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Pasinger Markt : Lieber unter freiem Himmel handeln

  • -Aktualisiert am

Bild: Andrea Koopmann

Sie halten Abstand vom Supermarkt und sind stolz auf ihre lange Tradition. Die Händler vom Pasinger Viktualienmarkt pflegen ihre Münchener Geschichte.

          Dieser Ort hat Tradition. Das bemerkt man gleich beim Betreten des Viktualienmarkts im Münchner Stadtviertel Pasing. Sobald man von der Straße durch ein Tor, das nachts verschlossen wird, den Innenhof betritt, ist es, als ob man sich in einem zeitlosen Raum befindet: Der erste Blick fällt auf Rosen und Nelken, an den Nebenständen quellen Salatköpfe aus einer Kiste, daneben finden sich zu einer Pyramide aufgestapelte Äpfel. Begleitet wird das Ganze von einer Geräuschkulisse, bestehend aus Schwätzchen über das Wetter oder Neuigkeiten in der Nachbarschaft, während unter den Planen und Markisen der Stände Schutz vor Regen zu finden ist.

          Die königliche Regierung genehmigte den Grünzeugmarkt

          Seit dem 2. Oktober 1937 werden hier Obst aus der Region, Gemüse, Südfrüchte, Fleischwaren und Milchprodukte verkauft, auch Kräuter und Pflanzen sind zu erwerben. Seine Anfänge nahm der Markt aber nicht in dem vom Krieg verschonten Innenhof neben dem Rathaus, sondern an einem anderen Standort. Im Januar 1907 wurde durch die königliche Regierung von Oberbayern ein „Grünzeugmarkt“ an der südwestlichen Ecke des Pasinger Marienplatzes gegenüber dem Institut der Englischen Fräulein genehmigt. Nach der Erhebung Pasings zur Stadt 1905 hatte der Magistrat die Marktgründung beschlossen. So konnte nach der Einigung über die äußere Gestaltung des Marktes am 16. März 1907 der erste Markttag abgehalten werden.

          Hygieneverordnungen und EU-Vorschriften

          Über Wirtschaftlichkeitsberechnungen, Änderungen der Marktordnung sowie Verlegungen des Handelsplatzes aufgrund zunehmenden Verkaufsverkehrs entwickelte sich der Markt weiter, nach dem Wechsel an seinen aktuellen Standort hat sich sein Aussehen aber nur unwesentlich verändert, trotz späterer Renovierungs- und Umbaumaßnahmen. Doch genau dieses befürchten die jetzigen Ständler: Zurzeit wird nämlich an einem Konzept zum Umbau des Markts zu einer Halle gearbeitet. Gründe dafür sind Modernisierungsmaßnahmen nach EU-Vorschriften, da die Hygieneverordnungen aufgrund fehlender Lager-, Kühl-, und Arbeitsflächen sowie Wasseranschlüssen, Sanitäranlagen und Sozialräumen für das Personal wohl nicht erfüllt werden können. Also schlagen die Planer für den Pasinger Markt, derzeit 1120 Quadratmeter groß, einen Neubau vor, der dem Grundriss des alten folgt, aber breitere Gebäude hat. Damit könnten 27 Prozent mehr Fläche geschaffen werden. Alternativ ist ein Obergeschoss denkbar.

           Ludwig und Aloisia Adler und ihre Gärtnerei

          „Da sind wir aber alle dagegen“, sagt Sandra Schuster, eine Mitarbeiterin des Standes Gärtnerei Adler. Die Gärtnerei ist ein Familienbetrieb, der 1928 von Ludwig und Aloisia Adler gegründet wurde. Ihr Stand ist der älteste noch bestehende auf dem Pasinger Viktualienmarkt und bietet ein breites Repertoire an in Unterglas und Freilandkulturen wachsenden Gemüsen und Blumen. „Was unterscheidet uns dann noch von einem Supermarkt?“, fragen sich jetzt viele Ständler. Die Befürchtung liegt nahe: Ein Umbau würde mindestens zwei Jahre dauern und die vorübergehende Umsiedlung bedeuten, nur wohin? „Ein Stand hier, ein Stand da - das ist doch kein Markt mehr!“, sagt Sandra Schuster. Der besondere Charakter des Einkaufens an der frischen Luft sowie der besondere Kundenkontakt, vor allem bei Familienbetrieben wie der Gärtnerei, bei der manche Kunden schon seit zehn bis zwanzig Jahren kaufen, die Mitarbeiter diese mit Namen ansprechen und deren Kinder haben aufwachsen sehen, das alles würde durch eine Neubauhalle verlorengehen.

          Fünf Lagen an kalten Tagen

          Solche sozialen Kontakte oder auch Marktfeste mit Musik sind die schönen Erlebnisse. Doch es gibt auch Schlimmeres wie zum Beispiel der Einbruch im Juni. Bislang unbekannte Täter gelangten über eine Mülltonne auf das Dach und so in den Innenhof des Verkaufsbereichs. Dort hebelten sie die Türen zu sieben Geschäften aus, brachen mehrere Kassen auf und entwendeten Bargeld. Nach den Einbrüchen konnten sie unerkannt entkommen. Verkauft wird natürlich auch bei Regen und im Winter. Die Verkäufer wissen, dass sie an manchen Tagen fünf Lagen anziehen müssen und die Planen bei unter null Grad geschlossen werden. Die Nutzung des Markts regelt sich über die Markthallensatzung der Markthallen München, einem Eigenbetrieb der Stadt. Die Händler haben zum Beispiel keinen Mietvertrag, sondern erhalten eine Zuweisung. So ist auch eine generelle Aussage über die Gebühren für einen Stand nicht möglich, da aufgrund vieler Faktoren - Art des Standes, Sortiment - für jeden Stand eine besondere Gebühr zustande kommt.

          Das war im Bildungsbürgertum modern

          Anfragen nach einem Stand kommen auf eine Vormerkliste. Um das Gleichgewicht zu erhalten, wird ein frei werdender Stand prinzipiell mit dem gleichen Sortiment besetzt. Die Stände werden nach verschiedenen Kriterien vergeben: Konzept, Erfahrung, wirtschaftlicher Hintergrund. Die Satzung beruht auf einer langen Tradition. So wie der Name Viktualienmarkt, dessen Wortursprung im lateinischen Wort für Lebensmittel liegt und der im 19. Jahrhundert entstand, als es im Bildungsbürgertum modern war, lateinische Begriffe einzudeutschen, sind auch viele Abläufe ihrem Ursprung treu geblieben.

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