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Pubertät : Wenn die Wahrheit dehnbar wird

Mit 14 lügt man gerne. Der Stolz, die Eltern erfolgreich hintergangen zu haben - das gehört zum Erwachsenwerden dazu. Lügen kann man sogar neurobiologisch erklären. Aber irgendwann sollte es auch wieder aufhören.

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          Leo lügt nicht mehr. „Jedenfalls nicht mehr so viel“, sagt die Fünfzehnjährige, die eigentlich Leonie heißt, sich aber von ihren Freunden nur Leo nennen lässt. Leo ist groß, blond, blass, blauäugig und ziemlich hübsch. Das findet sie selbst überhaupt nicht. Sie sagt über sich, sie sei pummelig und ungelenkig. „Irgendwann hat das angefangen mit der Flunkerei, vielleicht so mit 12“, berichtet sie und meint die Art des Lügens, die nichts mehr damit zu tun hat, was Kinder machen, wenn sie frech behaupten, sie hätten die Scheibe nicht zerschlagen, die zu Bruch gegangen ist.

          Inge Kloepfer

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Ich sage zum Beispiel, ich gehe zu einer Freundin, um Mathe zu lernen. Aber eigentlich treffe ich mich mit einem Jungen im Kaffee.“ Leo will nicht, dass ihre Eltern das wissen. „Die Kommentare, das Nachfragen, die Ratschläge - das war mir zu viel.“ Wenn man lügt, scheint erst mal vieles einfacher. „Aber solche Lügen sind eher harmlos“, kommentiert Leo sich selbst. „Da gab es auch andere Sachen: Ich habe viel über Noten in der Schule gelogen, behauptet, wir hätten Arbeiten nicht zurückbekommen, Unterschriften gefälscht in der Hoffnung, dass meine Eltern nicht mehr dran denken.“ Sie hat ihrer Mutter Geld aus dem Portemonnaie genommen, davon bei Zara eine Hose im Ausverkauf erstanden und wieder gelogen, das Geld habe sie vom Babysitten. „Genau da haben meine Eltern dann doch was bemerkt. Meine Mutter hat bei der Familie angerufen, bei der ich sonst babysitte und festgestellt, dass ich mir das Geld überhaupt nicht verdient hatte, worauf sie sich zum totalen Kontrollfreak entwickelt hat.“ Je mehr die Eltern kontrollierten, desto wilder log Leo. Den Ärger ihrer Eltern konnte sie einerseits verstehen, andererseits fand sie ihn übertrieben.

          Das Bild, das die Eltern vom Kind haben

          Lügen kommt in den besten Familien vor. „Viele von meinen Freunden schwindeln oder verschweigen die Wahrheit“, sagt Leo. „Und manchmal denke ich, die Eltern wollen die Wahrheit auch gar nicht so genau wissen.“ Wirklich nicht? „Nee, wirklich nicht. Sie haben ein Bild von dir, und das wollen sie sich erhalten, und man will sie dann ja auch nicht enttäuschen.“

          Das könnte sogar stimmen. Ein Blick ins Internet allerdings genügt, um zu erkennen, wie sehr dieser nachlässige Umgang mit der Wahrheit Eltern aufregt und verunsichert: „Mein Sohn ist 13 Jahre alt, und er lügt wie gedruckt. Auf die Frage, warum er lügt oder was los ist, lenkt er vom Thema ab und zuckt nur mit den Schultern“, so tippt sich eine verunsicherte Mutter in einem der vielen Eltern-Chatforen den Kummer von der Seele.

          Leo hat auch einfach so gelogen, manchmal gleich mehrmals am Tag: „Die Lügen sind irgendwie aus mir herausgekommen“, sagt sie und schaut ein wenig betroffen drein, so als würde sie bis heute ein schlechtes Gewissen quälen. Manchmal habe sie gedacht, sie sei reif für den Psychiater, weil sie das mit dem Lügen gar nicht mehr im Griff hatte.

          „Lügen ist ein pubertäres Übergangsphänomen“

          „Dass sie sich über ihr eigenes Verhalten diese Gedanken machen, ist ganz typisch für Mädchen“, sagt der bekannte Familientherapeut und Buchautor Wolfgang Bergmann. „Jungen dagegen leiden einfach nur unter ihrem schlechten Gewissen. Die Sorge, dass womöglich etwas mit ihnen nicht stimmen könnte, plagt sie weniger.“

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