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Pubertät : Wenn die Wahrheit dehnbar wird

Tatsächlich hätte sich Leo mit den quälenden Gedanken über einen psychischen Defekt oder eine Persönlichkeitsstörung gar nicht belasten müssen. „Lügen oder die Unwahrheit sagen ist im Grunde ein pubertäres Übergangsphänomen“, sagt Bergmann, eines, das im Alter von 11 oder 12 von den Jugendlichen Besitz ergreife, sich dann aber mit 15 oder 16 auch wieder verflüchtige. So wie bei Leo eben. Ein pathologischer Lügner sei man deshalb noch nicht.

„Aber ich habe manchmal so gefühlt“, sagt Leo. Das Schwindeln in der Pubertät oder auch einfach die Tatsache, dass die Wahrheit verschwiegen wird, hat nach dem Urteil Bergmanns etwas Zerrissenes. Da sei dieses „Die Alten sollen mich in Ruhe lassen“ auf der einen Seite, gepaart mit dem Stolz, die Eltern erfolgreich hintergangen zu haben. Auf der anderen Seite stehe das schlechte Gewissen, ein Stück verbliebener Kindheit, die Sehnsucht nach Bindung an die Eltern. „Im Alter, in dem das Lügen beginnt, bekommen die Jugendlichen eine Ahnung davon, dass sie ein anderes Leben als ihre Eltern führen wollen, eines nach anderen Maßstäben. Die Maßstäbe aber haben sie noch gar nicht“, sagt Bergmann.

Revolution im Gehirn

Wer Leo zuhört, ihren Überlegungen zum Lügen und zu den Gründen dafür folgt, merkt, dass sie tatsächlich vieles anders machen will als ihre Eltern. „Wenn ich später Kinder habe, würde ich ...“ Sie stockt. „... dann würde ich die Familienbeziehungen völlig anders aufbauen“. Darin ist sie sich sicher. Nur auf das Wie hat sie noch keine Antwort.

Man kann das Lügen auch neurobiologisch erklären: In der Zeit, in der die Laxheit der Kinder im Umgang mit der Wahrheit einsetzt, beginnt eine regelrechte Revolution im Gehirn. Die Neurobiologen nennen das Umorganisation, und das in mehreren Hirnteilen und Richtungen gleichzeitig. „In den frontaleren Gehirnregionen, denen, die für die Ethik oder für Hemmungen zuständig sind, verändert sich viel. In der Pubertät prägt sich diese Verantwortungsregion aus“, sagt Bergmann. Und das braucht Zeit. Mit 16 allerdings sollte der Spuk, der von den Jugendlichen so plötzlich Besitz ergriffen hat, wieder vorbei sein. Wenn die Lügerei dann nicht aufhört, könnte es sich um eine tatsächliche Vertrauenskrise handeln. „Dann würde ich anfangen zu grübeln - als Kind und als Vater oder Mutter“, sagt Bergmann. Ganz so nachsichtig, wie er klingt, ist Bergmann nicht. „Natürlich lügt man seine Eltern nicht an“, meint er. „Dieser moralische Satz gilt auch für Pubertierende.“

Lügen macht nicht nur ein schlechtes Gewissen, sondern auch ordentlich Stress. „Davon kann ich ein Lied singen“, erzählt Leo. „Manchmal habe ich meinem Vater etwas anderes als meiner Mutter erzählt und wusste hinterher nicht mehr, was ich wem wie gesagt habe.“ Daraufhin habe sie sich wieder neue Geschichten überlegen müssen, um ihre gesamten Schwindeleien in Einklang zu bringen. Außerdem musste sie auch noch ihre Freundinnen über ihr Gestrüpp aus Unwahrheiten informieren, damit so etwas wie mit dem Babysitten und der Hose nicht mehr passiert. „Alles zu anstrengend“, fasst Leo ihre Gefühle zusammen. „Eigentlich bin ich froh, dass das vorbei ist.“

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