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Orchideen : Ihr blüht Wunderbares

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Wer blüht, darf ins Wohn- oder Schlafzimmer ziehen. Unter dem Dach von Portugals Orchideenexpertin Graziela Meister gedeihen 2000 Exemplare.

          Um 17 Uhr kommt die Sonne nochmals heraus. Graziela Meister sitzt in ihrem Sessel in ihrem großen, alten Haus in Boavista in Porto und erzählt, wie es begonnen hat. Zu ihrer Hochzeit, vor 50 Jahren, hatte sie nur eine Orchidee als Brautstrauß. „Damals haben die Bräute fast immer einen Strauß aus Orangenblüte gehabt, weil er ein Symbol von Keuschheit war, aber ich wollte es nicht“, sagt die portugiesische Expertin für Orchideen. Bei ihrem deutsch-schweizerischen Vater, der Pflanzen liebt, ist sie als Kind auf einem Bauernhof aufgewachsen, wo es viele Blumen gab. Die große Leidenschaft für Orchideen wuchs, als sie endeckte, dass es 35 000 natürliche Arten gibt. „Ich habe immer wieder eine neue Art kennengelernt. Man sagt, dass wir orchideensüchtig werden, weil wir uns damit zu viel beschäftigen und immer neue Orchideen kaufen müssen“, lächelt sie. Sie ist sich sicher, dass sie in diesem Sessel schon weit mehr als zehn Interviews gegeben hat. Wenn jemand eine Frage zu Orchideen hat, dann weiß er, dass er hier eine Antwort bekommt.

          Mit ihrem Mann nach Madeira

          Als sie 22 Jahre alt war, kam sie mit ihrem Mann, der als Arzt oft zu medizinischen Konferenzen ins Ausland fuhr, auch nach Madeira. Dort hat sie ihre ersten Orchideen gekauft. Sie zeigt auf die Orchideen, die in einer Ecke auf einem Regal neben ihrem Sofa stehen, und erklärt, dass es vor 50 Jahren in Porto nur einen Blumenladen in der Baixa gab, der Orchideen verkaufte, und auch nur wenige Sorten. Die einzigen, die damals zu finden waren, waren Symbidium, Cattleya und Paphiopedilum, die astronomische Preise hatten.

          Einige Jahre später, vor 40 Jahren, hat das Ehepaar das jetzige Haus in Porto gebaut, in dem es zwei unterschiedliche Gewächshäuser gibt, das gemäßigte Treibhaus im Garten mit einer Temperatur zwischen 12 und 20 Grad und das andere, das heiße, im Dachgeschoss mit 18 bis 34 Grad. „Ja, zu Hause habe ich ungefähr 2000 unterschiedliche Orchideen, aufgeteilt in 90 Gattungen und 800 Arten. Meine Lieblingsorchidee ist die Schomburgkia crispa. Diese Art ist in Portugal nicht leicht anzupflanzen, und nur wenige Leute besitzen diese Blumenart. Bis jetzt habe ich viel Erfolg gehabt, und jedes Jahr blühten einige. Sie brauchen mehr als ein Jahr, um sich zu entwickeln, aber dann blüht ein wundervolles Bouquet, das mehr als einen Monat überlebt.“ Draußen hängen überall unterschiedlich farbige, kleinere und größere Blumentöpfe. Im Vorgarten stehen große Bäume, an deren Wurzeln sich grüne Orchideen festhalten und sich davon ernähren können, ohne weitere Substrate.

          Acht Vorträge im Monat

          Auf die Frage, ob sie alle Namen auswendig kennt, antwortet Graziela Meister mit „Ja“. Ab dem Moment, wenn die Orchideen anfangen zu blühen, nimmt die Expertin sie nach innen und verteilt sie im Wohnzimmer und Schlafzimmer. Um neue Orchideenarten zu kaufen, musste sie in der Zeit, als es noch kein Internet gab, immer Briefe nach Deutschland schreiben, um sie zu bestellen. Seit zwölf Jahren gibt es die Orchideenvereinigung Associação Portuguesa de Orquidofilia, APO, die früher den Geschäftssitz in Lissabon hatte. Die APO ist Teilnehmer des European Orchid Council (EOC), sie hat mehrere Plattformen und eine geschlossene Facebookgruppe für die Beteiligten. Ein Jahr später wurde Graziela Meister Präsidentin der Vereinigung, so dass heute die Hauptgeschäftsstelle in ihrem großen Haus in Porto ist. Zuvor war sie schon Mitglied in entsprechenden Vereinigungen in Deutschland, England und den Vereinigten Staaten. Die Anzahl der Mitglieder in Portugal, die in jedem Jahr 25 Euro zahlen müssen, ist in den vergangenen zehn Jahren von 55 auf 530 gewachsen. Die APO bringt vier Zeitschriften im Jahr heraus und veranstaltet sieben bis acht Vorträge im Monat, um die Interessierten auf den neuesten Stand zu bringen.

          Der Verein kauft im Monat ungefähr 100 Orchideen in Deutschland für 1400 Euro. Jedes Jahr organisieren die Mitglieder zwei internationale Ausstellungen auf rund 4500 Quadratmetern im Exponor in Porto, die insgesamt 6000 Besucher anlocken. Hinzu kommen noch zwei nationale Präsentationen im Monat. Dabei stellt die Organisation APO Orchideen aus mehreren Regionen aus, beispielsweise aus Taiwan, Brasilien, Kolumbien, aus Deutschland oder Argentinien, um sie den Zuschauern zu zeigen und zum Kauf anzubieten. Obwohl Graziela Meister schon 2000 Orchideen zu Hause hat, kauft sie immer, wenn sie eine neue sieht.

          Jeden Morgen ins heiße Treibhaus

          „Die meisten Menschen fragen mich, ob die Orchideen viel Zeit kosten. Eigentlich nicht. Womit ich mehr Zeit verbringe, ist die Vorbereitung der monatlichen nationalen Vorträge, weil ich mich immer wieder informieren und neue Themen bearbeiten muss. Manchmal muss ich die eine oder andere Präsentation auf Galizisch machen, weil wir auch manchmal Vorträge in Spanien machen.“ Als Präsidentin muss sie alle Ausstellungen organisieren. Aber ihre eigenen Orchideen vergisst sie nie. Jeden Morgen, bevor sie sich fertig macht, geht sie in das heiße Treibhaus und sieht nach, wie es ihnen geht. Nachdem sie ihr Frühstück gemütlich auf ihrem Sofa eingenommen hat, kümmert sie sich um die anderen. Man darf nie vergessen, sie zu gießen und alle 8 bis 15 Tage zu düngen. Es sei ein teures Hobby, sagt die Präsidentin, die Kosten für die Treibhäuser seien ziemlich hoch. Die Düngemittel hielten heutzutage länger und seien eigentlich billig, aber zum Beispiel koste eine spezielle Jalousie 450 Euro. Was jetzt billiger sei, ist der Kauf der Orchideen, die früher rund 40 Euro kosteten und jetzt nur rund 15. Im Winter steigen die Kosten natürlich, weil die Treibhäuser beheizt werden müssen. Und Wasser und Elektrizität? „Wenn man die Ausgaben einer Waschmaschine mit der Kultivierung der Orchideen vergleicht, kostet die Waschmaschine das Dreifache.“

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