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Ornithologin : Bezaubernder Gesang des Amselhahns

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Eine Geigenlehrerin zählt gefiederte Sänger und erfreut sich an den Vogelstimmen. Auch deshalb putzt die Ornithologin selten ihre Fenster.

          Durch den Garten, der das efeubewachsene Haus in Rüti im Zürcher Oberland umgibt, ertönt hier und da Vogelgezwitscher. „Jetzt gerade kann man einen Hausrotschwanz hören“, erklärt Christa Zollinger. Dass die 58-Jährige Vögel anhand ihres Gesanges erkennen kann, ist nichts Ungewöhnliches. Seit zehn Jahren arbeitet sie für den Schweizer Vogelschutz (SVS) als Ornithologin. Christa Zollinger sitzt im Wohnzimmer, das von ihrer Liebe zur Musik erzählt. An den Wänden hängen kleine Geigen, Lauten, in der Ecke stehen ein Klavier und eine Gitarre, im angrenzenden Zimmer erkennt man eine Harfe. „Ich muss für die Arbeit, die ich mache, Vögel am Gesang erkennen können.“ Christa Zollinger ist Verantwortliche für ein Gebiet, das sich mehr als 100 Quadratkilometer von Grüningen bis nach Rapperswil am Zürichsee erstreckt. In diesem Areal gehen sie und ihre Mitarbeiter während der Brutzeit, die von März bis Juli andauert, auf Vogelsuche.

          Fürs Avimonitoring in Zürich

          Sie müssen eine vorgegebene Strecke zu einer exakt vorgegebenen Zeit abmarschieren und währenddessen darauf achten, welche Vögel sie an welchem Ort hören. „Oftmals starten wir schon eineinhalb Stunden vor Sonnenaufgang, damit wir auch wirklich die ersten Klänge miterleben. Der Hausrotschwanz und auch die Amseln sind die Ersten, die man hört.“ Die Vögel, die sie hören konnten, tragen sie mit einem Kürzel auf der Karte ein. Alle gesammelten Daten sind für das sogenannte Avimonitoring Zürich bestimmt, eine Plattform, auf der die Bestände jedes einzelnen Vogels in der Schweiz aufgezeichnet sind. Sie stellt ihr Wissen dem Brutvogelatlas, der im November erscheinen wird, zur Verfügung.

          Hauptberuflich ist die Mutter zweier erwachsener Töchter Geigenlehrerin. Allerdings faszinierte sie die Biologie genauso wie die Musik schon immer. „Die Musik fiel mir aber leichter. Während meiner Gymizeit waren wir mal mit dem Biolehrer im botanischen Garten. Dort mussten Studenten einen Kaktus in einer Vitrine beobachten und schauen, wie sich unterschiedliche Temperaturen auf diese Pflanze auswirkten. Das erschien mir doch recht langweilig, und da dachte ich, dass ich lieber nicht Biologie studieren will“, erzählt Christa Zollinger lachend. Deshalb entschied sie sich für das Musikstudium. Später, als ihre Kinder zur Schule gingen, besuchte sie Kurse zur Feldornithologie an der Universität Zürich und des SVS. Heute arbeitet die Ornithologin immer wieder in den ihr zugeteilten Gebieten, wie der Insel Ufenau im Zürichsee oder in Bäretswil.

          Der erste Dreizehenspecht im ganzen Kanton

          Ein Höhepunkt für Christa Zollinger war, als sie während des Kartierens fürs Avimonitoring eine seltene Entdeckung machte. „Zuoberst auf einem Hügel auf unserer Strecke bei Bäretswil konnte ich einen Specht ausmachen, der kein Buntspecht war. Wir hatten das Glück, den ersten Dreizehenspecht im ganzen Kanton Zürich aufzuzeichnen. Da durfte ich einen Vortrag vor vielen Ornithologen halten.“ Um einen seltenen Vogel zu entdecken, muss die herzliche Frau nicht zwingend fort. „Einmal während des Geigenunterrichts, bemerkte ich, wie ein kleiner Vogel, am Ast dieser Pappel im Garten klopfte. Es war ein Kleinspecht. Da musste ich einfach das Fernrohr holen und neben dem Geigenkasten der Schülerin aufstellen. So konnte ich ihn dann filmen.“ Neben solch schönen Erlebnissen wird sie immer häufiger mit dem vermehrten Aussterben der Vögel konfrontiert. „Verkehr, Katzen, andere Raubvögel, die Pestizide der Landwirtschaft, aber auch Fensterscheiben sind alles Faktoren, die den Tod der Vögel herbeiführen.“ Da Letztere die Natur um den Vogel herum spiegeln, fliegen sie oft weiter und knallen hinein. Grund dafür ist, dass unsere Fensterscheiben einfach zu sauber sind. „Wenn bei mir die Scheiben eher schmutzig sind, ist es wegen der Vögel“, lacht die Besitzerin von zwei Katzen und streicht sich die blonden, gewellten Haare fort.

          Schlafgemeinschaften gegen den Frost

          Unter all den Vögeln, die es in der Schweiz gibt, findet man das kleine Wintergoldhähnchen, den kleinsten Vogel Europas, der hier auch den Winter verbringt. Dieser hat es Christa Zollinger besonders angetan. Ihre blauen Augen leuchten: „Die Wintergoldhähnchen sind sehr faszinierend. Diese Vögel sind etwa fünf Gramm schwer und unglaublich süß. Sie bilden Schlafgemeinschaften, damit sie in der Nacht nicht erfrieren, und haben am Tag nichts anderes zu tun, als Springschwänze in der Baumrinde zu fressen. Durch die Bewegung ist es für sie warm genug, um den kalten Winter in der Schweiz zu überstehen. Ist das nicht ein Wunder, wie sich die verschiedenen Vögel angepasst haben?“ Für Christa Zollinger ist die Gemeinsamkeit von Ornithologie und Musik der Gesang der Vögel. Hat sie einen Lieblingsgesang? Sie streicht sich die Bluse glatt und überlegt: „Einen der schönsten Gesänge hat die Amsel. Jeder Amselhahn kreiert seinen eigenen Gesang, sie sind Komponisten, im Gegensatz zur Nachtigall zum Beispiel. Ich hatte sogar schon mal einen Amselhahn im Garten, der eine meiner Schülerinnen nachgeahmt hat, indem er Passagen aus einem Stück immer wieder gesungen hat. Die Amsel hat wie ihre Geige geklungen.“

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