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Entwicklungshelfer : Helfen kann man immer

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Ein pensionierter Arzt und seine Frau, eine Apothekerin, fahren mit Hilfsorganisationen in Entwicklungsländer. Dramatisch war es im Rohingya-Flüchtlingslager.

          Begeistert erzählt er von seiner nächsten Reise. Sie beginnt morgen, praktisch direkt nach diesem Gespräch. Die Taschen sind gepackt, die Ausweispapiere liegen halb sortiert auf dem Boden. Das Mountainbike steht schon zur Abreise bereit. Bevor Bernhard Römhild in den Flieger steigt, will er aber noch mit dem Auto nach Stuttgart fahren, seinen Sohn besuchen. Die Taufe seiner Enkelin wird gefeiert, das möchte er nicht verpassen. Der ehemalige Chirurg des Rudolf-Virchow-Krankenhauses nutzt mit 73 Jahren seine Ungebundenheit für das, was ihn erfüllt. „Es ist sehr angenehm, wenn man sein Leben unabhängiger organisieren kann. Man hat viele Freiheiten, die man sonst nicht hatte.“

          Seine Freizeit verbringt der Pensionär unter anderem als Stadtführer in Berlin, wo er Touren zu Fuß und mit dem Fahrrad anbietet. Seine Frau und er sind Mitglieder des Freundeskreises des Ethnologischen Museums Dahlem. Auch der Sport, der schon immer eine große Rolle in seinem Leben spielte, er hat weltweit 15 Marathons absolviert, kommt nicht zu kurz. Er läuft immer noch. Zurzeit macht er häufig Fahrradtouren. Seit 15 Jahren lebt er so als Rentner, der wie viele seiner Generation auch im Alter seine zahlreichen Hobbys pflegt. Aber Römhild hat es sich ebenfalls zur Aufgabe gemacht, Menschen zu helfen und Leben zu retten. Er fährt mit Hilfsorganisationen in Entwicklungsländer, um dort dringend benötigte medizinische Hilfe zu leisten.

          Immer wieder nach Afrika zu wohlmeinenden Menschen

          Der zweifache Familienvater und seine Frau haben insgesamt 14 Jahre in Afrika gelebt. „Freunde von uns haben angefangen, nach Afrika zu gehen. Das war für uns eine ganz tolle Geschichte, weil wir immer dachten, dass wir das auch machen müssen.“ Für Römhild war klar, dass er nur Projekte annimmt, in denen er zusammen mit seiner Frau arbeiten kann. So arbeiteten sie 1978 in Nigeria und Tansania für die katholische Kirche, er als Allgemeinmediziner, sie als Apothekerin. Nach sieben Jahren zog die Familie zurück nach Baden-Württemberg, später nach Berlin, wo das Ehepaar bis heute sein Zuhause hat. Afrika blieb als „sehr interessanter Kontinent, mit wunderbaren Gegenden und gutwilligen und wohlmeinenden Menschen“ immer in seinem Gedächtnis. So zog es sie vor 15 Jahren dorthin zurück. Sie verbrachten, nun als Rentner, weitere sieben Jahre in Hilfsprojekten, dann kamen sie wieder nach Berlin.

          Seitdem arbeiten sie für das Rote Kreuz und die SES-Stiftung, eine Entwicklungshilfeorganisation. Diese Organisationen binden sie in vier- bis fünfwöchige, weltweite Projekte ein. Er arbeitet, wie in Westafrika während einer der Ebola-Epidemien oder wie in Bayern in einem Flüchtlingslager, meist als Allgemeinmediziner. In einigen Projekten leitet er Fortbildungen oder hilft einfach dort, wo seine Hilfe benötigt wird. Der „Mix aus Landschaft, Leuten, Sprache und Begegnungen mit anderen“ mache jede Reise für ihn zu etwas ganz Besonderem.

          „So viele verfaulte Gliedmaßen“

          Im vergangenen Juni und Juli war der gebürtige Brandenburger für das Rote Kreuz im Rohingya-Flüchtlingslager in Bangladesch. „Ich habe noch nie so viele verfaulte Gliedmaßen gesehen. Es gab wirklich sehr dramatische Situationen, Säuglinge mit Abszessen und Furunkeln, verteilt über den ganzen Körper.“ Als Ambulanzarzt behandelte er täglich ungefähr 100 Patienten, viele von ihnen minderjährig. Die Kommunikation fand nur durch Übersetzer statt: „Was die Leute untereinander empfinden, das habe ich nicht mitgekriegt.“ In diesen Momenten bedauere er besonders, dass er in seiner Jugend erst so spät angefangen habe, Sprachen zu lernen. Mit fließendem Englisch, Französisch und Kisuaheli, Nigerias Nationalsprache, komme man schon weit, Sprachbarrieren seien trotzdem immer wieder ein Problem. Helfen könne man in irgendeiner Weise allerdings immer.

          Aber vertragen sich die vielen Reisen des dreifachen Großvaters mit seinem Familienleben? „Man muss einen gesunden Mix finden zwischen dem, was man selber gerne macht und was man mal gelernt hat, und dem, was man mit der Familie noch vorhat.“ Es sei auch wichtig, für die Familie da zu sein, vor allem für seine Enkel. Unter anderem wählt er deshalb nur noch Projekte von kurzer Dauer. „Ich denke, man hat schon eine gewisse Vorbildfunktion.“

          Beide leiten Fortbildungen in Kambodscha

          Dass sich das Alter und die gesundheitliche Verfassung bei vielen Aktivitäten, vor allem aber bei Reisen ins Ausland bemerkbar machen können, ist ihm durchaus bewusst. Er nimmt das locker. „Also wir denken ja, dass wir unheimlich jung sind. Über neunzig wird es schon schwierig, aber alles drunter geht doch“, fügt er lachend hinzu. Wenn die Projekte ihm einmal keinen Spaß mehr bereiten oder ihn zu sehr anstrengen sollten, würde er aufhören. Man müsse natürlich aufpassen, dass alles noch medizinisch korrekt sei, der Fortschritt schlafe bekanntlich nie. „Man ist dann nicht mehr so geschickt, wie man es vielleicht mal war, und muss aufpassen, wo die eigenen Grenzen sind.“

          Als Nächstes geht es nach Kambodscha. Dort leitet er zusammen mit seiner Frau Fortbildungen für die Mitarbeiter des Krankenhauses und analysiert finanzielle, medizinische und pharmazeutische Missstände. All seine Kleidung in eine Tasche zu bekommen sei immer die erste Herausforderung. Mal sehen, wie viele vor Ort noch auf ihn warten.

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