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Plastische Chirurgie : Heilung für Handverletzungen mit Holzspalter

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Im Klinikum Bogenhausen hat die Plastische Chirurgie alle Hände voll zu tun und leistet weit mehr als Schönheitsoperationen.

          Es sind die Gesichter der Menschen, die an einem Mittwochnachmittag in den Wartezimmern anzutreffen sind, während sie aus den unterschiedlichsten Gründen auf ihre Termine warten, die ihre Unruhe und Sorgen verraten. Der Schmerz und die Anspannung lässt sich nicht überspielen. Aber auch die Zuversicht und Heiterkeit der Patienten, Angehörigen oder Mitarbeiter, die verbreitet werden, wirken anders als etwa im Vorzimmer einer Bank. Patienten kommen und gehen in einem getakteten Rhythmus. Auch wenn im Klinikum Bogenhausen noch viel los ist, ist es leise. Nur das Summen von Geräten und ein Krankenhausgeruch sind wahrnehmbar. Dass das Personal auch mal bis tief in die Nacht arbeiten muss, ist bei so viel Betrieb nicht überraschend. „Ich bin jeden Tag um 7.15 Uhr hier und arbeite, bis ich fertig bin“, erklärt der Plastische Chirurg Alexander de Heinrich. „In der Regel endet ein normaler Arbeitstag gegen 18 Uhr.“ Die Arbeitszeit des Chirurgen in München besteht aus fünf Tagen in der Woche, in der ein Tag nur für die Sprechstunden von Patienten und die restlichen vier Tage für die Behandlungen und Operationen vorgesehen sind. Außerdem hat er an einem Tag in der Woche und an einem Wochenende im Monat Bereitschaftsdienst. Dabei sind die Arbeitszeiten bis 24 Uhr vorgeplant, und es wird von einer telefonischen Erreichbarkeit für Notfälle bis zum nächsten Morgen ausgegangen.

          Dem Leben auf dem Land geschuldet

          Aufgrund des großen Verbrennungszentrums müssen im Klinikum Bogenhausen viele Verbrennungsunfälle, von denen sich die meisten im Haushalt ereignen, behandelt werden. Andere Notfälle, die die Plastische Chirurgie erfordern, sind dem Leben auf dem Lande in den Regionen Bayerns geschuldet, da hier in fast jedem Haushalt eine Kreissäge oder ein Holzspalter vorzufinden sind. Viele Handverletzungen und der eine oder andere ungewöhnliche Fall sind darauf zurückzuführen. Bei einem skurrilen Vorfall, bei dem der 40-jährige Oberarzt dabei war, war es die Kreissäge. Das Opfer war ein psychisch kranker Mann, der durch die Nichteinnahme seiner Medikamente in einen Wahnzustand geriet. In diesem Zustand versuchte der junge Mann, sich das Leben zu nehmen, indem er sich beide Hände abtrennte. Glücklicherweise wurde er von seiner Nachbarin entdeckt, die ihn ins Krankenhaus brachte. Es waren zwei Teams, die ihm während einer achtstündigen Operation beide Hände wieder vollständig annähten. Solche Notfälle kommen, wenn auch eher selten, immer wieder vor, während tragische Unfälle wie Verbrennungen zum Alltag eines Chirurgen gehören. Alexander de Heinrich berichtet, dass „alle Verbrennungen meistens schwere Unfälle sind, die häufig unterschätzt werden“, da schwere Verbrennungen nach dem Entlassen des Patienten aus der Intensivstation noch langwierige Nachbehandlungen erfordern, damit der Patient später ein halbwegs normales Leben führen kann.

          Das Spektrum ist differenzierter und vielen unbekannt

          Um solche Fälle zu verarbeiten, macht de Heinrich viel Sport. Außerhalb der Klinik versucht er, sich nicht mit den Themen, die ihn in der Klinik beschäftigen, auseinanderzusetzen. „Das kann manchmal sehr schwierig sein, es ist eine Gratwanderung“, gerade dann, wenn sich der Arzt eine spezielle Therapie für einen Patienten überlegen muss. „Es kommt auch vor, dass die Idee zu einer speziellen Behandlung unerwartet um drei Uhr morgens kommt.“ Plastische Chirurgie wird oft mit Schönheitschirurgie gleichgesetzt. Der Begriff Schönheitschirurgie ist in Deutschland nicht geschützt. Um sich Schönheitschirurg nennen zu dürfen, reicht es, nur ästhetische Eingriffe anzubieten. Das weit differenzierte Spektrum der Plastischen Chirurgie, das vielen nicht bekannt ist, besteht unter anderem auch aus der rekonstruktiven Chirurgie, wobei hier vor allem nicht heilende, offene Wunden verschlossen werden sollen. Außerdem gehören die Handchirurgie, die Verbrennungschirurgie sowie die Kraniofaciale Chirurgie für die Behandlung von Kindern mit Geburtsfehlern zu den Aufgabenbereichen. Das heißt, dass das Ziel nicht nur das Erreichen der in den Medien verbreiteten Schönheitsideale ist, sondern auch, die Lebensqualität der Patienten nach tragischen Unfällen oder Krankheiten zu verbessern.

          Hilfe nach Krebserkrankungen

          Ein Beispiel für eine Operation, die gleichzeitig drei verschiedene Themenbereiche abdeckt, ist die Brustvergrößerung. Diese eignet sich zum einen für die Darstellung der ästhetischen Eingriffe, die in der heutigen Zeit immer häufiger der Fall sind. Es wird laut de Heinrich „überall in den Medien kolportiert, egal wo man hinschaut“, da solche Eingriffe für die breite Masse interessant sind. Einen grundlegenden Unterschied dazu bildet die rekonstruktive Chirurgie, die mit Eingriffen, wie zum Beispiel Brustverkleinerungen aufgrund von Schmerzen im Nacken und Rückenbereich, zu einer Verbesserung des Gesundheitsstandes beiträgt. Als Folge eines Tumors kann auch eine Entfernung der mit dem Tumor befallenen Brust oder eine Rekonstruktion der bereits entfernten Brust erfolgen. Die Zukunft der Plastischen Chirurgie liegt nach Meinung von Alexander de Heinrich in immer größeren Spezialisierungen, so dass man sich als Plastischer Chirurg nur über Wasser halten könne, indem man ästhetische Operationen anbiete, da die anderen Spezialbereiche von anderen medizinischen Fachgebieten übernommen würden. „Ich befürchte, dass die Plastische Chirurgie in dem Sinne, wie ich ausgebildet werden konnte, nicht mehr lange existieren wird. Die einzelnen Fachgebiete der Plastischen Chirurgie werden Teilgebiete von anderen medizinischen Fachgebieten sein.“

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