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Poetry Slam : Nachgrübeln, was wohl ein „Ich mag dich“ bewirkt

  • -Aktualisiert am

Bild: Claudia Weikert

In Landau zieht der Poetry Slam Hunderte Besucher an. Das ist auch gut so. Wo spricht man denn sonst noch über Texte?, fragt die Veranstalterin

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          Besucher drängen durch die Türen von Landaus einzigem Stadtkino. Alle wollen einen guten Platz im Saal. Initiiert hat die Veranstaltung Anja Ohmer, Senatorin und Dozentin für Germanistik und Darstellendes Spiel an der Universität Landau. Die Mittvierzigerin hat ihre Sonnenbrille lässig ins blonde Haar gesteckt. In ihren Chelsea Boots, schwarzem Shirt und geblümtem Rock wirkt sie fröhlich, tough und vor allem jung. Sie hat vor sieben Jahren als erste Hochschuldozentin Poetry Slam in die universitäre Ausbildung integriert. Beim Poetry Slam sind alle Textgattungen erlaubt, ob Rap, Reim, Lyrik, Short Story oder anderes. Wichtig sei nur, dass der Gesamteindruck des Vortrags stimme. „Denn nicht nur der Text steht im Vordergrund“, sagt Ohmer, „sondern die ganze Person, die Art, wie sie spricht, wie sie geht, wie sie Interaktion mit dem Publikum betreibt.“ Als wichtigste Aufgabe der Slammer nennt Ohmer, das Publikum in den Bann zu ziehen. Dass das schwierig sein kann, weiß sie nur zu gut, denn sie schreibt selbst Texte.

          Trotz maximalem Applaus wirken die Slammer verloren

          Zuverlässig füllen die Landauer jedes Mal den großen Kinosaal und genießen die Donnerstagabende mit Poetik, Freunden und Bier. Entstanden aus einem Projekt für die Lehramtsstudenten, fand der erste Landauer Poetry Slam noch im Festsaal der Uni Koblenz-Landau statt. Dieser war jedoch so schnell voll, dass Anja Ohmer beschloss, das Risiko einzugehen, einen größeren Veranstaltungsraum zu buchen. Der Inhaber des Kinocenters war „sofort dabei“. Ebenso der Hauptsponsor, die regionale Genossenschaftsbank, vertraute auf das Projekt. Jetzt gibt es zwei Veranstaltungen im Semester.

          Wenn die Slammer, von maximalem Applaus begleitet, die Bühne betreten, wirken sie meist klein und verloren. Doch sobald sie loslegen, zeigt sich, was für ein Selbstvertrauen in ihnen steckt. Manche erzählen aus ihrem Leben. Ein Slammer machte sein Talent, Frauen zu vergraulen, zum Thema. Oft handeln die Texte von anderen Personen, deren Fehlern und Versäumnissen. Der Zuschauer ahnt nur, dass die Slammer in Wirklichkeit ihre eigenen Probleme thematisieren.

          Von der Trägheit des Mannes in der Beziehung

          So trug die Darmstädterin Jule Weber den Text „Hochseehaie“ vor, in dem es um die Versäumnisse aller Menschen ging, Chancen und Träume zu verwirklichen. Sie erzählte die Geschichte eines alleinstehenden Mannes, der sich nicht traut, seinen Schwarm Judith anzusprechen aus Angst vor Zurückweisung und aus Faulheit. Auch hätte der Mann eigentlich lieber einen anderen Job, und auch sonst gefällt ihm sein Leben nicht so richtig. Doch etwas an seiner Situation zu ändern, das wäre ihm viel zu riskant. Stille breitet sich im Saal aus. Später bezieht die Autorin die Trägheit des Mannes auf ihre Beziehung, in der sie schon lange nicht mehr glücklich ist. Sie sieht keinen Sinn darin, den Weg der Trennung zu gehen, denn schlussendlich würde sie doch nur bei einem anderen Mann landen, mit dem sie nach einer gewissen Zeit auch wieder im Strudel der Gewohnheit und Langeweile landen würde. Im Saal sieht man verständnisvolles Nicken. Am Ende kritisiert die Slammerin ihre Faulheit, denn man wüsste ja nie, was die Veränderung bringen, was ein einfaches „Hey“ oder „Ich mag dich“ bewirken könne. Die Zuhörer hat Jule Weber zum Grübeln gebracht. Es gibt tosenden Applaus.

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