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Pfandflaschensammler : Pfandflaschen zu sammeln, betrachtet er als Hobby

  • -Aktualisiert am

Bild: Claudia Weikert

Boris aus der Ukraine sammelt Pfandflaschen und zieht nachts durch Kaiserslautern. Dabei kommt er mit vielen Menschen ins Gespräch und erfreut die Polizei.

          Es soll schön weiter regnen. Deutschland braucht dieses abwechslungsreiche Wetter unbedingt. Angenehmen Sonntag wünsch’ ich euch noch“, lautet einer der wenigen Einträge auf Boris’ Facebook-Seite. Fotos gibt es auch nur ein paar, eins davon zeigt ein Schwarz-Weiß-Portrait: Boris, leicht lächelnd, mit seiner klobigen Brille, einer offensichtlich für das Bild geliehenen, schief sitzenden Kappe, Dreitagebart und einem gewagt geknöpften Hemd, das er unter seiner Jacke trägt und das ein wenig Brusthaar zum Vorschein kommen lässt. Die Seite „Boris KL“, Kategorie „Geschäftsperson“, hat Boris nicht selbst erstellt, sondern seine Fans. Angezeigt werden 2384 Likes, das erscheint nicht extra erwähnenswert. Aber: Boris ist 75 Jahre alt und stammt aus Charkiw in der Ukraine. In der 100 000-Einwohner-Stadt Kaiserslautern ist er als Pfandflaschensammler unterwegs.

          Die junge Polizistin lobt ihn

          Jedes Wochenende zieht er mit seinem mit Tüten abgehängten Nachziehwagen durch die Straßen, Gassen und über die Plätze Kaiserslauterns und sammelt Pfandflaschen und all das, was Menschen so verlieren. Mit einem breiten Grinsen, bei dem keiner seiner Goldzähne verborgen bleibt, erklärt Boris: „Wenn finden, Polizei!“ Und erzählt weiter, erst neulich habe er am Kaiserslauterer Pfalztheater ein teuer aussehendes Kameraobjektiv gefunden und es auf die Wache gebracht. Nicht nur deswegen mag ihn die Polizei: „Er sorgt für Ordnung, weil er nicht nur Pfandflaschen sammelt, sondern auch anderen Müll einfach aufräumt“, betont eine junge Polizistin, die auf ihrer Streife immer wieder auf Boris trifft.

          Helfen ist für ihn selbstverständlich. Bereits in jungen Jahren wurde er in seiner Heimatstadt Charkiw in der Ukraine von der Polizei angeworben, hatte aber kein Interesse. „Eto ne majo“, ist nicht meins, sagt er auf Russisch. 17 Jahre lang hat Boris sowjetische Waschmaschinen zusammengebaut. Dann hat er 30 Jahre lang als Vorarbeiter in einer Firma gearbeitet, die sich auf medizinische Geräte spezialisiert hatte, unter anderem Geräte für Augenärzte und für gynäkologische Eingriffe.

          In finanzieller Not ist er nicht

          Wie allen Auswanderern, die vor 2009 das Land verlassen haben, steht ihm trotz der fast 50-jährigen Berufserfahrung keine Rente aus der Ukraine zu. Da gibt es nur wenige Ausnahmen, und Boris gehört nicht dazu. Aber irgendwann wollte er eben raus aus der ehemaligen Sowjetrepublik und verließ seine Heimat, landete in Kaiserslautern.

          In finanzieller Not befindet er sich dank Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung dennoch nicht. Das Pfandflaschensammeln ist sein Hobby. Auf die Frage, wie viel er denn am Abend verdiene, antwortet er auf Russisch: „Also, jetzt gerade, wo ich hier mit euch stehe, verdiene ich nix.“ Aber das mache ihm nichts aus, deswegen zieht Boris auch nicht bei Wind und Wetter durch die Straßen. Er mag junge Menschen und geht gerne spazieren, es scheint, als sei es seine Art, sich zu integrieren und ein Teil der Gesellschaft zu sein.

          Aus seiner Jacke angelt er Bonbons

          An Deutschland schätzt Boris vor allem die Internationalität, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft friedlich zusammenleben können. „Ich bin ein Philanthrop“, erklärt er, und wie zur Bestätigung kommen aus der Tasche seiner Bomberjacke ein paar ukrainische Bonbons zum Vorschein. „Ich fragen Kinder, ob wollen Bonbon, wenn nicht wollen, ich essen selbst. Dann sie wollen auch“, berichtet Boris strahlend und lachend, während er den Nachtschwärmern auf dem Stiftsplatz welche anbietet. Sie schmecken fruchtig und viel süßer, als man es gewohnt ist. Auch wenn er nach einer Zigarette oder Feuer gefragt wird, hilft er gerne aus. Dabei fällt eine notdürftig versorgte Schnittwunde an seinem rechten Daumen auf. Die hat er sich beim Aufsammeln von Glasscherben zugezogen.

          Morgen wird er wieder neue Fans haben

          Solche gibt es mehr als genug überall in der Stadt, und Boris findet das gefährlich für andere Leute und ganz besonders für Kinder. Deswegen räumt er auch so was weg. Und zieht mit seinem Nachziehwagen weiter durch die dunklen Straßen. Am nächsten Morgen wird Boris ein paar neue Fans haben, ob auf Facebook oder im Herzen: Kinder, die in ihrer Hosentasche noch das zerknitterte Bonbonpapier rascheln hören, Fahrradfahrer, die diesmal keinen Platten im Reifen flicken müssen, ein Fotograf, der wieder durch sein verloren geglaubtes Kameraobjektiv schaut - und all die müden Nachtgestalten, die ihr Feuerzeug nicht finden konnten oder eine Kippe brauchten.

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