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Polarforscher : Unter den Isomatten krabbelt nichts mehr

  • -Aktualisiert am

Bild: Illustration/Jugend schreibt/2020131

Die Lemminge bleiben weg, die hungrigen Eisbären rücken näher. Der Freiburger Polarforscher Benoît Sittler erlebt den Klimawandel in der Arktis hautnah.

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          Es ist etwas umgekippt im System“, stellte Polarforscher Benoît Sittler bereits vor vielen Jahren in Grönland fest, als er dort die klimabedingten Veränderungen am eigenen Leib erfuhr. Der promovierte Geograph arbeitet an der Professur für Naturschutz und Landschaftsökologie, Teil der Fakultät „Umwelt und Natürliche Ressourcen“ der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Im Juni 2017 machten sein Team und er wie die Jahre zuvor zu Beginn der Expedition eine Tour über das Packeis zu zugefrorenen Inseln im Fjord. Dieses Mal jedoch brach er auf dem Packeis unter seinem Gewicht ein. Zu seinem Glück wirkte der Rucksack wie eine Rettungsweste, und seine Kollegen waren rechtzeitig zur Stelle, um ihn mit Skistöcken aus dem Wasser herauszuziehen. „Diese Tour können wir längst nicht mehr wagen. Denn mittlerweile sind die Veränderungen auf Grönland so krass, dass man den globalen Klimawandel nicht mehr leugnen kann“, sagt der 69-Jährige, der seit mehr als 30 Jahren jeden Sommer in dieser Gegend forscht. Nach einem Studium der Ökologie und Geographie in Straßburg zog es den Elsässer, der in seiner Kindheit und Jugend jede freie Minute im damals noch vorhandenen, wilden Rheinwald verbrachte, ab 1975 immer öfters in die Arktis, deren naturbelassene, vom Menschen unberührte Flora und Fauna ihn faszinierte und wo er sich ein beachtliches Wissen vor allem über die Tiere dieses Landstrichs aneignete. Dies machte ihn, nachdem er bereits einige Forschungen im Bereich von Landespflege und Naturschutz durchgeführt hatte, zum Initiator und langjährigen Leiter des Langzeitprojekts „Karupelv Valley Project“.

          Erklären konnten sie sich dies nicht

          Dieses Projekt widmet sich seit 1988 im Gebiet des sogenannten Karupelv-Tals in Nordgrönland zunächst der Aufklärung des Rätsels um die starken Populationsschwankungen der in der Arktis beheimateten Lemminge. Forschern war schon früh aufgefallen, dass es in verschiedenen Regionen der Arktis Zeitperioden mit vielen Lemmingen und andere mit wiederum fast gar keinen Lemmingen gibt, erklärt werden konnte diese Beobachtung aber nicht. Sittler flog daraufhin jährlich im Sommer mit wechselnden Teams in den größten Nationalpark der Welt in Nordostgrönland, um dort über mehrere Wochen die Tiere zu beobachten. Eine kleine Hütte dient seit Beginn bei allen Grönland-Aufenthalten als Aufenthaltsraum für die über vier bis sechs Forscher verschiedener Nationalitäten, übernachtet wird dagegen in Zelten. Zu den Standardaufgaben der dortigen Forschung gehören fortwährend die Dokumentation der Lemmingzyklen und weitere Beobachtungen der ansässigen Fauna, wofür die Wissenschaftler teilweise 20 Kilometer zu Fuß am Tag zurücklegen müssen. Trotz dieses Aufwands arbeiten die Forscher ehrenamtlich. Sittler, selbst seit vier Jahren pensioniert, hat aber immer noch einen Lehrauftrag an der Universität Freiburg, die ihm zusätzlich als logistisches Zentrum für seine Projektarbeit dient. Von Sponsoren bekommt das Team um Sittler zwar hochwertige Ausrüstung oder Verpflegung zur Verfügung gestellt, eine dauerhafte feste Finanzierung für das gesamte Projekt erhält das Team jedoch nicht. Nur punktuell werden Doktoranden finanziell unterstützt, die im Rahmen des Projekts forschen. „Man würde nie einen Auftrag für eine so lange Untersuchung bekommen“, gesteht der Projektleiter. Ein wichtiges Standbein der „Schwarmfinanzierung“ ist auch die sogenannte Polarpost, bei der die Forscher Sammlern gegen einen kleinen Beitrag Feldpost, versehen mit Stempeln, grönländischen Marken und Unterschriften der Wissenschaftler, zukommen lassen.

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