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Portugals Queima : Einfach trinken und chillen

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Geschlafen wird wenig, gefeiert wird fast rund um die Uhr. Portugals Studenten lieben die Queima mit ihren rauschenden Nächten zum Abschluss des Studiums.

          Die Queima ist eine einzige sehr lange Nacht, schlafen gehört nicht zu dieser Woche“, sagt Francisco Vaz Ferreira, ein zwanzigjähriger Tourismus-Student aus Porto. Der junge Mann feiert schon zum dritten Mal die „Queima das Fitas“. Bei seiner ersten Teilnahme studierte er noch nicht einmal an der Universität. Zusammen mit Freunden aus der Schule hat er diesen Höhepunkt im akademischen Leben für einen Tag ausprobiert. Das zweite Mal war es schon etwas anders: Er studiert nämlich in Coimbra, der Universitätsstadt par excellence in Portugal, und hat die portugiesische Tradition dort erlebt, wo sie herkommt. Die „Queima das Fitas“, zu Deutsch „Das Verbrennen der Bänder“, wurde zum ersten Mal 1919 begangen, als eine kleine Abschiedsfeier für Absolventen der medizinischen Fakultät. Damals hatte sie aber einen anderen Namen: „Entrega das Pastas“, „Die Übergabe der Mappen“.

          Anzüge kaschieren soziale Unterschiede

          „Die Feierlichkeiten, die unsere medizinischen Finalisten jedes Jahr als Gedenkfeier an die Überreichung der Mappen an die Kollegen des vorherigen Jahres halten, sind immer voller Enthusiasmus.“ So schrieb das „Jornal de Notícias“, eine der bestangesehenen Zeitungen Portugals, am 30. Mai 1920. Früher benutzten die portugiesischen Studenten schwarze Anzüge mit schwarzen Umhängen, um soziale Unterschiede nicht zu zeigen. Außerdem trugen sie ihre Hefte und Bücher in schwarzen Mappen. Um zu zeigen, zu welcher Fakultät sie gehören, begannen die Studenten, farbige Bänder in ihre Mappen zu hängen, zum Beispiel Gelb für Medizin und Rot für Jura. Daher kommt auch der Name des Festes, da die Studenten des letzten Studienjahres ihre Bänder verbrannten, um symbolisch das Ende des Studiums anzukündigen. Sie trafen sich in Gruppen von verschiedenen Studiengängen vor der Porta Férrea, dem Haupteingang der Universität, in Coimbra und machten einen Umzug zum Largo da Feira, wo sie die Bänder in einer kleinen Grube verbrannten.

          Feiern einer akademischen Etappe

          Die Feier verbreitete sich erst später im ganzen Land. In den meisten Universitäten handelt es sich um eine festliche Woche, die jedes Jahr Anfang Mai vor den letzten Prüfungen des Schuljahres stattfindet. Franciscos Vaz Ferreira hat nach seinem ersten Jahr an der Universität Coimbra sein Studium an der Uni Porto fortgesetzt und lebt jetzt wieder in seiner Heimatstadt. Dort hat er ein drittes Mal an der „Queima“ teilgenommen. In Porto ist die „Queima das Fitas“ etwas anders als in Coimbra, aber das Prinzip ist überall dasselbe, das Feiern einer akademischen Etappe. Die Woche in Porto umfasst zwölf Veranstaltungen, ausgehend am ersten Sonntag des Monats genau um Mitternacht mit der „Serenata estudantil“, Studentenserenade, wo eine Studentengruppe im typischen Musikstil Portugals „Fado“ singt. Morgens feiert man die Missa de Benção das Pastas, Messe des Segnens des Ordners. Der Bischof von Porto segnet die Studenten beim „Jardim da Cordoaria“, einem kleinen Park im Stadtzentrum. Früher fand die Messe in der Kathedrale Portos statt, aber heutzutage passen nicht mehr alle Studenten rein. Der Höhepunkt der Woche ist der „Cortejo Académico“, der akademische Umzug, durch den die ganze Stadt für ein paar Stunden lahmgelegt wird. Er wird am Dienstag gefeiert. Die Straßen im Zentrum werden gesperrt, und man kann überall nur in schwarze Trachten gekleidete Studenten johlend und herumalbernd mit einem Bier oder einer Flasche Wein in der Hand sehen. „Ich hab keine Wörter, um es zu beschreiben“, sagt ein Jurastudent.

          Kritik wie in einem Karnevalsumzug

          Auf dem Kopf tragen einige farbige Zylinderhüte und in der Hand Stöcke der korrespondierenden „Farbe“, das sind die Uni-Absolventen im letzten Studienjahr. Dahinter marschieren die Studenten der unteren Jahrgänge und fahren auf ihren dekorierten Wagen. Jeweils ein Wagen für jeden Studiengang fährt in dem großen Umzug durch die Straßen.Dieses Jahr waren es mehr als achtzig Wagen. Normalerweise üben sie wie in einem Karnevalsumzug politische und gesellschaftliche Kritik aus. Viele Politiker werden als große Puppen dargestellt, um die Unzufriedenheit der Studenten zu zeigen. Außerdem werden viele Wortspiele, die mit den Studiengängen zu tun haben, benutzt. So steht bei einem Jura-Wagen „Advodkados“ = Advogados (Rechtsanwalt) + Vodka. In Porto werden die Nächte der „Queima“ traditionell im sogenannten „Queimódromo“ des Stadtparks die ganze Woche bis Sonnenaufgang durchgefeiert. Auf einer großen Bühne treten einige große Namen der portugiesischen Musik auf, zum Beispiel Quim Barreiros, der berühmt für seine Volksmusik ist. Es gibt keine Portugiesen, die nicht mindestens eines seiner Lieder kennen.

          „Ich bezahl dir einen Shot“

          Doch trotz all den bekannten „Sängern“, wenn man die Studenten der „Queima“ fragt, dann interessiert sich keiner für die Musik, die dort gespielt wird. Alle Studenten bevorzugen die „Barracas“, Getränkestände, wo sie sich mit Alkohol vergnügen. Die Stände werden normalerweiser von den Studenten des vorletzten Jahres der Universität betreut, um die Reise, die im letzten Jahr des Studiums stattfindet, zu finanzieren. Francisco Vaz Ferreira behauptet: „Es gibt nur zwei Regeln: Man muss sympathisch sein und verhandeln können“, so könne man alles bekommen, „Shots für 50 Cent oder vielleicht noch weniger“. Einen Abend war er an einem Stand allein, und plötzlich kam ein Bekannter und sagte einfach: „Hey, ich habe dich lange nicht mehr gesehen. Komm, hier, ich bezahl dir einen Shot.“ „Und das war keine einmalige Sache an diesen Tag“, ergänzt der Tourismus-Student lachend. Auf diese Weise verlaufen die Nächte der Queima: „Einfach trinken und chillen.“

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