https://www.faz.net/-gum-a4avi

Paten für Flüchtlinge : Gemeinsam Deutsch lernen

  • -Aktualisiert am

Bild: Christopher Fellehner

Patenschaften erleichtern Flüchtlingen, sich zurechtzufinden. Vor den Toren Stuttgarts kümmert sich Sarah Naaseh darum, dass es auch menschlich passt.

          3 Min.

          Eine blonde, hellhäutige Frau betritt das Stadthaus Ostfildern. Ihr Weg führt in den dritten Stock des modernen Gebäudes in der Verbandsgemeinde vor den Toren Stuttgarts. Hier kümmert sie sich seit Mai 2019 um die Vermittlung von Patenschaften zwischen Mentoren, Bürgern aus Ostfildern, und Mentees, Geflüchteten, die hier leben. „Das Patenschaftsprogramm beruht auf der Bereitschaft, sich ehrenamtlich um andere zu kümmern“, erklärt Sarah Naaseh, die Koordinatorin des Programms. Ihren arabischen Nachnamen hat die Deutsche von ihrem Mann angenommen, der aus Damaskus, der Hauptstadt Syriens, stammt. Natürlich sind Mentoren und Mentees nicht immer männlich. Es gibt auch viele weibliche Paten. Allerdings gibt es fast nur gleichgeschlechtliche Paarungen, was an den Herkunftskulturen der meisten Geflüchteten liege. Dort dürften oft nähere Beziehungen zwischen Männern und Frauen außerhalb von Ehe und Verwandtschaft kaum existieren, ein männlicher Mentor käme für die meisten weiblichen Flüchtlinge nicht in Frage und umgekehrt. Jedoch hat Sarah Naaseh in Einzelfällen auch Verbindungen zwischen Männern und Frauen vermittelt. Inhalt der meisten Patenschaften ist Nachhilfe in Deutsch oder Schulfächern. Es gibt aber auch Zweierteams, bei denen Mentor und Mentee gemeinsame Hobbys und Sportaktivitäten ausüben. Beide Seiten werden daher nicht rein zufällig zusammengebracht, sondern nach ihren Interessen und Zielen gefragt. Wenn die Koordinatorin zwei Personen für zueinander passend hält und sie einander vorstellt, heißt das Match. Um gute Matches herauszufinden, stellt sie im Erstgespräch den möglichen Mentoren und Mentees einzeln zwanzig Fragen zum Bildungshintergrund, zu den Zielen in der Patenschaft oder einfach zu bevorzugten Stadtteilen für mögliche Treffen. Damit gewinnt sie einen ersten Eindruck von der Persönlichkeit und Verfügbarkeit der Beteiligten. Hat sie zwei, die zu passen scheinen, lädt Sarah Naaseh zu einem Treffen zu dritt ein. Verstehen sich die beiden dann gut, schließen sich mehrere Treffen ohne die Koordinatorin an.

          Die Mentoren sind zwischen 17 und 83 Jahre alt

          Nach drei Wochen erkundigt sich die 34-Jährige, wie es läuft. Meist ist das Feedback positiv. Daraufhin schließen die beiden eine Mentoring-Vereinbarung ab, in der die Häufigkeit der Treffen und der Inhalt, wie zum Beispiel gemeinsam einen Ausbildungsplatz für den Mentee finden oder ihn bei seinem Hauptschulabschluss unterstützen, festgehalten werden. Eine Altersbegrenzung gibt es bei Mentoren nicht, Minderjährige benötigen das Einverständnis der Erziehungsberechtigten. Die Mentoren in Ostfildern sind zwischen 17 und 83 Jahre alt, die meisten bewegen sich zwischen 40 und 60. Es gibt Schüler, Studentinnen, Mütter, Väter, Berufstätige und Rentner. Für Mentees gibt es ebenso keine Altersbegrenzung, die Jüngsten sind Grundschüler, die Ältesten um die 50. Die meisten sind zwischen 15 und 35 Jahre alt, was den niedrigen Altersdurchschnitt der Geflüchteten spiegelt.

          Der Großteil der Mentees ist seit 2015 nach Deutschland gekommen. Unter den Geflüchteten sind Menschen, die nicht lesen und schreiben können, ebenso wie solche mit abgeschlossener Schulausbildung und einige Akademiker. Die meisten kommen aus Syrien und Afghanistan. Einige stammen aus Afrika, aus Nigeria oder Gambia. Sie sind in der Regel vor Kriegen, Gewalt oder politischer Verfolgung geflüchtet. Flüchtlinge aus China sind meistens Uiguren, die aufgrund ihres muslimischen Glaubens verfolgt werden. Auf der Flucht, oft über das Mittelmeer, haben viele Traumata erlebt. Deshalb vermittelt Sarah Naaseh auch Weiterbildungen, in denen Mentoren lernen, wie sie mit den belastenden Erlebnissen ihres Mentees umgehen können. Ziel der Patenschaften sei, dass der Mentee seinen Mentor nicht mehr brauche. Aber auch nach dem offiziellen Ende der Patenschaft halten beide manchmal lange Kontakt.

          Viele in Ostfildern sind schon ehrenamtlich engagiert

          Für das Engagement der Paten gibt es kein Geld. Der Freundeskreis Asyl Ostfildern übernimmt Sachkosten, etwa für Materialien im Rahmen von ehrenamtlichem Deutschunterricht. Seit 2016 wurden mehr als 500 Patenschaften geschlossen oder verlängert. Die größte Schwierigkeit bestehe darin, Mentoren zu finden, da viele Bürger in Ostfildern bereits anderweitig ehrenamtlich engagiert sind. „Ich mag es, Menschen dabei zu unterstützen, dass sie ihre Fähigkeiten entwickeln und wir voneinander lernen können. Da viele Flüchtlinge in den letzten Jahren aus Syrien und dem Irak kamen, kann ich auch meine Sprach- und Kulturkenntnisse gut einsetzen“, berichtet die Koordinatorin. Sie ist die einzige hauptamtliche Kraft im Projekt, hat vier Jahre an der Universität Arabisch studiert und davon ein Jahr in Syrien verbracht. Finanziert wird ihre Stelle zur Hälfte von der Bürgerstiftung Ostfildern aus Mitteln des Programms „Chancenpatenschaften“ des Bundesfamilienministeriums und zur Hälfte von der Stadt. Für die Erstgespräche mit Mentees, die kein Arabisch verstehen und auch kaum Deutsch können, gibt es städtische Dolmetscher, die für eine Aufwandsentschädigung von 15 Euro übersetzen. Für die Klienten ist der Service kostenlos. Der aus Pakistan geflüchtete Mentee Ahmed Waqas lernte seinen Mentor, einen begeisterten Hobbyelektroniker, im vergangenen November kennen. Der 27-jährige Waqas ist im dritten Jahr einer Kfz-Mechatroniker-Ausbildung und bekommt Unterstützung in Fächern der Berufsschule, die elektrotechnisches Wissen erfordern. Durch den Einsatz von Ehrenamtlichen können sich viele Geflüchtete in Ostfildern integrieren und eine neue Heimat finden.

          Weitere Themen

          Wenn man die Angst hören kann

          Angriffe in Israel und Gaza : Wenn man die Angst hören kann

          Die Heftigkeit der Angriffe der Hamas und des israelischen Militärs, aber auch der Gewalt in Israel selbst haben viele überrascht. Und alle fragen sich: Wird diese „Runde“ bald vorüber sein und wird sich etwas ändern?

          Topmeldungen

          Rettungskräfte in der südisraelischen Stadt Sderot versorgen eine Frau nach einem Raketenangriff aus dem Gazastreifen am 12. Mai

          Angriffe in Israel und Gaza : Wenn man die Angst hören kann

          Die Heftigkeit der Angriffe der Hamas und des israelischen Militärs, aber auch der Gewalt in Israel selbst haben viele überrascht. Und alle fragen sich: Wird diese „Runde“ bald vorüber sein und wird sich etwas ändern?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.