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Plauen im Oktober 1989 : Nur weg

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Vor 30 Jahren löste ein Pfarrer in Plauen die Umkehr aus. Erinnerungen an historische Wochen und Demonstrationen, die kurz vor der Eskalation standen.

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          Plauen, 7. Oktober 1989. Es war der 40. Geburtstag der Republik. Der staatliche Feiertag macht die Menschenmenge in der Stadt zunächst unverdächtig. Handzettel werden verteilt, Getuschel verbreitet sich. Es ist dieser Moment vor dem Sturm, mit dem sich die Stimmung am Tunnel in der Stadtmitte beschreiben lässt. Etwas wird passieren. Die mündliche Propaganda verbreitet sich wie ein Lauffeuer. 15 Uhr ist es so weit, Tausende sind zur Demonstration versammelt. Unter ihnen ist Thomas Küttler, 1937 in Schwarzbach geboren, studierte er Theologie in Göttingen und Münster und wurde 1979 Superintendent des Kirchenbezirkes Plauen. Zu dem Zeitpunkt ahnt er nicht, dass dieser Tag ihn 1990 zum Ehrenbürger machen wird.

          Ausreisezüge aus Prag über Plauen

          Warum gingen die Leute auf die Straßen? „Große Unzufriedenheit mit der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lage hatte zu einer Ausreisewelle geführt: Tausende vor allem junge Menschen versuchten über Ungarn und die Tschechoslowakei die BRD, die Freiheit, zu erreichen. Die Ausreisezüge aus Prag über Plauen nach Hof sorgten für große Begeisterung“, berichtet Küttler. Die Menschen wollten weg. Diejenigen, die es nicht geschafft haben, mit einem der Ausreisezüge in die Freiheit zu fahren, standen auf dem Theaterplatz. Schilder und Plakate zeigen, um was es ihnen geht: „Pressefreiheit“, „Reisefreiheit“, „Freie Wahlen“. 15 000 Plauener Bürger stehen 300 bewaffneten Soldaten der Nationalen Volksarmee, 150 Genossen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, einer Schar der bewaffneten Kampfgruppen der Arbeiterklasse, der Bereitschaftspolizei und der Staatssicherheit der DDR gegenüber. „Als Wasserwerfer umgerüstete Feuerwehrautos der staatlichen Feuerwehr sollten die Menschen vertreiben, mussten aber abgezogen werden. Sogar ein Kinderwagen wurde umgespritzt“, erinnert sich Küttler. „Es kam zu einem Zug durch die Stadt mit Forderungen auf Schildern, über die Friedensbrücke, die Neundorfer Straße runter bis vors Rathaus. Über uns allen flog bedrohlich tief ein Hubschrauber, vermutlich mit Filmkameras auf dem Rathausturm, und Soldaten bildeten Sperrketten.“ Die Bürger überwinden ihre Angst. Lang unterdrückte Unzufriedenheit schwingt über in Mut. Sie wollen mit dem Oberbürgermeister über ihre Forderungen sprechen.

          Unter ihnen waren  Kinder

          Doch Norbert Martin, der damalige OB, kam nicht heraus. Thomas Küttler berichtet, dass die Situation kurz vor der völligen Eskalation war: „Ich spürte, dass ich gefordert bin, etwas zur Entspannung zu versuchen aus Verantwortung gegenüber meinen Mitbürgern, unter ihnen waren viele Christen, auch unsere Kinder. Weil ich Dr. Martin dienstlich kannte, hoffte ich, ihn bewegen zu können, zu den Demonstranten zu sprechen.“ Ins Rathaus zu gelangen war nicht einfach. Zur Überraschung der Menge wurde er nach anfänglicher Ablehnung durch einen Polizeioffizier eingelassen. Nach einigen Worten mit Martin wird schnell klar: Er wagt es nicht rauszukommen. Trotzdem wollte er nächste Woche mit einer Bürgerabordnung ein Gespräch führen. „Das sollte ich der Menge sagen. Ich hatte kein Konzept, meine Aktion war ja spontan gewesen. So ging ich raus, und immerhin war ein Megaphon da. Ich hielt keine zusammenhängende Rede, sondern griff die Stichworte auf, die aus der Menge kamen“, erzählt Küttler.

          Unsere Gesellschaft braucht dringend Veränderungen

          Wenige Minuten passiert etwas, mit dem niemand gerechnet hätte. Der Hubschrauber fliegt weg, die bewaffneten Polizisten ziehen ab. Die Menschenmasse beginnt sich aufzulösen. Als die Glocken den Sonntag einläuten, beginnt Küttler mit seiner Ansprache: „Ihr habt deutlich machen können, was ihr mit der Demonstration wolltet. Das ist auch bestimmt gehört worden. Nun sollte diese Demonstration aber ein friedliches Ende nehmen. Ihr solltet euch jetzt ruhig entfernen. Der Oberbürgermeister ist sicher zu Gesprächen bereit, wenn auch nicht jetzt. Ich werde mich um die Vermittlung solcher Gespräche bemühen. Dass unsere Gesellschaft dringend Veränderungen braucht, ist mit Händen zu greifen. Sie werden, denke ich, auch kommen. Die Hauptsache ist, dass es jetzt zu keiner Gewaltanwendung kommt.“ Gegen 18 Uhr zogen die Demonstranten ab. Es war eine Demonstration, die weder mit Toten noch Schwerverletzten endete, sondern einzig und allein mit drei Wörtern: Wir kommen wieder! In vielen weiteren Städten der DDR wurde demonstriert, wie zum Beispiel in Dresden, Leipzig, Halle und Chemnitz. Am 9. November 1989 zerbricht die Deutsche Demokratische Republik. Thomas Küttler starb 2019 im Alter von 82 Jahren in Leipzig, genau dreißig Jahre nach dem Mauerfall.

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