr Freundlichkeit entgegengebracht.

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