https://www.faz.net/-gum-9o2id

Podologie : Mit Teebaumöl und scharfem Skalpell

  • -Aktualisiert am

Bild: Zuni und Kirsten von Zubinski

Ihr spät erlernter zweiter Beruf bereitet ihr richtig Freude. Auch wenn manche darüber staunen: Caty Nassibi ist gerne Podologin und berichtet aus der Praxis.

          Reinhard Thönes sitzt auf einer Art Zahnarztstuhl und wackelt vergnügt mit den nackten Zehen. Er freut sich auf die Behandlung seiner Füße. Caty Nassibi lässt derweil lauwarmes Wasser in eine Wanne und trägt sie in den Behandlungsraum. Nach ein bisschen Smalltalk über Tee und George Orwell beginnt sie mit der Behandlung. Die 44-Jährige arbeitet seit zwei Jahren als Podologin in Saarbrücken. Ihre Praxis ähnelt einer Zahnarztpraxis. Die Wände sind teils weiß, teils in einem warmen Graublau gestrichen. Die sparsam eingerichteten Räume wirken freundlich und hell. Im Empfangsraum liegen ein paar Zeitschriften, und auf der Fensterbank stehen drei große Teedosen. Das Behandlungszimmer ist ausgefüllt von einem gigantischen Stuhl, auf dem die Patienten behandelt werden. Doch statt im Mund den Bohrer an den Zähnen anzusetzen, pflegt Caty Nassibi fürsorglich die Füße ihrer Patienten.

          Sie spricht von einer einzigen Ausnahme

          „Die Behandlung ist alles andere als eklig“, sagt Nassibi entschieden. „In der Podologie ist Hygiene das A und O.“ Zuerst badet sie die Füße von Herrn Thönes, danach desinifiziert sie sie, schneidet und schleift mit großer Sorgfalt Nagel für Nagel. Dann entfernt sie mit einem kleinen Skalpell die Hornhaut. Nur ausgebildete Podologen dürfen dieses kleine, extrem scharfe Messer benutzen. Zum Abschluss massiert Nassibi mit Teebaumöl die Füße des Kunden. Man muss definitiv kein Fußfetischist sein, um diese Arbeit auszuführen, man benötigt vielmehr großes Wissen über die Fußheilkunde. Caty Nassibi erzählt, dass sie in der zweijährigen Ausbildung auch wieder zur Schule gehen musste. „Mit 42 Jahren war das natürlich erst mal komisch“, erinnert sie sich. Die Ausbildung besteht aus verschiedenen Teilgebieten wie allgemeiner Krankheitslehre, spezieller Krankheitslehre, Orthopädie, Psychologie und Soziologie und eben auch Hygiene. „Bisher gab es erst eine Patientin, bei deren Füßen ich nur ,O Gott‘ gedacht habe, wegen der wirklich schlechten Pflege. Aber das war wirklich die einzige Ausnahme“, berichtet Nassibi. Bei einem Besuch in ihrer podologischen Praxis kann man sich das auch nicht vorstellen. „Insgesamt habe ich 200 Patienten, von denen jeder mindestens 14 Tage auf einen Termin warten muss“, berichtet sie stolz. Das zeigt eben auch den Erfolg ihrer kleinen Praxis. Reinhard Thönes wird in fünf Wochen wiederkommen, auch damit Nassibi die Heilungsfortschritte kontrollieren kann.

          Zwischen Nagelfräser und Ultraschall-Bad

          Reinhard Thönes verlässt die Podologie-Praxis mit einem zufriedenen Lächeln. Der humorvolle Rechtsanwalt für Familien- und Ausländerrecht scheint die ganze Behandlung genossen zu haben. Vor zwei Monaten hatte er noch einen hartnäckigen Nagelpilz. Der ist jetzt fast ganz verschwunden. Nach der Behandlung kommen die benutzten Aufsätze des Nagelfräsers, das Skalpell und die Nagelzange in ein Ultraschall-Bad zur Reinigung, danach bleiben die Werkzeuge bis abends in einer Sterilisations-Wanne, um sie zu desinfizieren. Nach der Schule hat Caty Nassibi zunächst eine Kochlehre absolviert. Sie kocht heute immer noch gerne. Zu Hause bei ihrer Familie ist ihr Erdbeer-Tiramisu heiß begehrt. Aber für sie war klar, dass sie in der Gastronomie nicht lang bleiben wird. „Das hat mir einfach nicht so viel Spaß gemacht“, sagt sie über ihre Zeit als Restaurantmeisterin. Was ihr allerdings schon als Jugendliche Freude bereitet hat, war es, ihren Freundinnen die Fußnägel zu lackieren. So ist sie überhaupt erst auf den Beruf aufmerksam geworden und hat sich mit 40 Jahren entschieden, die Ausbildung zur Podologin zu beginnen. „In der Podologie erreicht man im vergleich zur Pediküre noch einen medizinischen Erfolg, das hat mich einfach gereizt“, erklärt die zweifache Mutter.

          Sie schmerzfrei zu sehen, sei das beste Gefühl

          Nach der Ausbildung hat sie zunächst vor allem Patienten zu Hause besucht, aber sie wollte möglichst schnell eine eigene Praxis eröffnen. „Es gibt zwar auch Gemeinschaftspraxen, doch ich fühle mich in meiner eigenen einfach wohler.“ Caty Nassibi ist erfolgreich, und vor allem ist sie glücklich. „Wenn ein Patient mit Schmerzen hier hereinkommt und ohne wieder herausgeht, ist das einfach das beste Gefühl, das es für mich gibt“, erzählt sie zufrieden. Noch ist die Praxis eine „One-Woman-Show“, aber in naher Zukunft will Nassibi selbst Podologen und Podologinnen ausbilden. Zur Ausbildung gehört nämlich neben 1500 Theoriestunden, 500 Stunden fachpraktischen Unterrichts auch eine praktische Ausbildung.

          Engagiert für Special-Olympics-Sportler

          Neben der täglichen Arbeit in ihrer Praxis ist Nassibi auch Teil des Gesundheitsprogramms des Special-Olympics-Verbandes im Saarland. „Das Gesundheitsprogramm besteht aus sechs Zweigen. Und einer dieser Zweige ist das Team Fitte Füße, in dem wir Podologen tätig sind“, berichtet sie. Sie begleiten die Athleten auf verschiedene sportliche Veranstaltungen. „Nachdem die Vorsitzende des saarländischen Verbandes, eine meiner Patienten, mir den Job angeboten hatte, ging alles total schnell. Wenige Wochen später bin ich nach Hannover gereist, um dort geschult zu werden.“ Seitdem begleitet sie die saarländischen Athleten auf verschiedene Wettkämpfe. „Auf den Wettkämpfen untersuchen wir die Füße und geben den Sportlern Tipps für neue Schuhe oder für die Pflege“, erklärt sie. Auch bei den nationalen Spielen in Kiel wird Nassibi im Mai dabei sein. Dort hilft sie den saarländischen Athleten und drückt ihnen vor allem die Daumen.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          737 Max : Flugverbot kostet Boeing Milliarden

          Der amerikanische Konzern stellt sich nach den Abstürzen der 737-Max-Maschinen auf hohe Entschädigungen ein. Es könnte sogar noch schlimmer kommen. Doch die Investoren goutieren die Klarheit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.